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Unbegründete Drohungen: Gruppe um Matthias Schrappe zweifelt an Divi Intensivregister

Fachgesellschaften, insbesondere Intensivmediziner, hatten eindringlich vor einer Überlastung der Intensivstationen und Triage-Situationen gewarnt. Dass es nicht dazu kam, könnte genau diesen Warnungen zu verdanken sein. Oder wurde etwa bei den Zahlen geschummelt? Eine Gruppe um Matthias Schrappe behauptet das.
In den Statistiken der Intensivmedizin sind nach Ansicht von Matthias Schrape seltsame Dinge geschehen

In den Statistiken der Intensivmedizin sind nach Ansicht von Matthias Schrape seltsame Dinge geschehen

Am Sonntag hat eine Gruppe um den Mediziner Matthias Schrappe, ehemaliges Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung des Gesundheitswesen, eine brisante Ad-Hoc-Stellungnahme vorgelegt. Es geht um die intensivmedizinische Versorgung in Deutschland und dass es hier nicht mit rechten Dingen zugegangen sein soll. Das Papier, das auch von den Gesundheitsökonomen Gerhard Glaeske aus Bremen und dem Rechtsmediziner Klaus Püschel aus Hamburg unterzeichnet wurde, erhebt starke Vorwürfe: Es seien Manipulationen im Intensivbettenregister Divi vorgenommen worden und Krankenhäuser hätten Fördermittel für Intensivkapazitäten bekommen, die nie geschaffen worden seien.

Warnungen vor Kollaps waren unbegründet

Fakt ist, dass die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin Divi sehr medienwirksam vor einem Kollaps der Intensivmedizin warnte und mit Triagesituationen drohte, insbesondere in der dritten Welle. Solche Warnungen gab es auch von weiteren Fachgesellschaften, einige Krankenhäuser darunter Vivantes Berlin und das Universitätsklinikum Dresden sendeten regelrechte Hilferufe ab.

Dass einige Kliniken in Spitzenzeiten der Pandemie am Anschlag arbeiteten oder darüber hinaus, stellen die Autoren des Papiers auch gar nicht in Abrede. Aber die Drohung, wonach es jedem blühen könnte, zu Hause oder vor der Notaufnahmen zu ersticken, wenn nicht gegensteuert werde, sei unbegründet gewesen, heißt es. „Wir haben uns die Zahlen angesehen und sind zu dem Schluss gekommen: Die Angst vor knappen Intensivkapazitäten oder der Triage war unbegründet“, sagte Matthias Schrappe in einem Interview mit „WELT“. Auch auf den Höhepunkten aller drei Wellen seien nie mehr als 25 Prozent der Intensivbetten mit Covid-Patienten belegt gewesen.

Nun könnte es sich hierbei um ein Präventionsparadox handeln, nämlich dass eben durch die Warnungen Gegenmaßnahmen eingeleitet wurden, die dann Schlimmeres verhindert haben.

 

Eine halbe Milliarde für nicht existente Intensivbetten?

Doch es stehen laut dem Gutachten seltsame Dinge im Raum, die Fragen aufwerfen. Insgesamt eine halbe Milliarde Euro nahm die Bundesregierung in die Hand, um den Aufbau von 11.000 zusätzlichen Intensivbetten zu finanzieren. Nach den Recherchen der Autoren scheinen diese Betten aber nicht existent zu sein. „Sie sind offensichtlich niemals geschaffen worden oder wurden beantragt, obwohl es keine Pflegekräfte dafür gab“, sagt Schrappe. So seien von einem auf den anderen Tag im Oktober plötzlich Betten in der Statistik aufgetaucht, „die nicht einsatzfähig und auch später nie eingesetzt worden waren.“ Das Wort Subventionsbetrug möchte Schrappe nicht in den Mund nehmen. Jedoch gebe es „Zweifel an einem zielgerichteten, adäquaten Einsatz unserer Ressourcen.“

Divi-Zahlen sollen rückwirkend geändert worden sein

Laut Schrappe sollen zudem die Zahlen des Divi-Registers manipuliert worden sein. „Wir haben die Zahlen seit Sommer regelmäßig dokumentiert. Wenn wir diese Daten mit den heutigen Zahlen im Divi-Archiv vergleichen, sind da plötzlich nicht mehr in der Spitze knapp 34.000 Betten gemeldet, sondern nur noch rund 30.000“, berichtet er „WELT“. Man habe also rückwirkend systematisch eingegriffen, sodass überall 3000 Betten weniger verzeichnet seien. „Das ist anrüchig, weil diese Zahlen politische Konsequenzen hatten. Die Betten stehen in Krankenhausbedarfsplänen, und diese Betten werden finanziert.“

Mehr Intensivpatienten als anderswo

Hinzukommt, dass nach den Zahlen des Autorenteams nirgendwo sonst auf der Welt so viele Covid-Kranke auf Intensivstation behandelt worden sind wie bei in Deutschland. So seien Ende April 2021 61 Prozent der Covid-Patienten in Krankenhäusern auf Intensivstationen behandelt worden. In der Schweiz seien es nur 25 Prozent, in Italien elf Prozent gewesen. „Erkranken Bundesbürger schwerer als die übrigen Menschen in Europa?“, fragt Schrapppe rhetorisch. „Die Zahlen sind auffällig, und sie werfen Im Rückblich Fragen auf, ob da redlich gespielt wurde.“

Foto: © Adobe Stock/ saengsuriya13

Hauptkategorien: Corona , Gesundheitspolitik , Medizin
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