. Positionspapier der CDU/CSU-Bundestagsfraktion

Wie viel Macht darf ein Physiotherapeut haben?

Die Arbeitsgruppe Gesundheit der CDU/CSU-Bundestagsfraktion will Physiotherapeuten künftig mit mehr Kompetenzen ausstatten. Was die Heilmittelerbringer freut, schmeckt vielen Ärzten gar nicht.
Wie viel Macht darf ein Physiotherapeut haben?

Physiotherapeuten wollen künftig auch die Diagnose stellen. Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion kommt den Forderungen mit einem Positionspapier entgegen

„Heilmittelerbringer direkter in die Versorgung einbinden“ heißt ein Positionspapier der Arbeitsgruppe Gesundheit der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Das am 24. März verabschiedete Papier stammt maßgeblich aus der Feder des Northeimer Bundestagsabgeordneten und Physiotherapeuten Dr. Roy Kühne und soll seinen Angaben zufolge bereits "auf positive Signale beim Koalitionspartner gestoßen sein." Es enthält die zentralen Kernforderungen der Heilmittelerbringer in Deutschland und die lesen sich nicht gerade bescheiden. Demnach sollen Physiotherapeuten künftig die volle Diagnose-, Therapie- und Ergebnisverantwortung tragen und den „diagnoseabhängigen Therapieverlauf“ eines Patienten so steuern, dass Mehrfachuntersuchungen durch den Arzt entfallen. Argumentiert wird mit geringeren Kosten für das Gesundheitssystem und Versorgungsengpässen durch steigende Patientenzahlen.

Ärzte befürchten Dammbruch

Geht es nach dem Willen der Physiotherapeuten, soll künftig auch der vorherige Arztbesuch und seine entsprechende Verordnung komplett entfallen können. Der Direktzugang für qualifizierte Therapeuten werde geprüft, heißt es in These 3 des Positionspapiers. Die notwendigen Zusatzqualifikationen (60 UE), wie Befunderhebung oder die Erstellung von Therapieberichten, müsse im Zusammenhang mit einer umfangreichen Ausbildungsreform in die Curricula einfließen.

Dass hier an ärztlichen Kompetenzen gerüttelt wird, steht außer Frage. Folglich hagelt es seitens ärztlicher Berufsverbände gehörig an Kritik. „Wenn bisher unbestrittene ärztliche Kernkompetenz durch andere Heilberufe ersetzt wird, handelt es sich um einen Dammbruch mit nicht absehbaren Folgen für die Qualität und Sicherheit der Gesundheitsversorgung“, schreiben die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) und der Berufsverband für Orthopädie und Unfallchirurgen (BVOU) in einer gemeinsamen Stellungnahme. Die Erstellung einer Krankheitsdiagnose und sich daran anschließende Therapieplanungen, Verordnungen und Verlaufsbewertungen seien ärztliche Aufgaben, die nicht an Heilmittelerbringer wie Physiotherapeuten delegierbar seien. „Für physiotherapeutische Behandlungen darf der Weg des Patienten am Arzt nicht vorbeiführen“, betonte DGOU-Generalsekretär Professor Bernd Kladny.

 

Physiotherapeuten: Diagnostik im Crash-Kurs

Bisher ist die Diagnosestellung kein Lehr- und Prüfungselement in der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für Physiotherapeuten. So gehören zur Diagnosestellung etwa von Brüchen an der Wirbelsäule oder einer Entzündung der Bandscheibe auch die Analyse von Blutwerten, Röntgen, Computertomographie und Magnetresonanztomographie. „Hier sind die diagnostischen Möglichkeiten und Kenntnisse zur Diagnosestellung durch Heilmittelerbringer ganz klar eingeschränkt“, sagt Kladny. „Das lässt sich auch nicht mit Zusatzkursen oder wenigen Stunden der Physiotherapieausbildung machen. Wenn das so einfach wäre, dann würden sich ein Medizinstudium und eine Facharztweiterbildung erübrigen.“ Unterm Strich befürchten DGOU und BVOU einen Anstieg und Fehlbehandlungen sowie den Aufbau von Doppelstrukturen. „Wir vermissen zudem eine Aussage zur Finanzierung des geplanten Vorhabens“, sagt BVOU-Präsident Dr. Johannes Flechtenmacher.

Forderung nach besserer Vergütung ist Teil des Positionspapiers

Bei den Physiotherapeuten herrscht unterdessen Aufbruchsstimmung. In einer online-Petition hatten sie bereits Ende Februar 180.000 Stimmen für eine bessere Vergütung der physiotherapeutischen Leistungen gesammelt. Die Forderung nach mehr Geld ist auch in das Positionspapier eingeflossen. „Ich bin froh, dass wir einen breiten Konsens für die von mir geforderten Veränderungen gefunden haben“, sagte Bundestagsabgeorneter Roy Kühne. „Das Positionspapier ist ein starkes Zeichen der CDU/CSU, die Heilmittelerbringer in Deutschland besser in die Versorgung einzubinden und vor allem den Beruf des Therapeuten zukunftsfähig und wieder attraktiv zu machen.“

Foto: © WavebreakmediaMicro - Fotolia.com

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