Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
Logo Gesundheitsstadt Berlin
Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
 
31.07.2020

Wenig Alkohol – weniger geistiger Abbau?

Manchmal kommen Studien zu verblüffenden Ergebnissen. So eine große Kohortenstudie aus den USA. Die zeigt, dass Menschen die regelmäßig wenig Alkohol trinken im Alter bessere kognitive Funktionen haben als Abstinenzler. Neurologen haben eine Vermutung, woran das liegen könnte.
Studie aus den USA: Moderater Alkoholkonsum war mit besseren geistigen Funktionen im Alter assoziiert

Studie aus den USA: Moderater Alkoholkonsum war mit besseren geistigen Funktionen im Alter assoziiert

Alkohol soll gut fürs Gedächtnis sein? Eine große Kohortenstudie aus den USA kommt genau zu diesem Ergebnis. Allerdings geht es um geringen bis moderaten Alkoholkonsum. Damit sind per Definition weniger als acht Drinks pro Woche bei Frauen und weniger als 15 Drinks pro Woche bei Männern gemeint, wobei ein Drink einem kleinen Glas Wein (150 ml) oder Bier (350 ml) entspricht.

Ziel der aktuellen Auswertung war, zu erheben, welchen Einfluss ein geringer bis moderater Alkoholkonsum auf die kognitive Funktion hat und ob er zu einer Veränderung der kognitiven Funktion zwischen mittlerer Lebensphase und Alter führt. Dafür werteten Wissenschaftler die Daten von rund 20.000 Teilnehmern der „Health and Retirement Studie“ (HRS) aus. Bei allen Teilnehmern, die bei Einschluss 65 Jahre und älter waren, wurden seit Beginn der Studie neben zweijährlichen Gesundheitschecks auch kognitive Funktionstests durchgeführt. Dabei ging es um die Worterinnerung, den Wortschatz und den sogenannte mentalen Status. Dieser umfasst verschiedene kognitive Fähigkeiten wie zum Beispiel Gedächtnisleistung, Konzentrationsfähigkeit, Orientierung, Urteilsvermögen, mathematische Fähigkeiten.

Geringere kognitive Abbaurate

Ausgerechnet die Teilnehmer, die einen moderaten Alkoholkonsum angaben, schnitten dabei besser ab, als jene, die nie Alkohol tranken. Die wenig Trinker hatten eine höhere kognitive Funktionskurve und eine geringere kognitive Abbaurate. Die Wahrscheinlichkeit für einen kognitiven Abbau war bei ihnen im Vergleich zu Abstinenzlern um 34 Prozent geringer, auch die Unterschiede zwischen den Gruppen im Hinblick auf mentalen Status, Worterinnerung und Wortschatz waren signifikant – die moderaten Trinker waren den Nicht-Trinkern bei den Testergebnissen überlegen. Der jährliche kognitive Funktionsverlust war in der Gruppe mit maßvollem Alkoholkonsum signifikant niedriger. Dieser Zusammenhang war bei Menschen weißer Hautfarbe besonders deutlich ausgeprägt. Nur bei schweren Trinkern nahm die kognitive Funktion erwartungsgemäß rasant ab.

 

Die Dosis macht das Gift

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie versucht, die Ergebnisse zu interpretieren. Zunächst einmal seien die Ergebnisse nicht als Freibrief für viel Trinken zu werten, meint DGN- Generalsekretär Professor Peter Berlit. „Alkohol ist letztlich ein Zellgift, auf das Nerven- und Gehirnzellen besonders empfindlich reagieren“, so der Neurologe. Übermäßiger Alkoholkonsum schädige nicht nur die Leber, sondern kann zu lebensgefährlichen neurologischen Folgen führen. Das zeige ja die Studie.

Doch die Dosis macht das Gift. Der positive Effekt von geringem bis moderatem Alkoholkonsum ist dem Experten zufolge „wahrscheinlich gefäßvermittelt.“ „Assoziationsstudien haben beispielsweise gezeigt, dass ein Glas Rotwein pro Tag mit einem geringeren kardiovaskulären Risiko einhergeht, also gefäßprotektiv wirken könnte. Vermutet werden antioxidative sowie anti-thrombotische und vasodilatierende Effekte, auch positive Effekte auf den Lipidstoffwechsel durch Anhebung des HDL-Cholesterins“, führt Berlit aus.

Gefäßschützende Wirkung vermutet

Dennoch müsse betont werden, dass ein kausaler Zusammenhang zwischen moderatem Alkoholkonsum und positiven Effekten auf die Gefäß- und Gehirngesundheit bislang nicht nachgewiesen wurde, da Assoziationsstudien grundsätzlich keine Beweiskraft hätten.

Dennoch steht die Hypothese im Raum, dass ein maßvoller Alkoholkonsum eine gefäßschützende Wirkung hat, „Wenn das stimmt, wäre leicht zu erklären, warum er sich auch günstig auf die kognitive Funktion auswirken könnte.“

Ein großer Teil aller Demenzen wird durch Gefäßschäden mitverursacht. Neurologen sprechen von einer vaskulären kognitiven Beeinträchtigung. Dementsprechend schützt alles vor einer Demenz, was die Gefäße gesund hält: Reduktion von Übergewicht, Bewegung, gesunde Kost und Senkung eines zu hohen Blutdrucks und möglicherweise sogar moderater Alkoholkonsum.

Originalarbeit: Zhang R, Shen L, Miles T et al. Association of Low to Moderate Alcohol Drinking With Cognitive Functions From Middle to Older Age Among US Adults.JAMA Netw Open. 2020 Jun; 3(6): e207922.

Foto: © Adobe Stock/alfa27

Foto: ©alfa27 - stock.adobe.com

Autor: ham
Hauptkategorien: Medizin , Demografischer Wandel
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Alter , Alkohol
 

Weitere Nachrichten zum Thema Alkohol

01.10.2019

Jedem ist klar, dass Rauchen Krebs auslösen kann. Dass auch Alkohol Krebserkrankungen begünstigt, ist jedoch nicht so bekannt. Das Krebsrisiko entsteht vor allem beim Abbau des Alkohols.

 

Aktuelle Nachrichten

 
Weitere Nachrichten
Im ersten Lockdown dieser Pandemie ging die Zahl der Schlaganfälle um 17 Prozent zurück. Experten sind überzeugt: Die Symptome wurden bloß nicht ernst genommen. Und das sei fatal.

Antibiotika sind die Standardtherapie bei bakteriellen Infektionen und retten jedes Jahr Millionen von Leben. Aber sie greifen auch die hochkomplexe Darmflora an und damit das Immunsystem. Und: Sie können sogar ihrerseits Krankheiten auslösen. Forscher haben jetzt 1.200 Medikamente daraufhin getestet, ob sie sich hier – parallel verabreicht – als „Gegenmittel“ eignen.

In Israel gelten nur noch Personen mit dritter Impfung als vollständig geimpft. Und tatsächlich sinken die Fallzahlen im Land. Das Vorgehen ist jedoch wissenschaftlich umstritten.
 
Interviews
Aducanumab ist das erste in den USA zugelassene Medikament, das die Alzheimer typischen Amyloid-Plaques zum Verschwinden bringt. Aber kann der neue monoklonale Antikörper mit dem Handelsnamen Aduhelm auch den Gedächtnisverlust stoppen? Und warum ist die Notfallzulassung in den USA durch die US-Food and Drug Administration (FDA) so umstritten? Darüber hat Gesundheitsstadt Berlin mit dem Neurologen und Alzheimer-Experten Prof. Johannes Levin vom LMU Klinikum München gesprochen.

Chronische Fatigue gehört zu den häufigen Langzeitfolgen einer Covid-Infektion. Oft bessert sich der zermürbende Erschöpfungszustand nach einigen Wochen oder Monaten von allein. Doch einige Patienten entwickeln das Vollbild einer myalgischen Enzephalopathie/ Chronisches Fatigue Syndrom (ME/CFS). Gesundheitsstadt Berlin hat mit Professor Carmen Scheibenbogen von der Charité über die Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten des schweren Krankheitsbilds gesprochen.

Logo Gesundheitsstadt Berlin