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Qualitätsmonitor kritisiert "Gelegenheitschirurgie“ bei Krebs

In Deutschland könnten etliche Todesfälle verhindert werden, wenn Krebspatienten von erfahrenen Ärzten operiert würden. Zu diesem alarmierenden Ergebnis kommt der Qualitätsmonitor 2018 der AOK. Die Autoren wollen den Gelegenheitschirurgen nun das Handwerk legen.
Keine Operationsroutine, keine Spezialisierung: Laut Qualitätsmonitor 2018 kostet die Gelegenheitschirurgie jedes Jahr Hunderten Krebspatienten das Leben

Keine Operationsroutine, keine Spezialisierung: Laut Qualitätsmonitor 2018 kostet die Gelegenheitschirurgie jedes Jahr Hunderten Krebspatienten das Leben

Deutschland ist für sein vorbildliches Gesundheitssystem bekannt. Flächendeckend gibt es zertifizierte Tumorzentren, die sich mit komplizierten Krebsoperationen gut auskennen, weil sie hohe Fallzahlen und somit viel Erfahrung haben. In solchen Zentren sind hohe Mindestmengen neben interdisziplinären Tumorkonferenzen und anderen Anforderungen ein Muss. Doch immer noch wird auch in Häusern operiert, wo genau diese Operationsroutine fehlt. Vielen Experten ist diese "Gelegenheitschirurgie“ schon lange ein Dorn im Auge. Jetzt liefert der Qualitätsmonitor des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO), des Vereins Gesundheitsstadt Berlin und der Initiative Qualitätsmedizin (IQM) konkrete Anhaltspunkte für gravierende Qualitätsmängel, die Hunderten Patienten sogar das Leben kosten. Die Analyse basiert auf den Krankenhaus-Abrechnungsdaten.

„Viele Patienten in Deutschland sterben zu früh, weil sie in Kliniken operiert werden, die zu wenig Erfahrung mit komplizierten Krebs-OPs haben“, brachte Studienautor Prof. Thomas Mansky das zentrale Ergebnis des Qualitätsmonitors am Donnerstag in Berlin auf den Punkt.

Nur fünf Lungenkrebs-Ops pro Jahr

Beispiel Lungenkrebs: Hier fanden die Autoren eine beachtliche Zahl an Kliniken, die im Schnitt gerade mal fünf Lungenkrebs-Operationen im Jahr durchführen, einige davon noch weniger. Dabei handelt es sich in der Regel um allgemeinchirurgische Abteilungen, die nur gelegentlich Thoraxchirurgie betreiben.

Es sei sehr wahrscheinlich, dass in diesen Kliniken die nötige Operationsroutine und die für eine adäquate Gesamtbetreuung notwendige Spezialisierung nicht vorhanden sein können, meinte Mansky, der an der TU Berlin den Fachbereich „Strukturentwicklung und Qualitätsmanagement im Gesundheitswesen“ leitet. Der Vergleich mit Kliniken, die hohe Fallzahlen aufweisen, zeigt, dass die hier Operierten tatsächlich eine geringere Überlebenswahrscheinlichkeit haben: 4,1 Prozent Todesfälle versus 2,5 Prozent in von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifizierten Lungenkrebszentren. Würden nun sämtliche Lungenkrebs-Operation in Kliniken durchgeführt, die mindestens 108 solcher Eingriffe pro Jahr vornehmen, würde die Zahl der damit verbundenen Todesfälle um etwa ein Fünftel von 361 auf 287 Todesfälle sinken. 

Dem Bericht nach ist das Beispiel von Lungenkrebs nur eines von vielen. Bei Darmkrebs etwa, Brustkrebs, Speiseröhren- und Bauchspeicheldrüsen-Krebs ergibt sich ein ähnliches Bild. So könnten etwa jedes Jahr 280 Todesfälle in Folge einer Darmkrebs-OP vermieden werden, wenn die Patienten in Kliniken operiert würden, die eine Mindestmenge von 82 solcher Eingriffe im Jahr erfüllten.

AOK will schwarze Schafe nicht länger bezahlen

„Diese Gelegenheitschirurgie ist nicht akzeptabel“, kritisiert Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes. Das Problem lasse sich nur durch die Einführung und konsequente Durchsetzung von OP-Mindestmengen in den Griff bekommen. Die AOK werde daher die Forderung nach Einführung von Mindestmengen für komplizierte OPs bei Lungenkrebs und Brustkrebs in den Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) einbringen, kündigte Litsch an. Weiter setze er sich  für eine Erhöhung der bestehenden Mindestmengen bei Speiseröhren- und Bauchspeicheldrüsen-Krebs ein.

Druck will der AOK-Chef ab sofort auf die Kliniken ausüben, die die bestehenden Mindestmengen-Vorgaben unterlaufen: „Krankenhäuser, die die Vorgaben nicht einhalten und bei denen kein Ausnahmetatbestand vorliegt, erhalten von der AOK im Sinne der Patientensicherheit keine Vergütung mehr für diese Eingriffe", warnte Litsch.

Ulf Fink, Vorstandsvorsitzender von Gesundheitsstadt Berlin, unterstützte das Vorgehen der AOK. Derartige Qualitätsunterschiede seien nicht länger hinnehmbar, sagte er. Jeder Patient habe das Recht auf die bestmögliche Behandlung. In der Krebsmedizin seien in den letzten Jahrzehenten so große Fortschritte gemacht worden. „Die dürfen wir nicht leichtfertig aufs Spiel setzen“,so Fink. 

Zum Qualitätsmonitor 2018

Foto: v.l.: Kai Behrens, Thomas Mansky, Simone Wesselmann, Martin Litsch, Ralf Kuhlen, Ulf Fink 

Autor: ham
Hauptkategorien: Berlin , Gesundheitspolitik , Medizin
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