. Folgen der Pandemie

Corona-Krise: Experten befürchten Zunahme häuslicher Gewalt

Ausgangsbeschränkungen, geschlossene Schulen, Doppelbelastungen – viele Familien sind diesen Herausforderungen nicht gewachsen. Konflikte und Streits drohen zu eskalieren. Vor allem in Familien, in denen es schon vor der Krise zu Gewalttaten kam, kann es jetzt richtig gefährlich werden.
häusliche Gewalt, Corona

Häusliche Gewalt ist weit verbreitet; in der aktuellen Krise wird sie wahrscheinlich noch zunehmen

Experten gehen davon aus, dass es während der Corona-Krise zu einer deutlichen Zunahme häuslicher Gewalttaten kommt. „Wir müssen leider mit dem Schlimmsten rechnen“, sagt Jörg Ziercke, Bundesvorsitzender des WEISSEN RINGS, Deutschlands größter Hilfsorganisation für Opfer von Kriminalität. „Die Corona-Krise zwingt die Menschen, in der Familie zu bleiben, hinzu kommen Stressfaktoren wie finanzielle Sorgen und Zukunftsunsicherheit. Diese Spannung kann sich in Gewalt entladen“, warnt Ziercke. „Unsere Opferhelfer kennen das von Festtagen wie Weihnachten: Wenn die Menschen tagelang zu Hause sind, gehen die Fallzahlen in die Höhe.“

Gewalttaten nicht mehr von Außenstehenden bemerkt

Ein weiteres Problem: Durch die Ausgangssperren sind Kindern und Frauen auch temporäre Flucht- und vor allem Hilfemöglichkeiten wie Schule, Sportvereine, Freizeiteinrichtungen oder Freunde verwehrt. Gleichzeitig sieht niemand mehr mögliche Verletzungen.

Wie groß die Gefahr ist, belegen aktuelle Berichte aus China, wo Familien zum Teil bereits seit zwei Monaten in häuslicher Quarantäne leben. In dieser Zeit hätten sich die Hilfegesuche von Gewaltopfern verdreifacht, erklärte eine Sprecherin der Frauenrechtsorganisation Weiping vor kurzem gegenüber der britischen BBC. Experten befürchten nun auch für Deutschland, dass mit den Maßnahmen zum „Social Distancing“ Tausende Gewaltopfer den Tätern ausgeliefert sind.

 

Jugendämter arbeiten auf Sparflamme

Häusliche Gewalt ist auch in „normalen“ Zeiten in Deutschland alltäglich: Mehr als 140.000 Fälle wurden 2018 bei der Polizei angezeigt, so der WEISSE RING. Statistisch wird demnach knapp alle vier Minuten ein Mensch Opfer von Gewalt in den privaten vier Wänden. Die Dunkelziffer ist allerdings erheblich. Und in diesem Jahr könnten es wegen der Corona-Maßnahmen noch deutlich mehr Opfer werden.

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, befürchtet wegen der Corona-Krise auch eine Zunahme sexueller Gewalt gegen Kinder. „Jeder, der sich im Kinderschutz engagiert und für das Kindeswohl kämpft, der ist im Moment in größter Sorge“, erklärte Röhrig gegenüber dem rbb. Daher sei es jetzt besonders tragisch, dass die Jugendämter nur auf Sparflamme oder im Notbetrieb arbeiten könnten.

Betroffene benötigen jetzt noch mehr Aufmerksamkeit

„Wir müssen wohl davon ausgehen, dass innerfamiliäre Gewalt in den nächsten Wochen deutlich ansteigt“, erklärt auch Saskia Etzold, Vize-Chefin der Berliner Gewaltschutzambulanz. „Der Bereich, in dem sonst häusliche Gewalt gegen Kinder auffällt, also in Schulen, Kitas oder bei Tagesmüttern, ist ja gerade weggefallen.“

Auch wenn jetzt noch keine klaren Zahlen vorliegen: Die Gewalt geschieht in diesem Moment. Sichtbar wird sie aber erst werden, wenn die Kontaktsperren aufgehoben sind. Denn – auch das zeigen die Erfahrungen der Opferhelfer nach den Weihnachtstagen – Betroffene melden sich in der Regel nicht, solange sie mit den Tätern auf engem Raum zusammensitzen.

Familienmitglieder, Nachbarn und Bekannte sollten daher in dieser Zeit besonders achtsam sein. Wer sich Sorgen macht, sollte sich Jugendämter und Hilfsorganisationen wie den WEISSEN RING wenden. In akuten Gefahrensituationen ist die Polizei zu alarmieren.

Foto: © Adobe Stock/Tiko

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Hauptkategorien: Medizin , Corona
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