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19.05.2021

Schrappe-Papier stößt auf heftige Kritik

Divi und weitere Verbände haben die Vorwürfe von Matthias Schrappe und Kollegen empört zurückgewiesen. Schrappe verkenne die Versorgungswirklichkeit und arbeite mit falschen Zahlen.
In der Intensivmedizin wurde Großes geleistet. Nun gibt es Streit um starke Behauptungen von Matthias Schrappe

In der Intensivmedizin wurde Großes geleistet. Nun gibt es Streit um starke Behauptungen von Matthias Schrappe

Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), der Marburger Bund Bundesverband und die Deutsche Krankenhausgesellschaft haben prompt auf das Thesenpapier von Matthias Schrappe und acht weitere Kollegen reagiert. In einer Pressemitteilung vom Montag weisen sie die Vorwürfe aufs Schärfste zurück.

Schrappe und acht weitere Kollegen, darunter Gesundheitsökonom Gerhard Glaeske aus Bremen und Rechtsmediziner Klaus Püschel aus Hamburg, hatten in ihrem am Sonntag veröffentlichten Papier behauptet, die Warnungen vor überlasteten Intensivstationen und Triage-Situationen seien unbegründet gewesen. In einem Interview mit „WELT“ hatte Schrappe das wie folgt präzisiert: „Wir haben uns die Zahlen angesehen und sind zu dem Schluss gekommen: Die Angst vor knappen Intensivkapazitäten oder der Triage war unbegründet.“ Sein Zentrales Argument lautet, auf den Höhepunkten aller drei Wellen seien nie mehr als 25 Prozent der Intensivbetten mit Covid-Patienten belegt gewesen.

Ärzte hatten Bergamo vor Augen

Die Intensivmediziner entgegnen dem Vorwurf, die Sorge, dass zahlreiche Patienten nicht mehr ausreichend versorgt, insbesondere beatmet werden könnten, sei im Frühjahr 2020 angesichts der Situation in Italien, Frankreich und vielen anderen Ländern sehr wohl begründet gewesen. Die Politik habe darum folgerichtig den Aufbau so vieler Intensivbetten wie möglich beschlossen. Auf konkrete Belegungszahlen geht die Divi in ihrer Mitteilung nicht ein. Dabei sind genau diese Zahlen interessant, um Schrappes Behauptungen einzuordnen.

 

April-Prognose traf nicht ein

Aus dem Intensivbettenregister der Divi lässt sich folgendes entnehmen: Am 3. Januar 2021 (zweite Welle) waren 5.745 Intensivbetten von Corona-Patienten belegt – der Höchststand während der gesamten Pandemie. Am 26. April wurde mit 5.106 Covid-Intensivpatienten der Spitzenwert der dritten Welle erreicht. Danach fiel die Belegung deutlich ab - auf 3.866 Stand 18. Mai. Die Prognose der Divi vom 9. April, wonach in den kommenden 14 Tagen die Zahl der Covid-19-Patienten auf die 6.000 zugehen werde und die Spitzenwerte der zweiten Welle übertroffen würden, traf also nicht ein. Auf Grundlage dieser Prognose hatten die Intensivmediziner einen harten Lockdown für drei Wochen gefordert: „Die Zeit drängt.“

In der aktuellen Mitteilung verteidigen sich die Intensivmediziner nun, dass es nie um Panik oder Angstmache gegangen sei, sondern immer um Vorsicht. „Es ging vor allem um die Versorgung schwerkranker Patienten, Krankenhäuser vor der Überlastung zu bewahren und auf extrem steigende Patientenzahlen dennoch vorbereitet zu sein.“

Kinderintensivbetten wurden aus der Statistik herausgenommen

Ein weiterer Vorwurf von Matthias Schrappe, wonach Zahlen des Divi-Registers nachträglich manipuliert worden seien, entkräftet die Divi damit, dass im Verlauf der Pandemie die Betten der Kinderintensivstationen aus der Gesamtzahl der betreibbaren Betten herausgerechnet wurden. Diese Betten spielten für die Versorgung von COVID-19-Patienten keine Rolle, heißt es. Auf die Veränderung der Darstellung reiner Erwachesenenbetten, werde in sämtlichen Statistiken aber auch explizit hingewiesen.

Rückgang der Intensivbetten hat verschiedene Gründe

Die Behauptung, die Krankenhäuser hätten zu Unrecht Fördergeld für nie aufgebaute Intensivbetten kassiert, sei nicht haltbar, erklärt die Divi weiter. Für den von Schrappe und Kollegen als „seltsam“ bezeichneten Rückgang von Intensivbetten im Verlauf des Jahres 2020 führt die Vereinigung der Intensiv- und Notfallmediziner mehrere Gründe an.

Im August seien dem Divi-Intensivregister weniger Betten gemeldet worden, da die Abfrage der intensivmedizinischen Kapazitäten geändert und die Pflegepersonaluntergrenzen wieder eingeführt worden seien. In der Konsequenz hätten zahlreiche Kliniken ihre Bettenmeldungen an diese Personalvorgaben angepasst. Außerdem seien seitdem die Notfallreservekapazitäten separat abgefragt worden. „Die Angaben zur Anzahl der freien betreibbaren Bettenkapazitäten haben sich in den folgenden Meldungen entsprechend reduziert. Die Daten legen nahe, dass ein Teil der vorher gemeldeten freien Bettenkapazitäten nun als Notfallreservekapazität gemeldet wird“, schreibt die Divi in ihrer Mitteilung. Die Notfallreserve könne stückweise aktiviert werden, indem andere Behandlungen abgesagt bzw. verschoben würden.

Schrappes internationaler Vergleich nicht widerlegt

Gänzlich unbelegt sei Schrappes Hinweis, im internationalen Vergleich habe die Versorgung der COVID-Patienten in Deutschland unangemessen häufig in den Intensivstationen stattgefunden. Schrappe hatte zunächst behauptet, in Deutschland seien am 27. April dieses Jahres 61 Prozent der hospitalisierten Covid-Patienten auf Intensivstationen behandelt worden. In einem Update vom 17. Mai hat er diesen Wert auf 41 Prozent nach unten korrigiert. Er bleibt jedoch dabei, dass in der Schweiz der Anteil der Intensivpatienten an diesem Stichtag bei 25 Prozent lag, in Italien bei 11 Prozent.

Die Divi legt hierzu allerdings keine anderen Statistiken vor, die Schrappes Zahlen widerlegen würden. Vielmehr wird mit der Stärke der deutschen Krankenhausstrukturen argumentiert, die schwerkranken Patienten adäquat in den Intensivkapazitäten zu versorgen. (Als wäre dies in der Schweiz nicht der Fall.)

Es sei ein Schlag ins Gesicht für alle Ärzte und Pflegekräfte, wenn Schrappe behaupte, Patienten seien ohne Not auf Intensivstationen verlegt worden. „Pflegekräfte und Ärztinnen und Ärzte haben in den vergangenen Monaten unter höchster Belastung große Leistungen vollbracht und viele Leben gerettet“, so die Divi abschließend.

Hauptkategorien: Corona , Gesundheitspolitik
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