. Tag der Organspende 2018

Auch Urologen fordern Widerspruchslösung

Transplantationsmediziner suchen nach neuen Wegen aus der Misere der Organspende. So wird der Ruf nach der Einführung der sogenannten Widerspruchslösung immer lauter. Auch die Deutsche Gesellschaft für Urologe spricht sich dafür aus.
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Tausende Menschen warten auf ein Spenderorgan - viele vergeblich

Die Zahl der Organspender geht seit Jahren immer weiter zurück. Als Folge davon wird in Deutschland der Ruf nach einer Änderung der Gesetzeslage immer lauter. Auch die Bundesärztekammer (BÄK) fordert nun den Gesetzgeber auf, die Widerspruchslösung zur Organspende einzuführen. Und sogar BÄK-Präsident Dr. Frank Ulrich Montgomery, der die Widerspruchslösung lange Zeit für in Deutschland nicht umsetzbar hielt, sprach sich mittlerweile dafür aus.

Die Widerspruchslösung sieht vor, dass Hirntoten Organe entnommen werden dürfen, sofern sie dem zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen habe. In Deutschland gilt zurzeit die sogenannte Entscheidungslösung, bei der die Betroffenen zu Lebzeiten einer Organentnahme zugestimmt haben müssen oder die Angehörigen die Entscheidung übernehmen.

Die Deutschen entscheiden sich nicht

Auch die Deutsche Gesellschaft für Urologie e. V. (DGU) begrüßt ausdrücklich die Forderung der Widerspruchslösung, wie sie anlässlich des Tages der Organspende am 2. Juni mitteilte. Die Fachgesellschaft hatte sich bereits zu Jahresbeginn angesichts einer 2017 historisch niedrigen Zahl von Organspenden für Systemkorrekturen und gegen die derzeit geltende Entscheidungslösung ausgesprochen. Andere Fachgesellschaften sprechen sich ebenfalls für die Widerspruchlösung aus.  

Obwohl die Bundesbürger Umfragen zufolge zu über 80 Prozent der Organspende positiv gegenüberstehen, ist die Zahl der postmortalen Spenden in Deutschland in den vergangenen sechs Jahren von 1046 auf nur noch 797 pro Jahr gesunken. Der Prozentsatz der Krankenversicherten, die seit Einführung der Entscheidungslösung 2012 einen Organspendeausweis ausgefüllt haben, wächst dabei nur noch schleppend und lag im vergangenen Jahr bei 36 Prozent.

„Wir brauchen Reformen und müssen mit einem Wechsel weg von der sogenannten Entscheidungslösung beginnen, die weltweit nur in Deutschland praktiziert wird und wenig bewirkt“, erklärt DGU-Präsident Professor Paolo Fornara. „Wir werden zwar von den Krankenkassen über die Organspende aufgeklärt, wirklich entscheiden muss sich aber niemand“, kritisiert Fornara, der selbst Transplantationsmediziner und zudem Mitglied der Ständigen Kommission Organtransplantation sowie der Prüfungs- und Überwachungskommission der Bundesärztekammer ist.

 

Bundesärztekammer für Widerspruchslösung

Von jedem Bürger könne erwartet werden, dass er sich nach der gesetzlich geregelten Aufklärung durch die Krankenkassen mit der Problematik auseinandersetze und im Falle einer Ablehnung sein Nein zur Organspende formuliere, befindet die BÄK. Die verbreitete Sorge vor einer Bevormundung der Bürger teilen weder die DGU noch der Berufsverband der Deutschen Urologen e.V. (BvDU). „Die Widerspruchslösung ist vielmehr eine echte Entscheidungslösung, die jedem Versicherten die volle persönliche Entscheidungsfreiheit lässt“, so BvDU-Präsident Dr. Axel Schroeder.

In anderen Ländern wird schon länger auf die Widerspruchslösung gesetzt, mit positiven Ergebnissen: So wurden im vergangenen Jahr in Spanien mit 46,9 postmortalen Organspendern pro einer Million Einwohner rund fünf Mal mehr Spender als in Deutschland verzeichnet. Mit nur 9,7 Spendern pro einer Million Einwohner ist Deutschland im Vergleich zu anderen Mitgliedsländern von Eurotransplant das Schlusslicht. Im internationalen Vergleich reicht es gerade für Platz 30 - hinter dem Iran und vor Rumänien.

Auch die Lebendspende muss gestärkt werden

„Um die Situation der über 10. 000 Menschen zu verbessern, die in Deutschland auf ein Spenderorgan warten, bedarf es aber mehr als der Einführung der Widerspruchslösung“, betont Fornara. Zur weiteren Systemkorrektur seien unter anderem bundesweit einheitliche Aufgaben und Arbeitsbedingungen für Transplantationsbeauftragte, eine angemessene logistische, personelle und finanzielle Ausstattung der Entnahmekliniken sowie eine bessere Nachsorge erforderlich.

Auch beim Thema Lebendspende gibt es in Deutschland Nachholbedarf. Während ein Dialysepatient in Deutschland im Durchschnitt ein Jahr auf eine Nierenspende warten muss, sind es in Deutschland sechs Jahre. Dabei entwickelt sich die Medizin hier immer weiter: „Blutgruppenungleiche Nierentransplantationen und neue schonendere operative Techniken wie die laparoskopische und die roboterassistierte Nierentransplantation sind heute auch bei einer Nierenlebendspende medizinisch möglich“, erläutert Transplantationsmediziner Fornara. Dennoch erhielten von den rund 8000 Dialysepatienten in Deutschland im vergangenen Jahr nur 557 eine neue Niere.

Foto: horizont21 / fotolia.com

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