Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
Logo Gesundheitsstadt Berlin
Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
 

HIV-Selbsttest könnte für viele Menschen sinnvoll sein

Samstag, 9. Dezember 2017 – Autor: anvo
In Deutschland erfahren viele Menschen immer noch sehr spät, dass sie an HIV erkrankt sind. Für diese Personen könnte ein Selbsttest, wie er in mehreren Ländern bereits erhältlich ist, sinnvoll sein. Das betonen Experten der Gesellschaft für Virologie (GfV).
HIV-Test

Experten hoffen, mit einem HIV-Selbsttest für zu Hause die Dunkelziffer der Infektionen reduzieren zu können – Foto: ©jarun011 - stock.adobe.com

Über 88.000 Menschen in Deutschland leben mit HIV. Viele von ihnen erfahren erst sehr spät, dass sie infiziert sind - oft sogar erst dann, wenn sie bereits schwer erkrankt sind. Das ist aus mehreren Gründen problematisch, wie Experten der Gesellschaft für Virologie (GfV) betonen: Zum einen sollte die Therapie möglichst frühzeitig nach der Infektion beginnen. Außerdem können diese Menschen unabsichtlich andere anstecken. Ein HIV-Selbsttest für zu Hause, vergleichbar mit einem Schwangerschaftstest, wäre nach Ansicht der Experten eine Möglichkeit, die Dunkelziffer zu verringern. In einer aktuellen Stellungnahme spricht sich die GfV daher grundsätzlich für die Zulassung solcher Tests aus – mahnt aber auch an, die mit den Selbsttests verbunden Risiken weitestmöglich zu minimieren.

Mit HIV-Selbsttest könnten mehr Betroffene erreicht werden

„Es ist auffällig, dass seit Jahren unverändert bei über einem Viertel der HIV-Neudiagnosen die Infektion erst dann festgestellt wird, wenn der Betroffene bereits erkrankt ist oder die Zahl der T-Helferzellen unter 350/µl liegt, was einer fortgeschrittenen HIV-Infektion entspricht“, erklärt Professor Josef Eberle vom Max von Pettenkofer-Institut der Ludwig-Maximilians-Universität München, dem nationalen Referenzzentrum für Retroviren. „Das bedeutet, dass wir trotz der vielen, auch anonymen und kostenlosen Angebote für einen HIV-Test nicht alle Infizierten erreichen.“ Für diese Menschen könnte ein Selbsttest, wie er in mehreren Ländern bereits erhältlich ist, eine Chance darstellen.

Allerdings darf ein HIV-Selbsttest in Deutschland bislang nicht an Privatpersonen abgegeben werden. Derzeit wird aber geprüft, ob die Medizinprodukte-Abgabeverordnung entsprechend verändert werden sollte. In England beispielsweise sind die Tests zugelassen, und erste Erfahrungen scheinen vielversprechend zu sein. So äußerten Personen, die den Test gemacht haben, dieser sei einfach zu handhaben. Von Panikreaktionen als Folge falsch-positiver Testergebnisse wurde kaum berichtet.

 

Risiken des Selbsttests beachten

Dennoch gibt es Risiken bei den Tests. So weist die GfV auf mögliche Probleme bei der Qualität hin: „HIV-Schnelltests mit CE-Prüfzeichen, die Blut aus der Fingerkuppe verwenden, sind zwar mit HIV-Labortests der vierten Generation durchaus zu vergleichen“, erklärt Eberle. „Unterlegen sind sie den Labortests jedoch in Bezug auf den Infektionsnachweis, wenn sie in einer sehr frühen Phase der Infektion durchgeführt werden. Ein Betroffener wiegt sich also womöglich in falscher Sicherheit, und dies zu einem Zeitpunkt, zu dem das Übertragungsrisiko besonders hoch ist.“ Dies gelte umso mehr bei Selbsttests, die nicht Blut, sondern einen speziellen Mundabstrich (oral fluid) als Testmaterial nutzen.

Problematisch sei zudem eine mögliche Fehlinterpretation des Testergebnisses durch den Nutzer, so der Virologe. Denn erst drei Monate nach einer möglichen Ansteckung liefert ein Selbsttest ein sicheres Ergebnis. Tests, die davor durchgeführt werden, sind nur bedingt aussagekräftig. Zudem weisen Tests stets eine gewisse Fehlerquote auf – ein positives beziehungsweise negatives Ergebnis kann falsch sein. Bei einem Test im Fachlabor wird das Resultat dagegen mittels eines Bestätigungstestes überprüft, bevor der Betroffene informiert wird.

GfV plädiert für Abgabe an Privatpersonen

Trotz dieser Bedenken befürworten die GfV-Experten die Abgabe von Selbsttests an Privatpersonen, um die weitere Ausbreitung der HIV-Infektion zu verhindern und Infizierten einen frühzeitigen Therapiebeginn zu ermöglichen. „Es muss jedoch gewährleistet sein, dass die Tests klare Informationen zum Umgang mit den Ergebnissen enthalten“, betont Professor Eberle. „Dazu gehören der Hinweis auf die Drei-Monats-Frist und die mögliche Fehlerquote sowie die Empfehlung, im Falle eines positiven oder unklaren Befunds diesen noch einmal mit einem laborgestützten Verfahren überprüfen zu lassen und gegebenenfalls auch psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen.“

Foto: © gamjai - Fotolia.com

Hauptkategorie: Medizin
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: HIV , AIDS , HIV-Test , HPV , Hepatitis
 

Weitere Nachrichten zum Thema HIV

 

Aktuelle Nachrichten

Mehr zum Thema
Prof. Hendrik Streeck leitet Deutschlands erstes Institut für HIV-Forschung am Universitätsklinikum Duisburg-Essen. Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem US-Rückkehrer über sein größtes Ziel gesprochen: eine präventive Impfung gegen HIV.
 
Weitere Nachrichten
Der Ukraine-Krieg führt uns vor Augen, dass auch Mitteleuropa verwundbar ist. Wie real ist die Gefahr durch militärisch oder terroristisch missbrauchte Krankheitserreger? Und wer könnte sie einsetzen? Der Chef-Virologe der Bundeswehr zeichnet im Interview mit uns ein Lagebild.


 
Kliniken
Interviews
Affenpocken verlaufen in der Regel harmlos. Doch nicht immer. Dr. Hartmut Stocker, Chefarzt der Klinik für Infektiologie am St. Joseph Krankenhaus in Berlin Tempelhof, über die häufigsten Komplikationen, die Schutzwirkung der Impfung und den Nutzen von Kondomen.

Zöliakie kann in jedem Lebensalter auftreten und ein buntes Bild an Beschwerden machen. Bislang ist das wirksamste Gegenmittel eine glutenfreie Ernährung. Gesundheitsstadt Berlin hat mit PD Dr. Michael Schumann über die Auslöser und Folgen der Autoimmunerkrankung gesprochen. Der Gastroenterologe von der Charité hat an der aktuellen S2K-Leitinie „Zöliakie“ mitgewirkt und weiß, wodurch sich die Zöliakie von anderen Glutenunverträglichkeiten unterscheidet.

Aducanumab ist das erste in den USA zugelassene Medikament, das die Alzheimer typischen Amyloid-Plaques zum Verschwinden bringt. Aber kann der neue monoklonale Antikörper mit dem Handelsnamen Aduhelm auch den Gedächtnisverlust stoppen? Und warum ist die Notfallzulassung in den USA durch die US-Food and Drug Administration (FDA) so umstritten? Darüber hat Gesundheitsstadt Berlin mit dem Neurologen und Alzheimer-Experten Prof. Johannes Levin vom LMU Klinikum München gesprochen.
Logo Gesundheitsstadt Berlin