. Ansteckende Aerosole

Richtig lüften in Corona-Zeiten

Eine permanente Erneuerung der Raumluft durch Lüftungsanlagen verringert die Gefahr infektiöser Aerosole stärker als manuelles Lüften, sagt der Berliner Aerosolforscher Martin Kriegel. Weil die meisten Menschen kein Gefühl dafür hätten, wann Raumluft verbraucht ist, gelte: Es muss viel öfter gelüftet werden, als man denkt.
Frau mit Corona-Maske am offenen Fenster

Ansteckungsgefahr durch Aerosole in geschlossenen Räumen: Man kann nicht oft genug lüften.

Schon vor der Coronavirus-Pandemie galt: Sobald sich ein Mensch in einem geschlossenen Raum aufhält, belastet er die Luftqualität. Neben der Tatsache, dass er oder sie konsequent Kohlendioxid (CO2), ein giftiges Gas, produziert und Sauerstoff verbraucht, atmet man – je nach Belastung – auch eine unterschiedlich große Menge an Aerosolen aus, die potenziell mit Krankheitserregern belastet sein können, die dann von anderen Personen eingeatmet werden. Deshalb kann man sagen: Die Verbreitung infektiöser flüssiger Schwebeteilchen in der Luft („Aerosole“) steigt damit im Grundsatz parallel zum CO2-Gehalt.

Vielen Menschen fehlt Gefühl für verbrauchte Luft

„Zahlreiche Studien zeigen, dass die meisten Menschen kein Gefühl dafür haben, wann und wie oft gelüftet werden muss, um die CO2-Konzentration unterhalb des Grenzwertes zu halten. Vom Gefühl her wird Fensterlüftung den Lüftungsanlagen häufig vorgezogen. Aber: In der Regel ist bei Fensterlüftung die Luftqualität deutlich schlechter. Wir verbinden oft die Temperatur im Raum mit der Luftqualität. Das ist aber völlig falsch“, sagt Martin Kriegel, Aerosolforscher und Leiter des Hermann-Rietschel-Instituts der TU Berlin. Da lange nicht alle Arbeitsstätten, Büros oder Schulen über Lüftungsanlagen verfügen, empfiehlt der Wissenschaftler dringend, die Leitfäden zur Fensterlüftung zu beachten – zum Beispiel vom Umweltbundesamt und die Arbeitsstättenrichtlinie ASR 3.6.

 

Großes Coronavirus-Risiko in kleinen, schlecht belüfteten Räumen

„Wendet man diese Regeln an, wird man feststellen, dass viel öfter gelüftet werden muss, als man denkt. Eine gute Hilfe für das Erlernen eines normalen Lüftungsverhaltens sind zum Beispiel CO2-Messungen in geschlossenen Räumen. Diese zeigen an, wann der Grenzwert der CO2-Konzentration überschritten wird. Parallel zu der CO2-Konzentration steigt auch die Belastung mit Aerosolen, die man nicht so einfach messen oder wahrnehmen kann. Somit ist die CO2-Messung ein guter Indikator für die richtige Frischluftzufuhr.“ Ein Übertragungsrisiko mit SARS-CoV-2 besteht nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) vor allem bei „längerem Aufenthalt in kleinen, schlecht oder nicht belüfteten Räumen“. Als gut belüftet gelten Räume, die die Pettenkofer-Zahl einhalten, die unter anderem in der Arbeitsstättenrichtlinie ASR 3.6 festgeschrieben ist. Die sogenannte Pettenkofer-Zahl gibt es seit 130 Jahren; sie ist ein Maßstab für die Einschätzung der Luftqualität in Innenräumen und taxiert den Grenzwert für gute Luft in Innenräumen mit 1000 ppm (Parts per Million) Kohlendioxid an.

Maßstab: Je wichtiger die Maske, desto wichtiger das Lüften

Ein extremes Lüften ist zwar noch effektiver, dies hält Martin Kriegel derzeit aber nicht für nötig. „Wir sollten zunächst die seit Langem bestehenden Regeln zur Luftqualität einhalten, das richtige Lüften lernen und unsere Reaktion dem Risiko anpassen – so wie wir es auch mit der Maske tun: Draußen benötigt man in der Regel keine Maske, in öffentlichen Räumen reicht eine normale Maske, wenn Mindestabstände nicht eingehalten werden können, in besonderen Situation die FFP-Masken und in Hochrisikosituationen ist ein Schutzanzug gefordert.  Als nachhaltiges Konzept sollte am Anfang das Einhalten der Luftqualitätsregeln stehen, was mit Lüftungsanlagen automatisch realisiert wird und im Fall der Fensterlüftung erlernt werden muss.“

Foto: AdobeStock/Halfpoint

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