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Versorgungsunterschiede bei Mandeloperationen medizinisch kaum erklärbar

Blinddarm-, Prostata-, Mandeloperationen und viele andere Eingriffe werden mancherorts acht Mal häufiger durchgeführt als anderswo, so das Ergebnis zweier aktueller Studien von OECD und Bertelsmann Stiftung. Die Studienautoren halten die Ergebnisse für medizinisch nicht mehr erklärbar – und sehen sogar das Patientenwohl in Gefahr.
Versorgungsunterschiede bei Mandeloperationen medizinisch kaum erklärbar

Da geht was nicht mit rechten Dingen zu: Manche Landkreise liegen gleich bei mehreren Operationen deutlich über dem Durchschnitt

Noch sind die Studien von OECD und Bertelsmann Stiftung gar nicht veröffentlicht, da sorgen sie schon für Schlagzeilen. In einer Vorabpressemeldung teilte die Bertelsmann Stiftung am Freitag Ergebnisse mit, die aber eigentlich nicht überraschen. Denn dass es in Deutschland große regionale Unterschiede in der Gesundheitsversorgung gibt, ist seit mehreren Jahren bekannt, auch aus vorangegangenen Bertelsmann-Studien. Diesmal scheinen die Studienautoren aber äußerst um das Patientenwohl besorgt. 

Während bislang vor allem Knie-, Hüft- und Rückenoperationen sowie Herzkathetereingriffe am Pranger standen, haben die beiden neuen Studien nun auch enorme Auffälligkeiten bei Blinddarm- Prostata- und Mandeloperationen aufgedeckt. Mancherorts würden diese Eingriffe acht Mal häufiger durchgeführt als im Bundesdurchschnitt, heißt es. So würden in einigen kreisfreien Städten und Landkreisen wie Bad Kreuznach, Bremerhaven oder Delmenhorst seit Jahren acht Mal so vielen Kindern die Mandeln herausgenommen wie anderswo.

Große Versorgungsunterschiede auch in Nachbarländern

"Offensichtlich spielen hier andere Faktoren eine Rolle als nur die medizinische Notwendigkeit", sagte Dr. Brigitte Mohn, Vorstand der Bertelsmann Stiftung. Auch beim Einsatz von künstlichen Kniegelenken, bei Kaiserschnitten oder Gebärmutterentfernungen unterscheide sich die Operationshäufigkeit zwischen den Regionen um das Zwei- bis Dreifache. Rein medizinisch seien derart hohe Abweichungen ebenso wenig zu erklären wie durch Alters- oder Geschlechtsstrukturen, sagte auch OECD-Direktor Mark Pearson. "Große regionale Unterschiede in der Gesundheitsversorgung sind ein klares Zeichen für Qualitäts-, Effizienz- und Gerechtigkeitsproblem.“ Mit dem Problem steht Deutschland aber nicht alleine da: Die OECD-Studie kommt für die anderen untersuchten Länder, darunter Frankreich, Spanien und England, zu ganz ähnlichen Ergebnissen.

 

Sind manche Regionen vielleicht unterversorgt? Mohn will den Ursachen auf den Grund gehen

Verantwortlich für die großen regionalen Unterschiede seien keineswegs nur wenige Ausreißer, heißt es weiter. Bei den Mandelentfernungen etwa weichen 137 der 402 deutschen Städte und Gemeinden um mehr als 30 Prozent vom Bundesdurchschnitt ab. Das lege die Vermutung nahe, dass betroffene Kinder in jeder dritten Stadt und jedem dritten Kreis entweder über- oder unterversorgt werden, folgern die Studienautoren.

Stutzig macht die Studienautoren auch, dass einige kreisfreie Städte und Kreise gleich bei mehreren Eingriffen die deutschlandweit höchsten Operationsraten aufweisen. OECD und Bertelsmann Stiftung empfehlen den Ärztekammern und Fachgesellschaften, aber auch den zuständigen Aufsichtsbehörden dringend, diese auffälligen Regionen einer eingehenden Untersuchung zu unterziehen. "Die großen regionalen Unterschiede bestehen seit längerem. Es ist schwer zu verstehen, warum niemand nach den Ursachen forscht, denn hinter den Zahlen können sich in einigen Regionen echte Fehlentwicklungen zulasten der Patienten verbergen", sagte Brigitte Mohn.

Am Dienstag, 16. September wollen OECD und Bertelsmann Stiftung ihre Studien in Berlin dem Fachpublikum vorstellen.

Hauptkategorien: Berlin , Gesundheitspolitik
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