. Psychologie

Radikalismus: Warum Menschen extrem werden

Die Taten extremistischer Gruppen fordern gerade wieder viele Opfer und schockieren die Öffentlichkeit. Die dahinter stehenden psychologischen Mechanismen sind bisher wenig erforscht. Auf dem DGPPN Kongress 2015 diskutierten Experten in Berlin, wie Menschen in den Radikalismus entgleiten.
Welche psychologischen Mechanismen führen in die Radikalität?

Warum entgleiten Menschen in den Radikalismus?

Radikalisierung ist ein Phänomen, bei dem Einzelpersonen, Gruppen oder Massen zu einer Extremüberzeugung gelangen, die auch extreme Taten – zum Beispiel Attentate oder Terrorakte – nach sich ziehen können. Meist ist Radikalismus im politischen und religiösen Kontext zu beobachten, etwa bei der Pegida-Bewegung in Deutschland oder dem Islamischen Staat in Syrien. Radikale Taten können aber auch ohne ideologische Motive erfolgen wie beim Hooliganismus.

Radikalismus: Warum Menschen extrem werden

Die Fachleute auf dem DGPPN Kongress 2015 sind sich einig: Radikalisierung hat bei jedem einzelnen Menschen eine andere Ursache. „Es gibt kein psychopathologisches Musterprofil eines Extremisten. Vielmehr verbergen sich dahinter vielschichtige individuelle und soziale Prozesse. Oft fühlen sich radikale Menschen ausgeschlossen. Sie sind verbittert und neigen zur Polarisierung. Radikale Menschen sind in allen Gesellschaftsschichten anzutreffen, sie kommen meist aus der Mitte der Gesellschaft. Einen ganz entscheidenden Einfluss darauf, ob sie extrem werden, hat das psychologische Klima, in dem sie leben“, erklärt DGPPN-Experte Dr. Mazda Adli.

Radikalismus selten auf psychische Erkrankung zurückzuführen

Weil ihre Ansichten und Taten so ungeheuerlich sind, werden radikale Menschen oft als psychisch krank bezeichnet. „Radikale Taten sind aber nur in den seltensten Fällen auf eine psychische Erkrankung zurückzuführen. So können Wahnvorstellungen, Drogeneinflüsse und auch hirnorganisch bedingte Störungen zu radikal aggressiven Akten führen. Doch in den allermeisten Fällen gibt es für extremistische Taten keine klinische Erklärung“, so Prof. Henning Saß, Beirats-Vorsitzender der DGPPN.

Radikalisus: Medizin beschäftigt sich zunächst mit den Opfern

Wie Radikalisierung entsteht, hat die Forschung bisher noch nicht ausreichend verstanden. So unterschiedlich wie die Ursachen ist auch der empirische Zugang. „In der Psychiatrie und Psychotherapie beschäftigen wir uns zuerst mit den Folgen radikaler Taten. Unsere Aufmerksamkeit gilt den traumatisierten Opfern und ihren Angehörigen, die nach solch abscheulichen Attentaten wie in Paris jede notwendige medizinische und therapeutische Hilfe erhalten müssen. Doch wenn es uns gelingt, die Entstehungsprozesse zu verstehen, die hinter der Radikalisierung stehen, eröffnen sich dadurch vielleicht auch neue Möglichkeiten in der Prävention“, meint DGPPN-Präsidentin Dr. Iris Hauth.

Das Verhindern von Radikalisierung ist aus Sicht der Experten Aufgabe, welche Wissenschaft, Politik, Gesellschaft und Kirche gleichermaßen fordert. So müssen die Einflussfaktoren noch stärker erforscht werden. Gleichzeitig gilt es, sozialen Ausschluss und Segregation durch Aufklärung, Information, Bildung und Fürsorge zu verhindern.

Foto: Prazis

Autor: red
Hauptkategorie: Medizin

Weitere Nachrichten zum Thema Psychiatrie

Aktuelle Nachrichten aus der Gesundheit

. Mehr zum Thema
Die größte Angst der Deutschen ist derzeit die Angst vor Terroranschlägen. Wie man damit umgeht, warum die Mißtrauensschleife Ängste schürt, und wie man das Angstgedächtnis verhindert, erklärt die Berliner Notfallpsychologin Gabriele Bringer in einem Interview.
. Weitere Nachrichten
Obwohl die WHO England im vergangenen Jahr für masernfrei erklärt hat, sind in diesem Jahr einige Ausbrüche bekannt geworden. So wurden seit Beginn des Jahres in England und Wales über 180 Erkrankungen gemeldet, berichtet das Centrum für Reisemedizin.
. Top-Fortbildungen
. Fortbildungen Hauptstadtregion
loading...
Terminkalender
. Termine Hauptstadtregion
loading...
Terminkalender
. Kliniken
. Interviews
Die Hausärzte im Seeheilbad Büsum waren damals alles Männer im oder kurz vorm Rentenalter, ihre Einzelpraxen wollte niemand übernehmen. Um einen Zusammenbruch der medizinischen Versorgung zu verhindern, rang sich die Gemeinde dazu durch, selbst als Trägerin der örtlichen Arztpraxis aufzutreten – als erste bundesweit. In dem kommunalen Eigenbetrieb arbeiten heute fast nur junge Ärztinnen. Wie das ging und welche weiteren Modelle es gibt gegen den Ärztemangel auf dem Land, erzählt Initiator Harald Stender drei Jahre nach Gründung des Pioniermodells.