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Rezepte gegen Pillencocktails im Alter

Fünf und mehr Tabletten am Tag – für viele ältere Menschen ist das normal. Doch oft führt diese Polimedikation zu Neben- und Wechselwirkungen. Eine abgestimmte Medikamentenversorgung kann dieses Risiko senken.
Wechselwirkungen von Arzneimitteln bei Multimedikation weit verbreitet

Weniger ist mehr: Experten wollen unerwünschte Arzneimittelwirkungen eindämmen

Menschen über 65 Jahre sind nach Angaben des Arzneimittelexperten Professor Gerd Glaeske im Schnitt bei vier Ärzten in Betreuung. Oft wisse der eine nicht vom anderen, und der Kardiologe gebe ein Medikament gegen die Herzbeschwerden, die als Nebenwirkung einer Verordnung des Orthopäden aufgetreten sind. So steigert sich die Zahl der Verordnungen schier ins Endlose.

35 Prozent der Männer und 40 Prozent der Frauen über 65 Jahren erhalten neun und mehr Medikamente in Dauertherapie. Das hat der Sachverständigenrat laut Glaeske schon 2009 kritisiert. Nach seinen Angaben erfolgt jede zehnte Krankenhauseinweisung nicht wegen Erkrankungen, sondern aufgrund von unerwünschten Arzneimittelwirkungen.

Mit Koordination gegen Arzneimittelwechselwirkungen

Für Glaeske ist der Fall klar: „Ein Problem ist der Mangel an Koordination im System“, sagte er beim Kongress der Gesundheitsnetzwerker in Berlin. Sein Vorschlag: Pillenkontrolle durch Apotheker auf Rezept. Dieses Modell wird Glaeske zufolge in Australien erfolgreich praktiziert. Apotheker überprüfen dabei beim Patienten zuhause oder im Pflegeheim den gesamten Pillencocktail, einschließlich der selbst gekauften, nicht verschreibungspflichtigen Medikamente.

Auf mehr Abstimmung setzt auch die BarmerGEK. Dazu kooperiert sie mit verschiedenen Ärztenetzen. Zentral sind dabei Medikationspläne, die die Patienten wie ihr Impfbuch selbst verwalten. Regelmäßige Medikamentenkontrollen in der Hausarztpraxis gehören auch dazu.

Im Praxisnetz Gesundheitsregion Siegerland zum Beispiel erhalten die Hausärzte eine Liste mit den kompletten Arzneiverordnungen ihrer Patienten mit mehr als fünf Verordnungen in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen von der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe. Einmal im Jahr wird das gemeinsam mit dem Patienten besprochen und überprüft. Voraussetzung ist, dass Patienten ihre Teilnahme an dem Selektivvertrags-Projekt erklärt haben. 110 von 180 möglichen Patienten machen bei dem Projekt mit. „Das ist für uns ein Hinweis, dass es den Bedarf trifft“, so Frank Meyer von der KVWL. Das Projekt soll nun auf andere Kassen ausgedehnt werden.

 

Multimedikation mehr ins Blickfeld rücken

Auch die BarmerGEK will diese Versorgungsform ausdehnen. Geht es nach der Versorgungsprogramm-Expertin der Kasse Sonja Laag, dann wird diese abgestimmte Arzneiversorgung in Zukunft von der Ausnahme zur Regel. Das ist angesichts des demografischen Wandels aus ihrer Sicht dringend geboten. „Nur mit Selektivverträgen werden wir das Problem nicht bewältigen. Dazu braucht es eine größere Systemveränderung“, sagte sie in Berlin.

Foto: Sulamith Sallmann - Fotolia.com

Autor: Angela Mißlbeck
 

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