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Warum Botox Borderline-Patienten hilft

Dienstag, 13. Dezember 2022 – Autor:
Botulinumtoxin-Spritzen wirken nicht nur auf die Muskulatur, sondern beeinflussen das emotionale Steuerzentrum im Gehirn. Bei Borderline-Patienten dämpft Botox nachhaltig negative Emotionen.
Mit Botox lassem sich Zornesfalten glätten. Die veränderte Mimik wirkt auf die Psyche

– Foto: Adobe Stock/Kaspars Grinvalds

Das Bakteriengift Botulinumtoxin (BTX) - umgangssprachlich auch Botox genannt - ist den meisten Menschen als Mittel gegen Falten bekannt. Doch Botulinumtoxin kann noch mehr: Wird es in die Stirn gespritzt, lindert es Depressionen. Auch bei Menschen mit Borderline-Erkrankung, die an extremen Stimmungsschwankungen leiden, dämpft es nachhaltig negative Emotionen.

Das hat Professor Dr. Tillmann Krüger, Oberarzt und Forschungsgruppenleiter an der Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) schon vor Jahren nachgewiesen - mit seinem Kollegen Dr. Marc Axel Wollmer von der Asklepios Campus Hamburg der Semmelweis Universität. Jetzt haben die Psychiater herausgefunden, wo und wie Botox das Negativ-Programm im Gehirn beeinflusst.

Wut und Anspannung zeigen sich in der Glabella-Region

Mit Hilfe von Magnetresonanztomographie (MRT) haben sie die neuronalen Effekte bei Borderline-Patientinnen sichtbar gemacht. Das Ergebnis: Botulinumtoxin beeinflusst im Gehirn die sogenannte Amygdala oder auch Mandelkern genannte Region im Schläfenlappen, wo Ängste entstehen und verarbeitet werden. Die Arbeit wurde in der Fachzeitschrift Scientific Reports veröffentlicht.

So funktioniert es: Negative Stimmungen drücken sich im Gesicht in der sogenannten Glabellarregion aus, dem Bereich der unteren mittleren Stirn. Sind wir wütend oder angespannt, ziehen sich zwei verschiedene Muskelarten zusammen und lassen über der Nasenwurzel Zornes- oder Sorgenfalten entstehen.

 

Warum Botox Borderline-Patienten hilft

Wird Botulinumtoxin in die Glabellarregion gespritzt, lähmt es diese Muskeln zwischen den Augenbrauen. Weil Gesichtsmimik und psychisches Befinden eng verbunden sind, reduziert sich dadurch auch die Intensität der Emotionen. "Eine entspannte Stirn vermittelt sozusagen ein positiveres Gefühl", erklärt Professor Krüger in einer Mitteilung.  Deswegen hilft Botox Borderline-Patienten. In der Wissenschaft wird diese Rückkoppelung als Facial-Feedback-Theorie diskutiert.

Etwa drei Prozent der Deutschen leiden dem Borderline-Syndrom, mehr als 62 Prozent der Betroffenen sind Frauen. Bereits vier Wochen nach der Botox-Spritze hatten die Patientinnen deutlich verringerte Symptome, was sich auch in den MRT-Bildern zeigte. "Wir konnten sehen, dass Botulinumtoxin das emotionale Dauerfeuer im Mandelkern drosselt, welche die hochgradige innere Anspannung der Betroffenen begleiten", sagt der Psychiater.

Akupunktur-Gruppe zeigte keine neuronalen Veränderungen

Eine Vergleichsgruppe, die mit Akupunktur behandelt wurde, zeigte zwar auch verbesserte klinische Symptome, nicht jedoch die neuronalen Effekte in der MRT-Untersuchung. In einer früheren Meta-Analyse hatten Professor Krüger und sein Team bereits nachgewiesen, dass sich durch eine BTX-Injektion in die Glaballarregion depressive Symptome verbessern.

"Die Behandlung hat gleich mehrere Vorteile: Da die lähmende Wirkung drei oder mehr Monate anhält, muss auch nur in diesen zeitlichen Abständen eine Spritze gesetzt werden. Die seltenen Injektionen sind zudem weniger kostspielig als manche anderen Therapieoptionen und haben eine sehr gute Verträglichkeit und Akzeptanz unter den Patienten", erläutert Professor Krüger.

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