. Germanwings-Absturz

Psychiater zum Motiv des Co-Piloten: Depression höchst unwahrscheinlich

Seit dem tragischen Germanwings-Absturz wird über die psychische Verfassung des Co-Piloten spekuliert. Psychiater erklären, dass Depressionen eher untypisch sind, fremde Menschen mit in den Tod zu reißen. Auch die Universitätsklinik Düsseldorf dementiert, dass Andras L. wegen Depressionen bei ihr in Behandlung war.
Psychiater zum Motiv des Co-Piloten: Depression höchst unwahrscheinlich

Hat der Co-Pilot den Germanwings Flug 4U9525 absichtlich zum Absturz gebracht? Psychiater schließen eine Depression als Tatmotiv so gut wie aus

Was hat den Co-Piloten der Germanwings-Maschine angetrieben, sich und 149 weitere Menschen mit in den Tod zu reißen? Noch gibt es keine sicheren Erkenntnisse darüber, aber offenbar war Andreas Lubitz krank. Darauf deuten mehrere Krankschreibungen hin, die Ermittler in seiner Wohnung gefunden haben. Die Universitätsklinik Düsseldorf hat derweil bestätigt, dass Lubitz zuletzt am 10. März als Patient in ihrem Hause vorstellig geworden war. Es habe sich um diagnostische Abklärungen gehandelt. „Meldungen, wonach Andreas L. wegen Depressionen in unserem Haus in Behandlung gewesen sei, sind jedoch unzutreffend“, erklärte ein Sprecher. Weitere Einzelheiten könne man aufgrund der ärztlichen Schweigepflicht nicht mitteilen. Die Krankenakten habe man am Freitag der ermittelnden Staatsanwaltschaft Düsseldorf übergeben.

Co-Pilot befand sich an der Universitätsklinik Düsseldorf in Behandlung

Die Ermittler gehen derzeit von einem Suizid aus. Laut der Deutschen Depressionshilfe sind psychische Erkrankungen, insbesondere Depressionen die mit Abstand häufigste Ursache für einen Suizid. „Im Rahmen sehr schwerer Depressionen kann es selten auch zu einem erweiterten Suizid kommen“, erklärt der Psychiater Prof. Ulrich Hegerl von der Deutschen Depressionshilfe. Von einem erweiterten Suizid sprechen Fachleute, wenn Menschen sich und andere umbringen. Meist sind das aber Menschen, die ihre Angehörige nicht im Stich lassen wollen, etwa die Mutter ihr Kind. Diese Menschen handeln dann aus vermeintlich altruistischen Motiven. „Die Erkrankten nehmen durch die schwarze Brille der Depression alles als so aussichtslos wahr, dass sie auch ihre Angehörigen nicht in diesem schrecklichen Elend zurücklassen wollen“, erläutert Hegerl. „Dass fremde Menschen wie bei diesem Flugzeugunglück mit in den Tod gerissen werden, passt eher nicht zu einem erweiterten Suizid im Rahmen einer Depression“.

 

Unbehandelte Psychose kann zu tragischen Fehlhandlungen führen

Dem Psychiater zufolge können jedoch andere psychische Erkrankungen, unter Umständen zu tragischen Fehlhandlungen führen. Zum Beispiel Psychosen, bei denen die Betroffenen Stimmen hören, die ihnen manchmal sogar Befehle erteilen und die mit einer völlig veränderten Wahrnehmung der Umwelt einhergehen. Der großen Mehrzahl von Menschen mit psychischen Erkrankungen könne aber durch eine konsequente Behandlung gut geholfen werden, meint Hegerl. „Insbesondere Depressionen lassen sich durch Antidepressiva und Psychotherapie gut behandeln und so Suizidalität verhindern.“

Vorsicht vor voreiligen Schlüssen

Das bestätigte auch die Psychiaterin Prof. Isabel Heuser von der Charité. Wer einmal wegen einer psychischen Erkrankung in Behandlung gewesen sei, könne durchaus wieder funktionstüchtig werden und verantwortungsvolle Tätigkeiten übernehmen, wie etwa das Fliegen eines Flugzeugs, sagte sie in einer Talkrunde des Senders phoenix. Die Psychiaterin warnte aber davor, voreilige Schlüsse zu ziehen. „Die Begriffe Depression und Burn Out sind derart missbraucht, da wäre ich sehr vorsichtig sie in Zusammenhang mit dem Unglück zu bringen.“

Die deutsche Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) mahnte unterdessen, den Absturz der Germanwings-Maschine bereits als Suizid des Co-Piloten einzustufen. „Es sind noch viele Fragen offen“, so ein Sprecher. In der Luftfahrt sind bisher nur sechs Abstürze von größeren Passagiermaschinen bekannt, bei denen Suizidabsichten möglicherweise eine Rolle gespielt haben. Nur ein Fall ist bislang wirklich gesichert.

Foto: Germanwings

Hauptkategorie: Medizin
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Psychiatrie , Psychische Krankheiten , Depression , Antidepressiva
 

Weitere Nachrichten zum Thema Depressionen

| Am Internationalen Tag der Suizidprävention wollen Experten Vorurteile abbauen und Fakten bekannter machen. Zudem betonen sie ausdrücklich, dass Menschen mit Suizidgedanken wirksam geholfen werden kann. Wichtig ist es, über das Thema offen zu sprechen.
| Patienten mit Depressionen haben zurzeit die Wahl zwischen einer Vielzahl verschiedener Antidepressiva, die unterschiedlich wirken und unterschiedliche Nebenwirkungsprofile haben. Eine amerikanische Studie hat nun gezeigt, dass ein EEG bereits im Vorfeld der Therapie Hinweise liefern kann, welches Medikament für einen Patienten am besten geeignet ist.
 
 

Aktuelle Nachrichten aus der Gesundheit

. Mehr zum Thema
Gewalt gegen Kinder: Dr. Sibylle Winter, Fachärztin für Kinder-und Jugendpsychiatrie, über die neue Trauma-Ambulanz der Charité und warum schnelle Hilfe für die Seele so wichtig ist.
 
. Weitere Nachrichten
Obwohl sie zu den häufigsten und belastendsten Krankheiten gehört, wird Migräne noch immer zu selten therapiert. Anlässlich des World Brain Day erklärt die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e.V. (DMKG): „Jeder Mensch, der unter Kopfschmerz leidet, kann behandelt werden!“
Sonnenbräune ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits schützt sie vor weiteren Schäden der Haut, anderseits ist die Braunpigmentierung schon der Schaden selbst. Gesunde Haut geht daher nur mit Sonnenschutz.
. Fortbildungen Hauptstadtregion
loading...
Terminkalender
 
. Termine Hauptstadtregion
loading...
Terminkalender
 
. Kliniken
. Interviews
Das massenhafte Auftreten des Eichenprozessionsspinners hat in diesem Jahr bei besonders vielen Menschen zu allergischen Reaktionen der Haut führt. Die giftigen Brennhaare der Raupen können aber auch sprichwörtlich ins Auge gehen. Am Universitätsklinikum Münster mussten diese Woche sechs Menschen am Auge operiert werden. Dr. Lamis Baydoun, Oberärztin der UKM-Augenklinik, berichtet, was vorgefallen ist.
Mit der Digitalisierung des Gesundheitswesens sind viele Chancen verbunden. Bei manchen Bürgern löst das Thema aber auch Ängste und Sorgen aus. Gesundheitsstadt Berlin hat mit Prof. Dr. Erwin Böttinger, einem der weltweit führenden Forscher im Bereich Digital Health, über die elektronische Patientenakte und andere digitale Lösungen gesprochen.