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Wo sich die meisten Menschen mit Corona anstecken

Forscher der TU Berlin haben errechnet, wo sich die meisten Menschen mit dem Coronavirus infizieren. Demnach kommt es fast ausschließlich in geschlossenen Räumen zu Virusübertragungen. Ein Bereich spielt dabei eine besonders große Rolle.
Ohne Maske, ohne Test: Private Treffen sind die größten Treiber des Infektionsgeschehen. Das haben Forscher um Kai Nagel von der TU Berlin errechnet

Ohne Maske, ohne Test: Private Treffen sind die größten Treiber des Infektionsgeschehen. Das haben Forscher um Kai Nagel von der TU Berlin errechnet

Geschieht es in U-Bahnen, Supermärkten, am Arbeitsplatz oder Zuhause? Die Politik hat in zwei Drittel aller Fälle keine Ahnung, wo sich die Menschen mit dem Coronavirus anstecken. Dabei wäre diese Information entscheidend, um gezielte Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Forscher der TU Berlin sind den Behörden da einen Schritt voraus. Das Team um Prof. Kai Nagel vom Fachbereich Verkehrssystemplanung und Verkehrstelematik hat ein Modell entwickelt, das das Infektionsgeschehen in die einzelnen Lebensbereiche aufdröselt. Die Simulationen zeigen, wie sich der R-Wert zusammensetzt - mit einer Schwankungsbreite von plus/minus 0,1. Die Reproduktionszahl (R) beziffert die Anzahl der Menschen, die im Durchschnitt von einer Corona-positiven Person angesteckt werden.

Private Treffen 100 Mal gefährlicher als der Einkauf im Supermarkt

Den größten Anteil am Infektionsgeschehen haben demnach private Treffen. Besuche von Freunden, Bekannten oder Verwandten tragen demnach 0,6 Punkte zum R-Wert bei. Die zweithäufigste Ansteckungsquelle sind die unvermeidlichen Kontakte im eigenen Haushalt. Ihr Beitrag zum Beitrag zum R-Wert beträgt 0,5. In beiden Fällen, so die Forscher, werden üblicherweise keine Masken getragen und auch keine Schnelltests durchgeführt. Außerdem dauern die privaten Kontakte in der Regel lange, länger als im Supermarkt zum Beispiel. Und es wird viel miteinander geredet, auch das ist ein Infektionstreiber, über Aerosole nämlich. Laut Kai Nagel „ist ein Treffen mit Freunden 100 Mal gefährlicher als ein Einkauf im Supermarkt.“

 

Schulen und Arbeitsplatz haben einen deutlichen Anteil am Infektionsgeschehen

Für Kontakte bei der Arbeit haben die Forscher einen Beitrag zum R-Wert von 0,2 errechnet, so es sich nicht um Einzelbüros handelt und ohne Maske gearbeitet wird. Der Beitrag der Kontakte in den Schulen beträgt ebenfalls 0,2 – wenn vollständig geöffnet wird.

„In der Summe führen diese einzelnen Beiträge zu einem R-Wert deutlich über 1 und damit nach allen unseren Simulationen zu höheren Inzidenzen und einer stärkeren Krankenhausbelastung als im Dezember 2020“, fasst Prof. Kai Nagel die Ergebnisse zusammen.

Ansteckungen passieren praktisch nun in Innenräumen

Eindeutig konnten die Wissenschaftler zeigen, dass Bereiche, in denen ungeschützte Kontakte in Innenräumen weiterhin möglich sind, dramatisch zum Infektionsgeschehen beitragen und den R-Wert deutlich über 1 treiben. Kontakte im Freien spielen demnach im Infektionsgeschehen praktisch keine Rolle. Und auch dort, wo Maske getragen und getestet wird, ist das Ansteckungsrisiko eher geringer. Folglich raten die Forscher, alle Bereiche zu beteiligen, statt in einem einzelnen Bereich weitere Schutzmaßnahmen hinzuzufügen. „Zum Beispiel hat nach der Einführung der Maskenpflicht im Einzelhandel die vollständige Schließung nicht-essenzieller Geschäfte kaum zusätzliche Wirkung“, sagt Kai Nagel.

Umgekehrt würde die Öffnung der Innengastronomie die Pandemie weiter anheizen. Nagel prognostiziert einen Beitrag von 0,5 zum R-Wert, würden Restaurants und Cafés wieder öffnen dürfen.

Gehen mit schlechten Ausgangsbedingungen in den Sommer

Aber auch ohne dieses derzeit unrealistische Szenario wird die dritte Welle der Corona-Pandemie im Ergebnis zu deutlich höheren Inzidenzen führen, als die zweite Welle im Herbst. Daran können offenbar auch die Impfungen und das wärmere Wetter nichts ändern. „Bei Fortsetzung des derzeitigen Impftempos werden Mitte April knapp 15 Prozent der Bevölkerung mindestens eine Erstimpfung haben. Das senkt den R-Wert ungefähr um 15 Prozent, und ist damit deutlich zu wenig, um die durch die Virus-Variante B.1.1.7 verursachte Erhöhung des R-Wertes um 35 bis 70 Prozent auszugleichen. Selbst eine 50-prozentige Erhöhung des Impftempos ab 1. April 2021 würde daran nichts mehr ändern. Wir gehen also mit schlechteren Voraussetzungen als 2020 in die wärmere Jahreszeit“, betont Nagel.

Die Simulationen basieren auf Verkehrsdaten, die für jeden einzelnen Wochentag für jede Person aufzeigen, wann, wo und wie sie sich bewegt, wo sie sich aufhält und welche Aktivitäten sie dort ausführt. Außerdem nutzen die Forscher Daten aus der Aerosol-Forschung und aus Corona-Studien.

Vierte Welle im Herbst nicht unwahrscheinlich

Nagel nimmt sogar an, dass es im Herbst zu einer vierten Welle kommen wird. Mutanten wie die brasilianische und die südafrikanische könnten sich dann auch unter Geimpften ausbreiten. Zudem sind weitere Viurs-Mutationen sehr wahrscheinlich. „Ich denke, das wird bei Covid ähnlich wie bei der Grippe sein“, erklärte Nagel im Interview mit „WELT“. „Es dürfte mindestens einmal jährlich eine Impfung mit einem neuen Vakzin-Cocktail notwendig sein.“ Heißt im Klartext: Die Bevölkerung müsste bis zum Herbst ein zweites Mal durchgeimpft werden. „Darauf müssen wir uns schon jetzt vorbereiten“, sagt Nagel. „Insbesondere müssen wir die Produktionskapazitäten deutlich steigern.“

Foto: © Adobe Stock/Prostock-studio

Hauptkategorien: Corona , Gesundheitspolitik , Medizin
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