. Neue Studie

Warum eine Heilung von HIV nach Stammzelltransplantation so selten ist

Die allogene Stammzelltransplantation hat bislang drei Menschen von HIV geheilt. Forscher haben nun herausgefunden, warum der Erfolg so selten ist. Demnach scheint es ein besonders kritisches Zeitfenster nach der Behandlung zu geben.
HIV konnte weltweit erst dreimal durch eine Stammzelltransplantation geheilt werden

HIV konnte weltweit erst dreimal durch eine Stammzelltransplantation geheilt werden

Der „Berliner Patient“ und zwei weitere Menschen konnten bislang mit einer allogenen Stammzelltransplantation von HIV geheilt werden. Unklar ist noch, warum weitere HIV-Patienten nicht mit dieser Therapie geheilt werden konnten. Ein deutsch-französisches Forscherteam ist dieser Frage nun in einer Studie mit 16 HIV-Patienten nachgegangen. Dabei konnten die Wissenschaftler aus Hamburg und Paris beobachten, dass es nach der Stammzelltransplantation ein kritisches Zeitfenster gibt, in dem die Spenderzellen besonders anfällig für eine Infektion mit dem Virus sind.

Erste Wochen nach der Transplantation sind "Fensters der Verwundbarkeit"

„In den ersten Wochen nach einer allogenen Stammzelltransplantation, in denen die Zellen des Spenders und des Patienten noch nebeneinander existierten, waren die CD4+-T-Zellen, sogenannte Helfer-Zellen, besonders aktiviert“, sagt die Erstautorin der Studie, Dr. Johanna Eberhard vom Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE). „Diese Aktivierung könnte die Reaktivierung des HI-Virus und die erneute Aussaat der Infektion in expandierenden CD4+-Spender-T-Zellen fördern."

Weitere beobachteten die Forscher, dass sich nach dieser Zeit aus den Spenderzellen neue, spezifische T-Zellantworten gegen HIV-Proteine entwickelt haben. Die neuen Immunzellen standen also während ihrer Expansion in Kontakt mit den HI-Viren  und wurden darauf trainiert, gegen sie zu reagieren. "Dies wiederum bestätigt die Existenz eines „Fensters der Verwundbarkeit“, in dem eine Infektion von Spender-Zellen auftreten kann, so die HIV-Forscherin.

 

Spenderzellen infizieren sich mit HIV

„Zusammen mit früheren Studienergebnissen zeigen diese Ergebnisse eine Schwachstelle, die möglicherweise erklärt, warum allogene Stammzelltransplantationen das Virus trotz drastischer Verringerung der Anzahl infizierter Zellen im Organismus möglicherweise nicht vollständig aus dem Körper entfernen“, ergänzt Mitautor der Studie, PD Dr. Julian Schulze zur Wiesch, der am Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) zu Themen der HIV-Heilung forscht. Zusätzliche Immuntherapien oder Gentherapien könnten erforderlich sein, um eine anhaltende spontane Kontrolle der HIV-Infektion bei Menschen mit HIV nach allogener Stammzelltransplantation zu erreichen.

An der Studie waren Wissenschaftler des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE), des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) und des Institut Pasteur in Paris beteiligt. Die Studie ist Teil der Arbeit des internationalen IciStem-Konsortiums, das seit 2014 die Mechanismen erforscht, die zu einem erfolgreichen Rückgang des HIV-Reservoirs nach allogener Stammzelltransplantation führen.

Patienten bekommen neues Immunsystem

Allogene Stammzelltransplantation werden zur Behandlung schwerer Blutkrebsarten eingesetzt. Dabei werden zunächst die meisten Immunzellen der Patienten eliminiert. Danach werden Stammzellen eines gesunden Spenders verwendet, um das beschädigte Knochenmark bei den Patienten zu ersetzen. Somit bekommen die Patienten ein neues Immunsystem.

Foto: © Adobe Stock/ artegorov3@gmail

Autor: ham
Hauptkategorie: Medizin
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