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Känguru-Methode nutzt Frühchen viele Jahre lang

Die sogenannte Känguru-Methode zeichnet sich durch besonders viel Nähe und Hautkontakt zwischen Baby und Eltern aus, was die Bindung stärkt. Nun hat eine Langzeitstudie gezeigt, dass Frühchen davon auch noch Jahrzehnte später profitieren können.
Känguru-Methode

Die Känguru-Methode fördert die Bindung zwischen Eltern und Kind

Bei der Känguru-Methode (englisch „kangarooing“) wird das nackte Baby auf den ebenfalls nackten Oberkörper der Mutter oder des Vaters gelegt. Damit es nicht auskühlt, wird es zugedeckt und kann auch in einem Umschlagtuch getragen werden – wie ein Känguru-Junges im Beutel der Mutter. Durch die Körpernähe und den Hautkontakt wird die Eltern-Kind-Bindung gestärkt, was die psychosoziale und emotionale Entwicklung des Kindes fördern soll. Nun hat eine Langzeitstudie untersucht, ob es einen Unterschied zwischen Frühgeborenen, die in den ersten Wochen ihres Lebens diesen intensiven Körperkontakt mit den Eltern hatten, und anderen Frühchen gibt. Das Ergebnis: Frühchen profitieren offenbar gesundheitlich und emotional von der Känguru-Methode, und das sogar noch Jahrzehnte später. Sogar die Intelligenz soll dadurch gefördert werden.

Känguru-Kinder wiesen größere emotionale Stabilität auf

Das „Kangarooing“ hat Forschern zufolge mehrere positive Effekte. Zum einen wird bei der Mutter durch die Körpernähe das Hormon Oxytocin ausgeschüttet, das als wichtiger Bestandteil für die Entwicklung der Mutter-Kind-Bindung gilt. Gleichzeitig wird das Baby durch die Stimme der Mutter oder des Vaters akustisch stimuliert und beruhigt, hört ihren Herzschlag und nimmt den Körpergeruch der Eltern wahr. Auch die Stillbeziehung zwischen Mutter und Kind soll durch den engen Kontakt verbessert werden, und häufig verlängert sich sogar die Stilldauer.

Für die Studie der Forscher um Nathalie Charpak von der Fundación Canguro in Bogota, Kolumbien, wurden die Daten von 264 zwischen 1993 und 1996 geborenen Frühchen, die bei ihrer Geburt weniger als 1800 Gramm wogen, berücksichtigt. Das getestete Programm umfasste dabei weit mehr als nur die Känguru-Methode: Die gesamte Familie der Frühchen wurde einbezogen und im Umgang mit den Babys geschult. Als Kontrollgruppe fungierten Frühchen, die in ihren ersten Lebensmonaten auf herkömmliche Weise vor allem im Brutkasten betreut wurden. Im Alter von 18 bis 20 Jahren wurden die ehemaligen Frühchen dann intensiv untersucht und befragt.

Wie sich zeigte, hatten die Känguru-Kinder später deutliche Vorteile: So zeigten sie beispielsweise weniger Aggressivität, Impulsivität und Hyperaktivität als Kinder, die ihre ersten Lebenswochen zumeist im Brutkasten verbracht hatten. Sogar die Sterberate der Känguru-Frühchen war niedriger als bei der Kontrollgruppe.

 

Höhere Intelligenz durch „Kangarooing“?

Die Forscher stellten zudem fest, dass Kinder, die mit der Känguru-Methode versorgt worden waren, im Durschnitt einen höheren Intelligenzquotienten aufwiesen – dieser Unterschied zeigte sich besonders bei sehr leichtgewichtigen Babys. Der Unterschied war auch noch 20 Jahre später nachweisbar. Auch hatten die Kinder aus dem Känguru-Programm später bessere Schulnoten und fehlten weniger oft im Unterricht.

Aufgrund der vergleichsweise kleinen Zahl der berücksichtigten Kinder sind die Ergebnisse dennoch mit einiger Vorsicht zu betrachten. Zudem ist unklar, ob es wirklich nur das Kangarooing war, dass die Vorteile erbrachte. Nach Ansicht der Studienautoren beruhen die positiven Ergebnisse der Känguru-Gruppe auch darauf, dass die Eltern durch die begleitenden Schulungen besser über die Bedürfnisse ihrer Kinder Bescheid wussten. Dies hatte vor allem bei ärmeren Familien mit geringem Bildungsgrad einen großen Effekt.

Positive Effekte für die ganze Familie

Das Programm habe sich auch auf die Familien insgesamt positiv ausgewirkt, so die Autoren. So wiesen diese Familien einen besseren Zusammenhalt und ein liebevolleres Miteinander auf. Ein weiterer interessanter Effekt: Die Eltern waren eher zusammengeblieben, wenn auch der Vater das Frühchen im Tuch herumgetragen hatte.

Wie Charpak betonte, können auch kleine Effekte bei Frühchen sehr wichtig sein: „Kleine Auswirkungen wie geringfügige kognitive Defizite, eine schlechtere Feinmotorik, verminderte Hör- oder Sehfähigkeit und Konzentrationsstörungen können unentdeckt bleiben, haben aber tiefgreifende Effekte auf das Leben der Familien.” Ein weiteres positives Merkmal der Methode ist, dass sie relativ einfach und so gut wie überall auf der Welt anwendbar ist.

Foto: © Mario - Fotolia.com

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Hauptkategorie: Medizin
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