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27.01.2019

Erhöht künstliche Befruchtung das Geburtsrisiko?

Ungewollt kinderlose Paare befürchten oft, dass eine künstliche Befruchtung das Risiko für Frühgeburten oder andere Komplikationen erhöht. Rostocker Forscher geben jetzt Entwarnung. Zwar sei das Geburtsrisiko bei diesen Paaren generell erhöht, doch das liege nicht an der Art der Empfängnis.
Künstliche Befruchtung, Geburstrisiko, Kinderwunsch

Für viele Paare ist die künstliche Befruchtung der einzige Weg zum Wunschkind

Etwa jedes zehnte Paar in Deutschland gilt als ungewollt kinderlos. Häufig wird dann eine künstliche Befruchtung in Erwägung gezogen. Doch viele Betroffene haben Sorgen, ihr Baby dadurch einem erhöhten Risiko für Komplikationen auszusetzen. Diese Bedenken seien jedoch unbegründet, erklären jetzt Wissenschaftler des Rostocker Max-Planck-Instituts für demografische Forschung. In Vergleichsstudien mit Geschwisterkindern konnten sie zeigen, dass eine künstliche Befruchtung an sich das Geburtsrisiko nicht erhöht. Allerdings sind Paare mit Empfängnisproblemen generell erhöhten Risiken ausgesetzt.

Künstliche Befruchtung nicht gefährlich fürs Kind

Bisher haben Ärzte häufig vor einer künstlichen Befruchtung gewarnt, weil sie das Risiko für niedriges Geburtsgewicht oder eine Frühgeburt erhöhen könnte. Für Paare mit unerfülltem Kinderwunsch hat das die Entscheidung doppelt schwierig gemacht. Denn Frühgeborene und Kinder mit geringem Geburtsgewicht haben häufiger Atembeschwerden oder Herzprobleme, und die Entwicklung des Gehirns und der kognitiven Fähigkeiten kann beeinträchtigt sein.

Tatsächlich steigen diese Geburtsrisiken jedoch nicht durch die Kinderwunschbehandlung, wie ein Forschungsteam des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock, der London School of Economics und der Universität Helsinki nun zeigen konnte. Für ihre Studie, die im Fachjournal „The Lancet“ veröffentlicht wurde, hatte die Wissenschaftler über 1.000 Geschwister analysiert und dabei – anders als frühere Veröffentlichungen – keine Erhöhung der Risiken gefunden. „Paare mit bisher unerfülltem Kinderwunsch müssen sich nicht mehr gegen eine künstliche Befruchtung entscheiden, weil sie dadurch vermeintlich die Geburtsrisiken für ihr Kind erhöhen“, erklärt Mikko Myrskylä, Autor der Studie und Direktor am Rostocker Max-Planck-Institut.

 

Empfängnisprobleme können Risiken dennoch erhöhen

Der Demograf weist darauf hin, dass Kinder, die nach künstlicher Befruchtung geboren werden, dennoch ein höheres Risiko für niedriges Geburtsgewicht und Frühgeburt haben als Babys, die auf natürlichem Weg gezeugt wurden. Dieses erhöhte Risiko entstehe jedoch nicht durch den medizinischen Eingriff. Paare mit Empfängnisproblemen seien ihm generell ausgesetzt – unabhängig von ihrer Entscheidung für oder gegen eine Kinderwunschbehandlung. Die Gründe für dieses per se erhöhte Risiko seien nicht genau bekannt. „Vermutlich spielt die reduzierte Fruchtbarkeit selbst eine Rolle“, sagt Alice Goisis vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung und Mitautorin der Studie.

Ergebnis macht Paaren Entscheidung leichter

Auch wenn dieses ohnehin vorhandene gesteigerte Risiko für die Paare belastend sei, so mache das Ergebnis der Lancet-Studie doch einen großen Unterschied für sie: „Bei der Entscheidung für eine künstliche Befruchtung muss nun niemand mehr das Gefühl haben, damit willentlich die Gesundheit des Kindes zusätzlich zu gefährden“, so die Forscherin.

Es spiele psychisch eine große Rolle für betroffene Paare, ob sie für ihre Kinder ein erhöhtes Risiko in Kauf nehmen müssen, an dem sie ohnehin nichts ändern können, oder ob sie die Gefahr für ihre Kinder willentlich steigern. Letzteres tun sie durch eine Entscheidung für medizinische Befruchtung nämlich nicht. Die Abwägung dafür oder dagegen könne nun unbelastet und sozusagen „ohne schlechtes Gewissen“ getroffen werden. Das dürfte eine Erleichterung für viele sein.

Einzigartige Studie zu künstlicher Befruchtung

Auch in der Vergangenheit hatten Studien versucht, das Risiko durch künstliche Befruchtung festzustellen. Da sie jedoch oft mit unausgewogenen statistischen Methoden und auf Grundlage weniger Geburten rechneten, unterschieden sich die Ergebnisse stark und waren mit großen Unsicherheiten behaftet, wie das Max-Planck-Institut mitteilt. Zum Teil ergaben sich in diesen Studien stark erhöhte Geburtsrisiken.

Für die aktuelle Untersuchung stand nun die bisher größte Datenmenge zu diesem Thema zur Verfügung. Die Forscher wählten aus über 65.000 in den Jahren 1995 bis 2000 geborenen Kindern 1.245 Geschwister aus, von denen jeweils mindestens eins natürlich und eins künstlich gezeugt worden war. Da die Eltern sich von einer Geburt zur nächsten kaum verändert hatten, erlaubte der Vergleich der Geschwister, die Geburtsrisiken allein mit Blick auf den Eingriff der künstlichen Befruchtung zu unterscheiden.

In Deutschland gibt es nicht genügend Daten

Die von den Forschern angewandte „Geschwister-Methode“ ist ein an sich bekanntes Verfahren, um Ursachen für gesundheitliche Risiken verlässlich zu bestätigen oder auszuschließen. Meistens fehlen jedoch ausreichende Daten dazu. Die staatlichen Register Finnlands sind eine der wenigen Ausnahmen. Sie machen der Forschung nicht nur Angaben zu Geburtsdatum, Eltern und Geschwistern für jedes geborene Kind zugänglich, sondern auch zu Geburtsgewicht und Schwangerschaftsdauer. In Deutschland existieren entsprechend verknüpfte Daten nicht.

Foto: © nobeastsofierce - Fotolia.com

Foto: ©nobeastsofierce - stock.adobe.com

Autor: anvo
Hauptkategorie: Medizin
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