Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
Logo Gesundheitsstadt Berlin
Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
 

Reizdarm: Veränderungen in der Darmwand entdeckt

Mittwoch, 23. Dezember 2015 – Autor:
Bei Reizdarm-Patienten reagieren die Nerven ihrer Darmwand stark reduziert auf einen Entzündungscocktail. Das zeigten Forscher der Technischen Universität München (TUM). Sie widerlegten damit die These, Reizdarmpatienten hätten einen besonders sensiblen Darm.
Das Reizdarm-Syndrom ist in Industrieländern verbreitet

Das Reizdarm-Syndrom ist mit Bauchschmerzen verbunden – Foto: Doris Heinrichs - Fotolia

Das Reizdarmsyndrom quält bis zu 15 Prozent der Menschen in den Industrieländern. Die Erkrankung geht mit Symptomen wie Bauchweh, Blähungen, Verstopfung oder Durchfall einher. Lange wurde gemutmaßt, es handele sich um eine psychosomatische Störung, die unter anderen durch Stress ausgelöst werde.

Eine eindeutige Therapie für betroffene Patienten gibt es bislang nicht, lediglich für einzelne Symptome. Unumstritten ist inzwischen jedoch, dass es sich um eine organische Erkrankung handelt. Die vielfältigen Ursachen sind allerdings mit heutigen Messmethoden im Praxisalltag noch nicht nachweisbar.

Reizdarm: Veränderungen in Nerven der Darmwand entdeckt

„Eine mögliche Ursache der Symptome bei einer Gruppe von Reizdarm-Patienten ist eine erhöhte Ausschüttung von Botenstoffen, die bei entzündlichen Prozessen eine Rolle spielen“, sagt Prof. Michael Schemann, Humanbiologe an der TUM. Die neue Studie, veröffentlicht im Fachblatt Frontiers in Neuroscience, belegt nun erstmals, dass es zu messbaren Veränderungen an den Nerven der Darmwand von Reizdarmpatienten kommt.

Die Forscher haben die Reaktion von Darmwand-Gewebeproben von Reizdarm-Patienten und gesunden Probanden auf elektrische Reize und Nikotin überprüft. Beides sind etablierte Methoden, um die Ansprechbarkeit der Darmnerven zu testen: Elektrische Stimulation führt zur synaptischen Übertragung, während Nikotin direkt die Darmnerven aktiviert. Erstaunlicherweise reagierten bei diesen Tests die Nerven beider Gruppen vergleichbar, so dass eine generelle Nervensensibilisierung ausgeschlossen werden kann.

 

Reizdarm: Darmwand reagiert schwächer auf Entzündungscocktail

Dann wurde ein Entzündungscocktail mit Histamin, Proteasen, Serotonin und TNF-alpha verabreicht. Diese Tests förderten verblüffende Ergebnisse zutage: „Genau das Gegenteil unserer anfänglichen Vermutung war der Fall: Die Nerven der Reizdarmpatienten haben signifikant schwächer auf die von uns verabreichten Cocktails reagiert als die Biopsien der gesunden Probanden“, sagt Prof. Schemann.

„Die Darmwand dieser Patienten ist offenbar desensibilisiert durch eine ursprünglich zu starke Aktivierung. Das kann eine Schutzmaßnahme sein, um eine Überreizung zu vermeiden“, so der Forscher. Um diese Schlussfolgerung zu verifizieren, wurden Darmnerven für mehrere Stunden einer Reizung ausgesetzt. Das Ergebnis: „Sind die Nerven die ganze Zeit gereizt, regeln sie die Reaktion quasi herunter“, erklärt Schemann.

Reizdarm: Weiter auf der Suche nach neuen Therapie-Optionen

„Es bleibt offen, wie die beobachtete Desensibilisierung der Nerven auf ganz bestimmte Botenstoffe die eigentlichen Symptome verursacht, und ob dieses Phänomen neue Therapie-Optionen eröffnet“, meint der Wissenschaftler, der sich seit Jahren mit dem Reizdarm-Syndrom beschäftigt.

Die Studie wurde unterstützt von Teams des Klinikums Freising, des Krankenhauses Vilsbiburg, einer Gastroenterologischen Fachpraxis in München, des Helios Klinikums Krefeld und des Universitätsklinikums Tübingen.

Foto: Doris Heinrichs

Hauptkategorie: Medizin
 

Weitere Nachrichten zum Thema Reizdarm

Zu viele Röntgenuntersuchungen, Schmerzmittel mit Suchtfaktor: Nach dem „Arztreport 2019“ der Barmer sind Diagnostik und Behandlung beim Reizdarmsyndrom zu sehr auf die körperliche Seite der Krankheit fixiert und in bestimmten Fällen sogar riskant. Die Alternative: ein multidisziplinärer Behandlungsansatz, der Ursachen ganzheitlich betrachtet und Ernährung und psychische Ursachen mit einschließt.

 

Aktuelle Nachrichten

 
Weitere Nachrichten
Nach fast zwei Jahren Pandemie liegen die Nerven im Gesundheitswesen blank. Tausende Pflegekräfte haben in den vergangenen Monaten ihren Job verlassen. Wie kommen wir aus der Krise heraus und vor allem: Wie geht es danach weiter? Der 15. Nationale Qualitätskongresses Gesundheit versucht, Antworten zu finden.

Der Berliner Virologe Christian Drosten warnt davor, Corona-Schnelltests zu überschätzen. Bei Menschen, die trotz Impfung infiziert seien, könnten die Tests in der frühen Phase der Infektion negativ ausfallen und für trügerische Sicherheit sorgen, sagte Drosten in der Wochenzeitung „Die Zeit“. Trotz Mängeln sei ein regelmäßiger und breitflächiger Einsatz dieser Tests aber weiter sinnvoll.

 
Interviews
Aducanumab ist das erste in den USA zugelassene Medikament, das die Alzheimer typischen Amyloid-Plaques zum Verschwinden bringt. Aber kann der neue monoklonale Antikörper mit dem Handelsnamen Aduhelm auch den Gedächtnisverlust stoppen? Und warum ist die Notfallzulassung in den USA durch die US-Food and Drug Administration (FDA) so umstritten? Darüber hat Gesundheitsstadt Berlin mit dem Neurologen und Alzheimer-Experten Prof. Johannes Levin vom LMU Klinikum München gesprochen.

Chronische Fatigue gehört zu den häufigen Langzeitfolgen einer Covid-Infektion. Oft bessert sich der zermürbende Erschöpfungszustand nach einigen Wochen oder Monaten von allein. Doch einige Patienten entwickeln das Vollbild einer myalgischen Enzephalopathie/ Chronisches Fatigue Syndrom (ME/CFS). Gesundheitsstadt Berlin hat mit Professor Carmen Scheibenbogen von der Charité über die Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten des schweren Krankheitsbilds gesprochen.

Logo Gesundheitsstadt Berlin