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Unsinn auf Rezept

Ärzte stehen unter dem Druck, helfen zu wollen. Dadurch werden oft unnötige Arzneimittel verschrieben. Manche sind sogar für Patient und Gesellschaft gefährlich.
Angst, den Patienten nichts anbieten zu können: Jedes dritte Rezept für Antibiotika oder Antidepressiva ist überflüssig

Angst, den Patienten nichts anbieten zu können: Jedes dritte Rezept für Antibiotika oder Antidepressiva gilt als überflüssig

Ärzte wollen helfen. Das ist sogar ihre Pflicht. Doch manchmal ist gut gemeint, eben nicht so gut. Besonders wenn es um risikoreiche Arzneimittel geht. Zum Beispiel Antibiotika, deren übermäßige Verordnung nachgewiesenermaßen die Resistenzproblematik beschleunigt. Die DAK geht nach Analysen ihrer Versichertendaten davon aus, dass jede dritte Verordnung überflüssig ist. Überraschend ist das nicht. Denn 95 Prozent aller Antibiotika werden ohne jede medizinische Diagnostik verschrieben, wie eine aktuelle Untersuchung der BKK nun zeigt. Auf Verdacht werden danach auch 75 Prozent aller Reserveantibiotika verschrieben, die eigentlich nur gegen multiresistente Keime eingesetzt werden sollten.

Zufallsmedizin macht Antibiotika wirkungslos

Der BKK-Landesverbandvorstand Dirk Janssen kritisierte die Zufallsmedizin als gefährlich: „Reserveantibiotika sind unsere letzte Verteidigungslinie gegen multiresistente Erreger. Wenn sie wie Bonbons im Karneval verteilt werden, verlieren wir diesen Kampf!“

Mal abgesehen davon, dass Antibiotika allerlei Nebenwirkungen machen, etwa die Darmflora angreifen, entsteht durch das wahllose Ausstellen von Rezepten also auch ein erheblicher gesellschaftlicher Schaden. Hohe Kosten sind das eine, aber noch vieler schlimmer ist, dass wichtige Waffen gegen Infektionskrankheiten verloren gehen.  

 

Jedes zweit bis dritte Antidepressiva überflüssig

Antibiotika stehen aber nicht alleine in der Kritik. Auch Antidepressiva werden viel zu oft unnötigerweise verschrieben.  Psychiater und Neurologen verteidigen die Psychopillen als hoch wirksame Mittel gegen Depressionen und andere psychische Leiden, was niemand abstreiten will. Fragwürdig ist jedoch, warum in vielen europäischen Ländern, den USA und Australien inzwischen jeder zehnte Erwachsene ein solches Medikament erhält.

Forschungen des britischen Professor Tony Kendrick von der University of Southampton haben ergeben, dass in 30 bis 50 Prozent der Fälle ein Antidepressivum nicht notwendig ist. Den Menschen würde es ohne sogar besser gehen, meint er. Doch wer einmal damit angefangen habe, nehme die Medikamente oft dauerhaft ein. Dieses Phänomen hat seiner Ansicht nach zu einer Explosion der Verschreibungen geführt: In Großbritannien stieg zwischen 2008 und 2013 die Zahl der Antidepressivaverordnungen um 48 Prozent, während die Zahl der Depressionsdiagnosen im gleichen Zeitraum nur um 4 Prozent zunahm. Der gleiche Trend lässt sich auch in Deutschland beobachten: Zahlen der Technikerkrankenkasse zeigen, dass 2013 rund 86 Prozent mehr Antidepressiva verschrieben wurden als im Jahr 2000.

„Antidepressiva werden heute fast genauso genutzt wie Statine und Blutdruckmittel“, kritisiert Mediziner Kendrick. Medizinisch zu rechtfertigen sei das nicht.

Antidepressiva greifen in den Chemiehaushalt des Gehirns ein und verursachen Nebenwirkungen, wovon die Gewichtszunahme noch das geringste Übel ist. Hinzukommen vielfältige Entzugssymptome, wenn Patienten versuchen, das Präparat abzusetzen.

Ärzte halten die eigene Ohnmacht nicht aus

Genau wie bei Antibiotika müssten Ärzte eigentlich um die Risiken und Nebenwirkungen wissen. Warum aber verschreiben sie  so viele potente Medikamente unnötigerweise? Die Berliner Frauenärztin und Kommunikationstrainerin Dr. Christine Klapp von Charité hat eine menschliche Antwort parat: „Ärzte haben Sorgen, ihren Patienten nichts mehr bieten zu können“, sagt sie. Die eigene Ohnmacht sei für viele schwer auszuhalten.

Foto: © Kzenon - Fotolia.com

Hauptkategorien: Gesundheitspolitik , Medizin
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