Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
Logo Gesundheitsstadt Berlin
Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
 
09.06.2020

So gehen Forscher gegen den Sehverlust bei Makuladegeneration vor

Mit einer speziellen Gentherapie wollen Forscher die Lichtempfindlichkeit einer degenerierten Makula wiederherstellen. Erste Laborversuche sind vielversprechend. Doch bis Patienten mit Makuladegeneration davon profitieren, ist es noch ein weiter Weg.
Neuer gentherapeutischer Ansatz könnte künftig das Sehvermögen von Patienten mit Makuladegeneration verbessern

Neuer gentherapeutischer Ansatz könnte künftig das Sehvermögen von Patienten mit Makuladegeneration verbessern

Die Makuladegeneration ist eine bisher unheilbare Erkrankung des Auges. Dabei degeneriert die Makula, eine kleine lichtempfindliche Struktur am Augenhintergrund, zunehmend. Betroffene behalten zwar ihr peripheres Sehvermögen, verlieren aber mit der Zeit das Zentrum ihres Blickfelds. Eine Behandlung kann das Fortschreiten der Erkrankung etwas verzögern. Bis dato gibt es jedoch keine Möglichkeit, die verlorene Lichtempfindlichkeit wiederherzustellen.

An diesem Punkt setzt ein Forschungsprojekt der Universität Basel an. Mit einer speziellen Gentherapie ist es ihnen gelungen, blinde Netzhauzellen(Retina) von Mäusen und Organspendern für Nahinfrarotlicht zu sensibilisieren.

Infrarotsensor in Netzhaut eingebaut

«Die Lichtempfindlichkeit wiederherzustellen, kann letztlich die Lebensqualität der Betroffenen und ihre Möglichkeiten zur Teilnahme am Alltag verbessern», sagt Prof. Dr. Botond Roska, Professor für Vision Research an der Universität Basel und Direktor am Institut für Molekulare und Klinische Ophthalmologie Basel (IOB).

Infrarotlicht ist für das menschliche Auge zwar nicht sichtbar, jedoch sehen zum Beispiel Schlangen im Infrarotbereich, in dem sie wärmeempfindliche Proteine, sogenannte Transient Receptor Potential (TRP) Ionenkanäle, verwenden, um die von ihren Beutetieren ausgesandte Infrarotstrahlung wahrzunehmen. Das hat die Forscher um Professor Botond Roska inspiriert, blinde Netzhautzellen mit einem Infrarotsensor auszustatten.

 

Gentherapie mit drei Komponenten

Die neue Gentherapie besteht aus einem DNA-Abschnitt, der für einen TRP-Ionenkanal kodiert, einem Goldnanopartikel, der Nahinfrarotlicht absorbiert, und einem Antikörper, der den Nanopartikel und den Ionenkanal miteinander verbindet. Diese drei Komponenten wurden mit einer viralen Genfähre in die Netzhautzellen eingeschleust.

„Die Gold-Nanopartikel absorbieren Nahinfrarotlicht und geben dann eine geringe Menge an Wärme ab. Als Reaktion darauf öffnen sich die TRP-Ionenkanäle und lösen Nervenimpulse aus, die jenen beim normalen Sehen gleichen“, beschreiben die Wissenschaftler das Prinzip, das anschließend an zwei Modellsystemen getestet wurde: an Mäusen, die aufgrund einer Genveränderung eine Netzhautdegeneration entwickeln und erblinden, sowie an Netzhäuten, die von menschlichen Organspendern stammen.

Blinde Mäuse reagieren auf Licht

Experimente mit behandelten Labormäusen ergaben, dass die Nager auf ein Lichtsignal im Nahinfrarotbereich reagierten, das Licht also wahrnehmen konnten. Außerdem zeigten Messungen der Nervenimpulse, dass die Signale bis in die Hirnareale für die Verarbeitung visueller Reize gelangen. Die weiteren Tests mit Netzhäuten von Organspendern bestätigten die Funktionsfähigkeit des Systems.

Der neue Ansatz baut auf der sogenannten optogenetischen Therapie auf, mit der eine völlige Erblindung verhindert werden soll. Das Verfahren stützt sich auf eine Brille, die helles sichtbares Licht auf die Netzhaut projiziert, ist für die Makuladegeneration jedoch ungeeignet. „Die Lichtprojektion würde jene Patienten überfordern, die lediglich ihr zentrales Sehvermögen verloren haben“, erklärt die Erstautorin der Studie Dr. Dasha Nelidova. Bei einer Makuladegeneration sei daher Licht einer anderen Wellenlänge nötig, das funktionierende Zellen in der Netzhaut nicht sehen können.

„Wir hoffen, mit unserem Ansatz eines Tages die Makula bei Patienten, die noch peripheres Sehen haben, wieder für Licht sensibilisieren können“, beschreibt Nelidova das Ziel. Bis die neue Strategie gegen Sehverlust bei Makuladegeneration erstmals an Patienten angwendet werden kann, sind noch viele präklinische Versuche nötig.

Die Studie “Restoring light sensitivity using tunable near-infrared sensors” ist jetzt im Fachjournal «Science» erschienen.

Foto: stasique/fotolia.com

Autor: ham
Hauptkategorie: Medizin
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Augenkrankheiten
 

Weitere Nachrichten zum Thema MMakuladegeneration

Bisher wurde die „Optische Kohärenztomographie“ (OCT) lediglich zur Diagnostik von Netzhauterkrankungen wie der altersbedingten Makula-Degeneration eingesetzt – als Momentaufnahme. Jetzt gibt es die OCT-Bilder auch bewegt und live: Die neue intraoperative Bildgebung ermöglicht Chirurgen eine nie dagewesene Präzision bei Eingriffen an Hornhaut und Netzhaut des Auges.

 

Aktuelle Nachrichten

Mehr zum Thema
 
Weitere Nachrichten
Im ersten Lockdown dieser Pandemie ging die Zahl der Schlaganfälle um 17 Prozent zurück. Experten sind überzeugt: Die Symptome wurden bloß nicht ernst genommen. Und das sei fatal.

Antibiotika sind die Standardtherapie bei bakteriellen Infektionen und retten jedes Jahr Millionen von Leben. Aber sie greifen auch die hochkomplexe Darmflora an und damit das Immunsystem. Und: Sie können sogar ihrerseits Krankheiten auslösen. Forscher haben jetzt 1.200 Medikamente daraufhin getestet, ob sie sich hier – parallel verabreicht – als „Gegenmittel“ eignen.

In Israel gelten nur noch Personen mit dritter Impfung als vollständig geimpft. Und tatsächlich sinken die Fallzahlen im Land. Das Vorgehen ist jedoch wissenschaftlich umstritten.
 
Kliniken
Interviews
Aducanumab ist das erste in den USA zugelassene Medikament, das die Alzheimer typischen Amyloid-Plaques zum Verschwinden bringt. Aber kann der neue monoklonale Antikörper mit dem Handelsnamen Aduhelm auch den Gedächtnisverlust stoppen? Und warum ist die Notfallzulassung in den USA durch die US-Food and Drug Administration (FDA) so umstritten? Darüber hat Gesundheitsstadt Berlin mit dem Neurologen und Alzheimer-Experten Prof. Johannes Levin vom LMU Klinikum München gesprochen.

Chronische Fatigue gehört zu den häufigen Langzeitfolgen einer Covid-Infektion. Oft bessert sich der zermürbende Erschöpfungszustand nach einigen Wochen oder Monaten von allein. Doch einige Patienten entwickeln das Vollbild einer myalgischen Enzephalopathie/ Chronisches Fatigue Syndrom (ME/CFS). Gesundheitsstadt Berlin hat mit Professor Carmen Scheibenbogen von der Charité über die Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten des schweren Krankheitsbilds gesprochen.

Logo Gesundheitsstadt Berlin