. Interview

„Versuchen Sie, den Lärm unter Ihre Kontrolle zu bringen“

Der Stressforscher und Psychiater PD Dr. Mazda Adli über krankmachenden Lärm, Stresshormone im Blut und wie wir uns gegen Lärmstress wehren können.
Mazda Adli Stressforscher Berlin

Stressforscher Adli: Städte sind immer laut

Herr Dr. Adli, bevor wir gleich über die gesundheitlichen Folgen von Lärm sprechen, könnten Sie bitte einmal erläutern, was Sie unter Lärm verstehen?

Adli: Lärm wird in der Wissenschaft als „ungewolltes Geräusch“ definiert. Wenn Sie Ihre klassische Musik sehr laut aufdrehen, ist das was ganz anderes, als wenn es Ihr Nachbar tut. Deswegen hat Tucholsky Lärm auch als das „Geräusch der anderen“ bezeichnet.

Lärm hat also auch eine subjektive Komponente?

Adli: Auf jeden Fall. Zumal Menschen auch unterschiedlich lärmempfindlich sind. Oft sind es eher ängstliche Menschen, die stärker auf Lärm reagieren. In der Literatur wird jedem dritten eine ausgeprägtere Lärmempfindlichkeit zugeschrieben.

Wann wird Lärm für alle zur Belastung?

Adli: Zur Belastung wird er, wenn er als unkontrollierbar und dauerhaft empfunden wird. Nehmen Sie beispielsweise den Straßen- oder Fluglärm. Lärmstress geht meist auf solche chronischen Umwelteinflüsse zurück. Laut Weltgesundheitsorganisation steht Lärm nach der Luftverschmutzung an zweiter Stelle der krankheitsauslösenden Umweltfaktoren.

Wie macht uns der Lärm denn krank?

Adli: Sehr lauter Lärm kann natürlich die Hörzellen schädigen, aber darüber reden wir jetzt nicht. Menschen reagieren mit dem ganzen Organismus auf Lärm. Stresshormone wie Cortisol, Adrenalin und Noradrenalin werden vermehrt ausgeschüttet. In der Folge steigt der Blutdruck, der Zucker- und Fettgehalt des Blutes nehmen zu und das Blut wird dicker. Das ist auf Dauer belastend für das Herz-Kreislaufsystem. Menschen, die ständig dem Lärmstress ausgesetzt sind, haben darum ein signifikant höheres Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall. Darüber hinaus kann Lärmbelästigung auch auf die Psyche wirken und zu Depressionen und Konzentrationsstörungen führen. Eine Untersuchung aus England hat zum Beispiel gezeigt, dass Kinder, die in lauten Umgebungen groß werden, später lesen lernen als ihre Klassenkameraden aus vergleichsweise leisen Wohnumfeldern. Pro fünf Dezibel verzögerte sich die Lesefähigkeit um zwei Monate.

Was raten Sie als Stressforscher und Psychiater lärmgestressten Patienten?

Adli: Tun Sie was! Wer sich hilflos dem Lärm ausgesetzt fühlt, der wird eher krank als der Aktive. Versuchen Sie, die Lärmquelle und -dauer genau zu ermitteln. Wenn ich zum Beispiel weiß, dass die Bauarbeiter draußen bald Feierabend machen, kann ich den Lärm besser ertragen.

Ist das die Kontrollierbarkeit, von der Sie vorhin sprachen?

Adli: Genau. Hierzu gab es kürzlich eine interessante Studie. Erwachsene mussten Konzentrationsaufgaben lösen, während sie Großstadtlärm ausgesetzt waren. Ein Teil der Gruppe hatte jedoch die Möglichkeit, den Lärm abzuschalten. Diese Gruppe schnitt bei den Aufgaben auch dann besser ab, wenn sie den Lärm gar nicht abschaltete. Das zeigt, dass die Kontrollierbarkeit eine wesentliche Rolle im Stressgeschehen spielt.

Aber sind wir nicht überwiegend Lärmquellen ausgesetzt, die wir gar nicht kontrollieren können?

Adli: Das ist leider so. Lärm ist oft sogar eine versteckte Belastung. Wir wissen aus Studien, dass selbst der Lärm, den wir gar nicht bewusst wahrnehmen, sondern dem wir im Schlaf ausgesetzt sind, gesundheitsschädlich sein kann.

Sie forschen ja ganz intensiv über Stress in der Großstadt. Welche Rolle spielt Lärm in the City?

Adli: Lärm ist einer der ganz wichtigen Stressoren, vor allem dann, wenn er zu sozialem Stress wird, wenn er also überall in unsere Privatsphäre dringt und wir nirgendwo vor ihm sicher sind. Sozialer Stress ist der Stress, der durch Mitmenschen verursacht wird. In meinem Buch „Stress and the City“, das im Mai erscheint, habe ich dem Thema „Lärm“ übrigens ein ganzes Kapitel gewidmet.

Machen Sie darin auch Vorschläge, wie Städte leiser werden könnten?

Adli: Nein. Städte sind immer schon laut gewesen. Das war schon im alten Rom so. Umso wichtiger ist es, den persönlichen Umgang mit Lärm zu lernen. Ob ich die Fenster schließe, jemanden bitte, leiser zu sein oder mir die Geräuschquelle vertraut mache – wichtig ist, dass ich das Gefühl habe, nicht ausgeliefert, sondern Herr der Lage zu sein. Dann ist Lärm deutlich weniger belastend.

PD Dr. med. Mazda Adli ist Chefarzt der Fliedner Klinik Berlin und leitet an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité den Forschungsbereich „Affektive Störungen“. Zudem hat er gemeinsam mit der Alfred-Herrhausen Gesellschaft und führenden Berliner Wissenschaftlern die neue Forschungsdisziplin „Neurourbanistik“ gegründet. 

Hauptkategorie: Medizin
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