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Sekundär progrediente MS: Neue Substanzen enttäuschen

Die sekundär progrediente Multiple Sklerose (MS) ist sehr viel schwerer zu behandeln als die schubförmige. Nun wurden Hoffnungen auf neue Wirkstoffe für diese Form der Erkrankung enttäuscht. Amilorid, Riluzol und Fluoxetin haben sich in Studien als nicht wirksam erwiesen.
sekundär progrediente MS

Für die sekundär progrediente MS wird unter Hochdruck nach Medikamenten gesucht

Die schubförmige Form der Multiplen Sklerose (MS) kann mittlerweile schon recht gut durch medikamentöse Therapien beeinflusst werden. Anders sieht es bei der progredienten (fortschreitenden) MS aus. Hier gibt es bislang kaum wirksame Medikamente. Dies liegt unter anderem daran, dass im späten MS-Verlauf die Entzündungsaktivität abnimmt und somit antientzündliche Therapien kaum noch greifen können. Daher wird intensiv nach anderen Therapiemöglichkeiten gesucht.

Hoffnung machen häufig nicht nur neu entwickelte Wirkstoffe, sondern auch Substanzen, die bereits aus der Behandlung anderer Erkrankungen bekannt sind und auch für die sekundär progrediente MS vielversprechend wirken. Untersucht wurden nun insbesondere der Amilorid, ein Diuretikum, der Riluzol, das sonst gegen ALS eingesetzt wird, und das Antidepressivum Fluoxetin.

Keine Verlangsamung des Krankheitsgeschehens

Mit allen drei Präparaten wurde im Jahr 2015 eine Phase-IIb-Studie begonnen. Die Ergebnisse wurden nun im Fachmagazin „Lancet Neurology“ publiziert. 445 Patienten mit sekundär progredienter MS hatten eines der drei Medikamente oder ein Placebopräparat erhalten. Die Behandlung in den vier Gruppen erfolgte über 96 Wochen, das Patientenalter lag zwischen 25 und 65, ihr EDSS-Behinderungsgrad betrug 4 bis 6,5.

Nach Studienende konnte im MRT keine Unterschiede zwischen den drei Medikamenten-Gruppen im Vergleich zu Placebo festgestellt werden. Schwere Nebenwirkungen waren selten und in allen Gruppen ähnlich häufig – am häufigsten waren dabei Infektionen. Drei Patienten verstarben an nicht-therapiebedingten Ursachen wie Lungenkrebs und Herzinfarkt.

Auch wenn frühere, kleinere klinische Untersuchungen mit den drei Testmedikamenten Hoffnung gemacht hatten, konnte in der neuen Studie das Fortschreiten der progredienten MS somit nicht verlangsamt werden.

 

Hoffnung auf Kombinationstherapien

„Die Studie ist für das Feld wichtig und sehr gut gemacht“ erklärt Professor Dr. Heinz Wiendl, Sprecher des Kompetenznetzes Multiple Sklerose (KNNMS), Direktor der Klinik für Neurologie mit Institut für Translationale Neurologie an der Westfälischen Universität Münster. In dieser Studie hatten die Patienten allerdings keine begleitenden MS-Medikamente erhalten. „Seit Februar 2020 ist mit Siponimod, einem Sphingosin-1-Phosphat(S1P) - Rezeptormodulator der zweiten Generation, in Europa eine erste orale Therapie für die aktive SPMS zugelassen. Zukünftige Studien müssten prüfen, inwieweit Kombinationstherapien, also die Hinzunahme neuroprotektiver Substanzen zu primär immun-wirksamen Substanzen, signifikante Therapieeffekte auf die Progression verstärken können“.

Ein positives Fazit trotz der enttäuschenden Ergebnisse zog Professor Dr. Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN): „Hinweisen auf einen potenziellen Nutzen vorhandener Medikamente muss grundsätzlich nachgegangen werden und letztlich bringen auch negative Studienergebnisse die Forschung weiter“, Das Vorgehen im Parallelgruppendesign werten die Autoren sowie beide Experten als grundsätzlich erfolgsversprechend.

Foto: © Adobe Stock/Minerva Studio

Autor: anvo
Hauptkategorien: Gesundheitspolitik , Medizin
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