. 10 Jahre Gesundheitsstadt Berlin

„Wo heute Wissenschaft ist, wird morgen Wirtschaft sein“

Qualität und Transparenz in der Medizin waren die ersten Themen, mit denen sich Gesundheitsstadt Berlin ausgiebig beschäftigt hat. Gestern feierte das Hauptstadtnetzwerk seinen zehnten Geburtstag.
10 Jahre Gesundheitsstadt Berlin „Wo heute Wissenschaft ist, wird morgen Wirtschaft sein“

Der Gesundheitsweise Ferdinand Gerlach bei der 10-Jahresfeier von Gesundheitsstadt Berlin: Aus Fehlern sollte man lernen und keine Skandale machen

Die Diskussion um Behandlungsfehler und Patientensicherheit ist seit Jahren ein Dauerbrenner. Öl ins Feuer haben diese Woche gerade die Krankenkassen mit ihrer Behandlungsfehlerstatistik gegossen. Klar, dass auch dies ein willkommener „Zünd-" Stoff für die Podiumsdiskussion am Mittwoch im Roten Rathaus war, die im Mittelpunkt der Jubiläumsfeier von Gesundheitsstadt Berlin stand. Schließlich hatte das Hauptstadtnetzwerk schon ziemlich bald nach seiner Gründung gemeinsam mit dem Tagesspiegel eine bis dato neuartige Qualitäts- und Transparenzoffensive gestartet: 2006 erschien der erste Klinikführer Berlin, der erstmals Qualitätsdaten der Krankenhäuser laienverständlich offenlegte. Inzwischen geht das Standardwerk in die achte Auflage und wurde um den Praxisführer und den Pflegeheimführer erweitert. Berlins Gesundheitssenator Mario Czaja würdigte die Transparenzoffensive als „bundesweit vorbildlich“ und schloss damit auch den vor acht Jahren von Gesundheitsstadt Berlin initiierten „Nationalen Qualitätskongress Gesundheit“ ein.

Neue Sicherheitskultur statt Skandalisieren von Behandlungsfehlern

Zur aktuellen Diskussion um Behandlungsfehler sagte der Vorsitzende des Sachverständigenrates Prof. Ferdinand Gerlach: Angesichts von Millionen Behandlungen, die von 140.000 niedergelassenen Ärzten und mehr als 2.000 Kliniken jedes Jahr durchgeführt werden, sei es mühsam über die tatsächliche Zahl der Fehler und vermeintliche Todesfälle zu spekulieren. „Das Skandalisieren von Fehlern bringt nichts. Viel wichtiger ist doch die Frage, wie man Fehler künftig vermeiden kann“, meinte Gerlach, der zugleich das Institut für Allgemeinmedizin der Uniklinik Frankfurt leitet. „Wir brauchen eine Sicherheitskultur, in der Fehler nicht bestraft werden, sondern offen zugegeben werden können.“ In der Luftfahrt würden Meldungen über Vorkommnisse sogar belohnt; diese Sicherheitskultur habe die Zahl der schweren Unglücke auf ein Minimum reduziert. Schließlich könne man aus jedem Fehler lernen. Nach Ansicht des Gesundheitsweisen befindet sich das deutsche Gesundheitswesen immerhin auf einem guten Weg. Das Aktionsbündnis Patientensicherheit, das Bonner Institut für Patientensicherheit und nicht zuletzt die zahlreichen Bemühungen der Kliniken um eine neue Fehlerkultur zeugten davon, dass bereits ein Umdenken im Gange sei.  

Der Tagesspiegel hat ein eigenes Ressort für die Aufbereitung von Qualitätsdaten geschaffen

Während Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt die wachsende Zahl an Qualitätskriterien, die Kliniken inzwischen offenlegen müssen, als „herben Rückschritt“ kritisierte, verteidigte Gerlach die 290 Qualitäts-Indikatoren. Bei über 40 Fachgebieten und Hunderten verschiedenen Operationen sei eine differenzierte Betrachtungsweise unerlässlich, wenn man nicht Äpfel mit Birnen vergleichen wolle. Dem Tagesspiegel obliegt es nun, aus den unglaublichen Datenmengen die wichtigsten Informationen für Patienten herauszufiltern. „Eine Arbeit für Wahnsinnige“, kommentierte Maroldt ebendiese Aufgabe, für die der Tagesspiegel mittlerweile sogar ein eigenes Ressort eingerichtet hat. Rita Süssmuth, Bundesgesundheitsministerin a.D. sprang dem Chefredakteur beiseite. „Wir müssen aufpassen, dass wir keine Datenfriedhöfe produzieren. Qualitätsdaten sollen doch Orientierung geben und nicht verwirren.“ Trotzdem: Rankinglisten mit den 100 besten Kliniken oder Ärzten, wie sie von der Publikumspresse gerne veröffentlicht werden, seien wiederum zu kurz gefasst. Lorenz Maroldt bezeichnete sie geradezu als unseriös. „Ein Patient braucht einen Arzt, der genau auf sein spezifisches Problem passt, das geben solche Listen einfach nicht her.“

Für Moderator Dieter Kronzucker, ehemaliger Korrespondent der ARD, ein prima Stichwort, um Charité-Chef Prof. Karl-Max Einhäupl nach der Rolle der Charité zu befragen. Die Charité zähle in Deutschland  zu den besten drei Kliniken, wusste Einhäupl zu berichten, in Europa seien indes die "Top-Drei" in England zu finden. Man arbeite aber stetig daran, ganz vorne dabei zu sein. „Für Berlin ist es enorm wichtig, dass wir unsere Rolle weiter ausbauen“, sagte Einhäupl. „Schauen Sie auf die Ost- und die Westküste der USA: Dort wo eine starke Wissenschaft war, ist heute auch eine starke Wirtschaft“. Und selbstbewusst ergänzte Einhäupl: Der Gesundheitsstandort Berlin wäre ohne die Charité nur die Hälfte, aber das gleiche gelte wohl auch umgekehrt.

Berlin profitiert von einer starken Wissenschaft und von seinem Hauptstadt-Bonus

Trotz ihrer langen Teilung hat sich die Metropole Berlin heute – neben München – immerhin zu Deutschlands wichtigstem Standort für biomedizinische Forschung gemausert. Und die Charité dürfte ein ausschlaggebender Faktor für diese Entwicklung sein, war bei der 10-Jahresfeier von Gesundheitsstadt Berlin zu hören. Zudem dürfte auch der Hauptstadt-Bonus ein wesentlicher Grund sein, warum Gesundheit heute zu den stärksten Wachstumsmotoren der Region gehört. Dass zum Beispiel das Medizintechnikunternehmen Otto Bock seit Jahren hier das Science Center betreibt, Pfizer seine Deutschlandzentrale nach Berlin verlegt hat und die allermeisten Branchenverbände und Fachgesellschaften genau wie viele junge Start-up-Unternehmen eine Berliner Adresse haben, sei eben auch dem politischen Umfeld zu verdanken. Und dass Gesundheitsstadt Berlin dieses Umfeld zu einem lebendigen Gesundheitsnetzwerk zusammengeschlossen hat: Ja, dies sei ein wichtiger Verdienst, lobte Mario Czaja. „Gesundheitsstadt Berlin hat viel zur positiven Entwicklung der Berliner Gesundheitswirtschaft beigetragen“, so der Gesundheitssenator. „Das verdient unseren Respekt.“

Besonders hob Czaja auch das Engagement des Netzwerks auf einem weitaus weniger leuchtenden Feld hervor: der Psychiatrie. Hier mache sich die Gesundheitsstadt mit einem bundesweit agierenden Arbeitskreis für bessere Chancen psychisch Kranker auf dem Arbeitsmarkt stark. Prof. Dr. Wolfgang Maier, Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (DGPPN), zeigte das Dilemma von Menschen mit einer psychiatrischen Diagnose auf: „Nur fünf Prozent der Betroffenen arbeiten auf dem Ersten Arbeitsmarkt, 50 Prozent in geschützten Werkstätten und der Rest hat keinerlei Arbeit und damit auch keine Tagesstruktur oder Anerkennung“, so der Psychiater. Dankbar sei er, dass Gesundheitsstadt Berlin hier nun neue Türen aufgestoßen habe.

Rente mit 63 – auch so ein Skandal

„Wir müssen über den Tellerrand der Gesundheit hinaus blicken und auch angrenzende Bereiche miteinbeziehen“, erklärte Ulf Fink, Senator a.D. und Gründer von Gesundheitsstadt Berlin mit Blick auf die Verquickung von Arbeit und Psychiatrie, aber auch mit Blick auf das Thema Demografie. Zu einem glücklichen, gesunden Leben gehöre eben nicht nur eine gute medizinische Versorgung, „sondern auch, dass Menschen eine erfüllende Arbeit haben und möglichst lange im eigenen Wohnumfeld leben können“, meinte Fink. Deswegen habe sich Gesundheitsstadt Berlin auch das Thema demografischer Wandel mit all seinen Facetten auf die Fahnen geschrieben.

Ob es denn eine gute Idee sei, Menschen mit 63 in Rente zu schicken, fragte daher Dieter Kronzucker  in die Runde. „Nein“, meinte etwa die Leiterin des Science Centers Berlin Elisabeth Quack. „Niemand sollte aufgrund seines Alters aus dem Verkehr gezogen werden, wenn er noch arbeiten kann und will.“ Und Rita Süssmuth bezeichnete die Rente mit 63 sogar als Skandal.

Der Mitbegründer von Gesundheitsstadt Berlin Prof. Roland Hetzer, der zum 1. Oktober nach fast dreißig Jahren die Leitung des Deutschen Herzzentrums Berlin abgeben wird, lauschte übrigens interessiert der Diskussion. Mit 70 Jahren geht der weltbekannte Herzchirurg nun offiziell in den Ruhestand. Seinen Posten als stellvertretender Vorsitzender des Hauptstadtnetzwerks Gesundheitsstadt Berlin will Hetzer aber behalten.

Foto: Christian Lietzmann

v.l.n.r: Dieter Kronzucker, Elisabeth Quack, Prof. Werner Maier, Prof. Ferdinand Gerlach

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