. AOK Pflege-Report 2016

Pflegende Angehörige pflegen im Wert von 37 Milliarden Euro

Pflegende Angehörige entlasten die Pflegekassen in Milliardenhöhe. Multipliziert man ihren Stundenaufwand mit dem Mindestlohn ergibt sich eine Wertschöpfung von 37 Milliarden jährlich. Das ist mehr als die Pflegekassen überhaupt einnehmen.
Pflegende Angehörige schultern die Hauptlast. Zwei Drittel der rund 2,7 Millionen Pflegebedürftigen werden mit ihrer Unterstützung versorgt

Pflegende Angehörige schultern die Hauptlast. Zwei Drittel der rund 2,7 Millionen Pflegebedürftigen werden mit ihrer Unterstützung versorgt

Zwei von drei Pflegebedürftigen werden von Angehörigen gepflegt. Meist sind es die Frauen in der Familie, die sich für die Großeltern, Ehemänner oder Geschwister aufopfern. Geld bekommen sie dafür nicht. Sie tun es aus Nächstenliebe oder Pflichtbewusstsein – und weil es die meisten Pflegebedürftigen so wünschen. Den Wert ihrer Arbeitsleistung hat der Chef des AOK-Bundesverbandes Martin Litsch bei der Vorstellung des aktuellen AOK Pflegereports am Montag in Berlin ausgerechnet. „Wenn man die Stundenzahl, die pflegende Angehörige aufwenden, mit dem heutigen Mindestlohn multipliziert, dann liegt die Wertschöpfung bei sage und schreibe rund 37 Milliarden Euro pro Jahr“, sagte er. „Eine gewaltige Summe, wenn man bedenkt, dass die Pflegeversicherung selbst nur ein Einnahmevolumen von rund 26 Milliarden Euro umfasst.“

Hilfeleistungen werden kaum in Anspruch genommen

Dass Pflegekassen auch noch an anderer Stelle sparen, belegt der Pflege-Report 2016 ebenfalls. Demnach werden eine Reihe von Entlastungsleistungen nicht in Anspruch genommen, etwa die Kurz- und Verhinderungspflege. Mit diesen Maßnahmen können pflegende Angehörige für 14 Wochen pro Jahr eine Auszeit von der Pflege nehmen, was einem Gegenwert von 3.224 Euro entspricht. Doch noch nicht einmal jeder fünfte der 1.000 Befragten hat demnach ein zusätzliches Unterstützungsangebote der gesetzlichen Pflegeversicherung in Anspruch genommen. Dabei sind der Mehrheit die Angebote durchaus bekannt. Gleichzeitig sagt jeder vierte Pflegehaushalt, der weder Pflegedienst noch Tagespflege oder Kurz- und Verhinderungspflege in Anspruch nimmt, dass er genau diese Leistungen eigentlich benötige. Laut Pflege-Report begründen die Befragten ihre Zurückhaltung etwa mit mangelnder Erreichbarkeit oder schlechten Erfahrungen. Die am häufigste genannte Ursache ist jedoch, dass viele Pflegebedürftige nicht von einer fremden Person gepflegt werden wollen.

 

Regelungen zu kompliziert

„Wir müssen die Bedürfnisse der Betroffenen noch besser verstehen und gleichzeitig mit guter Beratung und niedrigschwelligen Angeboten überzeugen. Allerdings zeigt sich hier auch ein tief sitzendes Selbstverständnis von familiärer Pflege, in das Pflichtgefühl und Scham mit hineinspielen“, sagt Antje Schwinger, Pflegeexpertin des WIdO und Mitherausgeberin des Reports. AOK-Chef Litsch findet viele Regelungen zu kompliziert. Er forderte, die Leistungen noch einfacher und flexibler gestalten. Zum Beispiel könne man die beiden Leistungen „Verhinderungspflege“ und „Kurzzeitpflege“ zusammenlegen.

Der Pflege-Report 2016 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) zeigt, dass Deutschland auch weiterhin auf die Pflege durch Angehörige angewiesen sein wird: So ist die Zahl der Pflegebedürftigen in den vergangenen zehn Jahren stetig gestiegen – auf heute rund 2,7 Millionen Menschen. Andererseits zeigt der Report auch, dass die Pflegebedürftigkeit sich immer mehr ins höhere Alter verlagert. Von den 80- bis 84-Jährigen ist jeder fünfte pflegebedürftig, von den 85- bis 89-Jährigen schon jeder dritte und bei den über 90-Jährigen sind es weit mehr als die Hälfte.

Foto: © Ocskay Bence - Fotolia.com

Hauptkategorie: Pflege
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Pflege , Pflegende Angehörige
 

Weitere Nachrichten zum Thema Pflegende Angehörige

 
 

Aktuelle Nachrichten aus der Gesundheit

 
. Weitere Nachrichten
Eine Studie zeigt: Zu viel Salz reduziert die Anzahl der Milchsäurebakterien im Darm. Dadurch können verschiedene Krankheiten entstehen. Probiotika hingegen können die Darmflora schützen.
Das Online-Programm iFightDepression der Deutschen Depressionshilfe scheint wirksam zu sein. Eine aktuelle Studie zeigt, dass die Teilnehmer ihre depressive Symptomatik damit von mittelgradig auf leicht verbessern konnten. Voraussetzung ist allerdings, dass die Selbsttherapie professionell begleitet wird.
 
 
. Interviews
Hitzewellen sind eine reale Gefahr für die Gesundheit und lassen die Mortalitätsrate ansteigen. Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem wissenschaftlichen Leiter des Zentrums für Medizin-Meteorologische Forschung des Deutschen Wetterdienstes (DWD) in Freiburg, Prof. Dr. Andreas Matzarakis, über Hitzewarnsysteme und die Auswirkungen von Hitzewellen auf unsere Gesundheit gesprochen.
Das Essen in deutschen Krankenhäusern hat keinen besonders guten Ruf. Dabei lässt sich mit wenig Mehraufwand viel erreichen. Der Internist und Ernährungsmediziner Prof. Dr. Christian Löser erklärt die medizinischen und ökomischen Effekte einer gesunden Ernährung im Krankenhaus.
Pflegekräfte sind in der Coronakrise wichtiger denn je und gleichzeitig besonders gefährdet. Das persönliche Engagement ist und bleibt dennoch hoch. Über Wertschätzung, Sicherheitsrisiken und die Gefahr der Selbstausbeutung in Pflegeberufen hat Gesundheitsstadt Berlin mit dem Pflegeexperten Thomas Meißner gesprochen.