. Gesundheitssytem

Krankengeld: Versuchen Krankenkassen, psychisch Kranke zu beeinflussen?

Versuchen Krankenkassen, psychisch Kranke zu bestimmten Behandlungen zu drängen oder aus dem Krankengeld in den Rentenstatuts zu überführen? Das war Thema einer Kleinen Anfrage der FDP-Fraktion an die Bundesregierung.
Krankenkassen, Krankengeld

Ein Brief von der Krankenkasse - für viele Patienten bedeutet das zusätzliche Sorgen

Mehr als 100 Fälle sind dokumentiert, in denen Krankenkassen versucht haben, Einfluss zu nehmen auf eine psychotherapeutische Behandlung von Patienten, die Krankengeld erhielten. Das berichtet der Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten (bvvp). Laut Verband liegen Ergebnisse einer Untersuchung vor, nach der Krankenkassen immer wieder versuchen, ihre Versicherten zu beeinflussen und mit der Aufhebung von Krankschreibungen drohten, falls gewisse Anweisungen nicht befolgt werden. Nun hat die FDP in einer Kleinen Anfrage nachgefragt, welche Informationen der Bundesregierung zum Krankengeldmanagement der Krankenkassen bei psychisch kranken Menschen vorliegen.

Einzelfälle oder regelmäßiges Vorgehen?

Laut bvvp drängen Krankenkassenmitarbeiter Patienten zur Beantragung von Reha-Maßnahmen – auch entgegen der Empfehlung der behandelnden Psychotherapeuten –, zur Nutzung anderer Behandlungsangebote, zu Facharztbesuchen, stationären oder tagesklinischen Aufenthalten und Rentenantragsstellung.

Auf die Anfrage der FDP-Fraktion antwortete die Bundesregierung, dass es dazu bei den einzelnen Aufsichtsbehörden lediglich vereinzelte Beschwerden der Versicherten gebe. Die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) widerspricht: „Das ist nicht die ganze Wahrheit“, erklärt Dr. Dietrich Munz, Präsident der Kammer. In den Beratungen der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD) zeige sich ein anderes Bild.

 

Versicherte kenne ihre Rechte oft nicht

In ihren Jahresberichten stelle die UPD immer wieder fest, dass eines ihrer wichtigsten Beratungsthemen das Krankengeld ist, so die BPtK. Im Patientenmonitor 2019 schildert die UPD zum Beispiel, dass Krankenkassen ihre Versicherten auffordern, innerhalb von zwei Wochen einen Rehabilitationsantrag zu stellen, obwohl sie eigentlich zehn Wochen Zeit haben.

Dies sei aber keine einfache Entscheidung, betont die UPD, denn der Rehabilitationsantrag wandelt sich unter bestimmten Bedingungen automatisch in einen Rentenantrag. Viele Versicherte kennen die ihnen zustehenden Fristen nicht und haben auch nicht die Kraft, sich mit solchen Schreiben auseinanderzusetzen.

Bundespsychotherapeutenkammer kritisiert Vorgehen mancher Kassen

„Die Bundesregierung sollte zur Kenntnis nehmen, dass die Beratungen von Krankenkassen im Wettbewerb nicht immer im Interesse der Versicherten sind“, so BPtK-Präsident Munz. „Die Krankenkassen haben ein ökonomisches Interesse daran, ihre Ausgaben für Krankengeld zu verringern. Diesem Ziel können berechtigte Anliegen der Patient*innen entgegenstehen. Auf diese nehmen manche Kassen keine Rücksicht.“

Der Gesetzgeber hat die Krankenkassen damit beauftragt, ihre Versicherten zu beraten, wenn sie Leistungen ihrer Krankenkasse erhalten. Sind Versicherte länger als sechs Wochen arbeitsunfähig, leistet nicht mehr der Arbeitgeber die Lohnfortzahlung, sondern die Krankenkasse zahlt Krankengeld. Spätestens dann machen Patient*innen Erfahrungen mit deren Krankengeldmanagement. Neben dem bvvp berichten auch andere Fachverbände seit Jahren von der zunehmenden Einmischung von Krankenkassen in psychotherapeutische Behandlungen.

Foto: Adobe Stock / auremar

Autor:
Hauptkategorien: Gesundheitspolitik , Medizin
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Gesundheitssystem , Psychische Krankheiten , Psychiatrie
 

Weitere Nachrichten zum Thema Psychische Erkrankungen

| Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen haben es nicht leicht auf dem Arbeitsmarkt. Was können die Betroffenen dafür tun, um einen guten Wiedereinstieg in den Job zu finden? Das wurde auf einer Tagung der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (DGPPN) und Gesundheitsstadt Berlin am 14. September in Berlin diskutiert.
 
 

Aktuelle Nachrichten aus der Gesundheit

 
. Weitere Nachrichten
Immer öfter klagen Verbraucher nach dem Verzehr von Produkten aus Weizenmehl über gesundheitliche Probleme. Kurios dabei ist: Manche vertragen die Brötchen vom einen Bäcker nicht, die vom anderen schon. Viele haben Probleme mit Weizen, aber nicht mit Dinkel – dabei sind beide Getreide eng verwandt. Ein Forschungsprojekt der Uni Hohenheim liefert neue Erkenntnisse darüber, warum.
Müdigkeit ist in der Regel ein normales, gesundes Gefühl, das uns darauf aufmerksam macht, dass wir Erholung brauchen. Doch manche Menschen fühlen sich immer müde, auch wenn sie ausreichend schlafen. Dann können ernsthafte Erkrankungen dahinterstecken.
Psychedelische Substanzen wie LSD oder Ketamin sind illegale Drogen. Doch Menschen mit schwer behandelbaren Depressionen können die Psychedelika (eng. Psychedelics) mitunter helfen. Der Psychiater Prof. Bernhard Baune vom Universitätsklinikum Münster fasst den aktuellen Stand der Forschung zusammen.
 
 
. Kliniken
. Interviews
Der klassische Medikationsprozess im Krankenhaus ist fehleranfällig. Untersuchungen untermauern das. Dabei könnte die Digitalisierung die Arzneimitteltherapie wesentlich sicherer machen. Das Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf (UKE) hat schon vor Jahren auf ein Closed Loop Medication Management umgestellt. Gesundheitsstadt Berlin hat mit UKE-Krankenhausapothekerin PD Dr. Claudia Langebrake über die Vorteile des digitalen Medikationsprozesses gesprochen.
Hitzewellen sind eine reale Gefahr für die Gesundheit und lassen die Mortalitätsrate ansteigen. Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem wissenschaftlichen Leiter des Zentrums für Medizin-Meteorologische Forschung des Deutschen Wetterdienstes (DWD) in Freiburg, Prof. Dr. Andreas Matzarakis, über Hitzewarnsysteme und die Auswirkungen von Hitzewellen auf unsere Gesundheit gesprochen.
Das Essen in deutschen Krankenhäusern hat keinen besonders guten Ruf. Dabei lässt sich mit wenig Mehraufwand viel erreichen. Der Internist und Ernährungsmediziner Prof. Dr. Christian Löser erklärt die medizinischen und ökomischen Effekte einer gesunden Ernährung im Krankenhaus.