. Neuraminidase-Hemmer

Streit um Grippemittel Tamiflu und Relenza

Die Neuraminidase-Hemmer Tamiflu und Relenza stehen seit Jahren in der Kritik. Wissenschaftler der Cochrane Collaboration haben jetzt 46 Studien ausgewertet und stellen den Nutzen der Grippemittel massiv infrage. Die Hersteller widersprechen.
Cochrane-Analyse: Fraglicher Nutzen von Tamiflu und Relenza

Cochrane-Analyse: Fraglicher Nutzen von Tamiflu und Relenza

Nach der neuen Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration können die Grippemittel Tamiflu und Relenza zwar die Dauer von grippeartigen Symptomen um etwa einen halben Tag verringern. Einen Einfluss auf die Sterblichkeitsrate hätten die Grippemittel jedoch nicht und es gebe auch keinen Hinweis, dass sie Komplikationen und Krankenhauseinlieferungen verhindern könnten, schreiben die Forscher im British Medical Journal. Dafür riskierten Patienten mit der Einnahme der Grippemittel Nebenwirkungen wie Übelkeit und Erbrechen. Nur bei der Prophylaxe schnitten die beiden Neuraminidase-Hemmer positiv ab, so die Forscher im  British Medical Journal.

Das Ergebnis ist brisant. Schließlich haben Deutschland und andere Staaten diese Medikamente millionenfach für den Fall einer großen Epidemie eingelagert. Die Cochrane Collaboration, die auch Politiker in Gesundheitsfragen berät, stellt nun den Sinn dieses Vorgehens infrage. Diesen Empfehlungen widersprachen die Hersteller Roche und Glaxo Smith Kline.

Grippemittel-Hersteller halten Ergebnisse für eine „Fehlinterpretation“

Beim Hersteller von Tamiflu, Roche, hieß es: Die Entscheidungen von weltweit 100 Zulassungsbehörden sowie die in der Anwendungspraxis gewonnenen Daten belegten, dass Tamiflu ein wirksames Arzneimittel zur Behandlung und Prävention der Influenza-Infektion sei. Die Analyse von Cochrane berücksichtige nicht die Gesamtheit der für Tamiflu vorliegenden Daten, da nur 20 von 77 der Cochrane-Gruppe vorliegenden klinischen Studien einbezogen und Daten aus der Anwendungspraxis ausgeschlossen worden seien. „Dies führt zu einer Fehlinterpretation der Wirksamkeit und Sicherheit eines etablierten Influenza-Arzneimittels“, schreibt der Pharmakonzern in einer Stellungnahme. Auch Glaxosmithkline zeigte sich in einer Mitteilung überzeugt, „dass Relenza ein wesentlicher Bestandteil von Maßnahmen ist, das Ausmaß einer Influenza zu mindern“ Der Pharmakonzern beruft sich dabei auf eigene Studien.

 

Arzneimittelexperte teilt die Skepsis gegenüber Tamiflu

Der Pharmakologe Professor Bernd Mühlbauer, der im Vorstand der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft sitzt, nimmt die Ergebnisse der Cochrane Übersichtsstudie sehr ernst. Je mehr Daten für die Metaanalysen vom Hersteller zur Verfügung gestellt worden seien, desto mehr habe der therapeutische Nutzen des Mittels abgenommen, sagte Mühlbauer der Nachrichtenagentur dpa. Die aktuellen Analysen hätten sogar noch zusätzliche Risiken in Form von Nebenwirkungen an den Tag gebracht. Der Experte riet Patienten sogar von der Einnahme von Tamiflu ab.

In die Cochrane Auswertung waren bislang unveröffentlichte Studiendaten eingeflossen, auch solche, die die Hersteller jahrelang zurückgehalten hatten. Insgesamt handelte es sich um 20 Studien zu Tamiflu und 26 zu Relenza mit insgesamt mehr als 24.000 Teilnehmern.

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Hauptkategorien: Gesundheitspolitik , Medizin
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