. Interview

„Online-Programme können bei Depressionen ähnlich wirksam sein wie klassische Psychotherapien“

Wer unter Depressionen leidet, muss oft lange auf einen Therapieplatz warten. Online-Angebote können dann unter Umständen als Überbrückung eingesetzt werden. Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem Psychiater Prof. Dr. Ulrich Hegerl über internetbasierte Psychotherapien und Selbstmanagement-Programme für Betroffene gesprochen.
Ulrich Hegerl

Prof. Dr. Ulrich Hegerl

Herr Professor Hegerl, schwierige Lebenssituationen, Trauer oder Verzweiflung hat fast jeder schon erlebt. Doch warum werden manche Menschen depressiv, andere nicht?

Hegerl: Die Frage zielt auf ein weit verbreitetes Vorurteil in der Bevölkerung. Eine Depression ist mehr als eine Reaktion auf ein schlimmes Ereignis oder eine schwierige Situation im Leben. Depressionen sind eigenständige und schwere Erkrankungen, die jeden treffen können und mit veränderten Hirnfunktionen einhergehen. Die Bedeutung äußerer Umstände wird oft überschätzt. Besonders deutlich wird das bei der manisch-depressiven Erkrankung, bei der es über Nacht zu einem Umkippen der Depression in eine Manie, also in einen Zustand mit Größenideen und überschießender Aktivität, kommen kann.

Aber warum ist die Meinung, eine Depression sei eine Reaktion auf Lebensumstände, so verbreitet?

Hegerl: Wir reagieren ja alle auf negative Ereignisse mit gedrückter Stimmung oder Trauer und viele glauben dann, bei der Depression sei das genauso. Das Erleben in der Depression ist aber meist ganz anders. Beispielsweise können keine Gefühle mehr wahrgenommen werden, auch nicht Trauer. Die Vorstellung, Depression sei vor allem eine Folge der Lebensumstände, hat gravierende Nachteile: Auf diese Weise wird die Erkrankung nämlich häufig nicht ernstgenommen. Zudem wird die Auffassung oft benutzt, um gegen den Einsatz von Antidepressiva zu argumentieren. Denn wenn es Lebensumstände wie beispielsweise Beziehungsprobleme oder Arbeitslosigkeit sind, die den Depressiven krank gemacht haben, was sollten da Medikamente ausrichten? Ich stoße bei Vorträgen und Diskussionen immer wieder auf diese Haltung. Dabei ist es ganz wichtig, sich klarzumachen: Die Depression ist eine eigenständige und behandlungsbedürftige Erkrankung wie andere auch.

Wie kommt es zu dieser Erkrankung?

Hegerl: Welche genauen Mechanismen im Gehirn die Depression auslösen, wissen wir noch nicht. Was wir wissen ist, dass die These vom Serotoninmangel viel zu kurz greift. Es sind viele Hirnfunktionen wie beispielsweise die Stresshormon- oder die Wachheitsregulation gestört. Ganz sicher ist, dass es eine Veranlagung für Depressionen gibt. Das ist auch der Grund, warum manche Menschen trotz schlimmster Erlebnisse nicht depressiv werden. Bei anderen wiederum können auch kleine Veränderungen im Leben die Erkrankung zumindest mit auslösen. 

Um welche Art von Veranlagung handelt es sich da?

Hegerl: Zum einen weisen die familiären Häufungen von Depressionen und Zwillingsuntersuchungen eindeutig auf eine genetische Veranlagung hin. Daneben gibt es aber auch erworbene Veranlagungen. So ist es nachgewiesen, dass bestimmte traumatische Kindheitserfahrungen wie Missbrauch oder emotionale Vernachlässigung das Gehirn nachhaltig verändern und das Risiko erhöhen, später an Depressionen zu erkranken.

Das bedeutet ja aber nicht, dass derjenige, der diese Veranlagung hat, der Depression hilflos ausgeliefert ist. Was kann also der einzelne tun, um sich gegen eine Depression zu wappnen?

Hegerl: Wenn bereits eine Depression vorliegt, stehen verschiedene Antidepressiva und Psychotherapien zu Verfügung; sie können die depressive Krankheitsphase zum Abklingen bringen und auch Rückfällen wirksam vorbeugen. Doch wir können auch schon vorher etwas tun. Wenn beispielsweise aufgrund einer familiären Häufung ein erhöhtes Risiko für Depressionen vorliegt oder wenn jemand bereits eine depressive Episode erlebt hat, ist es besonders wichtig, die Frühzeichen zu kennen. Vermehrtes Grübeln, Schlafstörungen und ein permanentes Gefühl von Anspannung – wie vor einer Prüfung – können auf eine beginnende Depression hinweisen. Weitere Anzeichen sind die Neigung zu übertriebenen Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen, das völlige Fehlen von Lebensfreude und ein permanentes Erschöpfungsgefühl. Es ist wichtig, bei solchen Anzeichen nicht viel Zeit zu verlieren und sich schnell professionelle Hilfe zu holen. Allgemein ist natürlich auch eine gesunde Lebensführung zu empfehlen. Sport ist sinnvoll, aber auch auf eine innere Stimmigkeit im Leben sollte man achten. Niemand sollte ständig gegen seine eigene Natur leben.

Neben Antidepressiva und Psychotherapien gibt es auch vermehrt Online-Angebote für Depressionspatienten.

Hegerl: Richtig, hier gibt es mittlerweile verschiedene Angebote und Programme, die unter anderem von einigen Krankenkassen angeboten werden, aber auch von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Sie hat zum Beispiel das mittlerweile größte betreute Depressionsforum ins Leben gerufen, in dem sich täglich rund 2000 Betroffene und deren Angehörige über ihre Erfahrungen mit der Erkrankung austauschen. Ebenfalls von der Deutschen Depressionshilfe entwickelt wurde das iFightDepression Tool, ein internetbasiertes Selbstmanagement-Programm für Menschen mit leichten und mittelschweren Depressionen. Das Programm kann über Ärzte, Psychotherapeuten oder andere Fachkräfte, die den Patienten bei der Nutzung begleiten, freigeschaltet werden.

Man wird also mit dem Online-Angebot nicht alleine gelassen?

Hegerl: Nein, der Patient erhält den Zugang nur über einen Arzt oder Therapeuten. Die Idee ist zwar, dass der Patient selbst aktiv wird, aber es geht keineswegs darum, eine Depression alleine mit Hilfe des Internets zu behandeln. Wir wollen mit diesem Programm vor allem die Hausärzte einbeziehen. Der Hausarzt ist ja oft der erste Ansprechpartner. Wir würden uns wünschen, dass sich die Ärzte mit dem Tool bekannt machen und es Patienten bei Bedarf anbieten. Beim nächsten Arztbesuch kann dann besprochen werden, wie der Patient mit dem Programm zurechtgekommen ist.

Wie ist die Wirksamkeit solcher Programme? Gibt es Studien dazu?

Hegerl: Ja, Meta-Analysen konnten zeigen, dass die Wirksamkeit solcher Selbstmanagement-Programme bei leichteren Depressionen ähnlich gut ist wie die von Psychotherapien. Auch für Angststörungen und andere psychische Erkrankungen gibt es mittlerweile verschiedene Online-Angebote, doch am besten erprobt sind sie bei Depressionen.

Für wen sind solche Angebote geeignet?

Hegerl: Die Programme richten sich natürlich vor allem an Patienten, die eine gewisse Affinität zur digitalen Welt haben. Auch werden sich vor allem diejenigen davon angesprochen fühlen, die gerne selbst aktiv werden. Andere brauchen dagegen stärker die persönliche Beziehung zu einem Therapeuten; sie wollen ein Gegenüber, dem sie in die Augen schauen können. Allerdings sind die Wartezeiten auf einen Therapieplatz ja häufig sehr lange. Dann können die Online-Angebote auch zur Überbrückung eingesetzt werden.

Neben diesen von Experten entwickelten, spezifischen Trainings-Programmen gibt es im Internet ja mittlerweile eine Reihe von Apps, mit denen sich die Menschen immer weiter selbst zu optimieren versuchen. Können solche Apps ihrer Meinung nach auch schaden?

Hegerl: Tatsächlich hat die Digitalisierung auch ihre Schattenseiten. Sich selbst permanent zu vermessen mit Fitness-Armbändern und Smartphones kann mit einem eher technokratischen Menschenbild einhergehen, bei dem Lebensaspekte, die sich nicht in Zahlen pressen lassen, leicht verloren gehen können. Auch schon der Begriff „Selbstmanagement“ hat etwas Zwiespältiges an sich und lädt Verantwortung für die Heilung beim Patienten ab. Gleichzeitig ist es aber auch Aufgabe der Medizin, alle technischen Entwicklungen zum Wohle der Patienten zu nutzen.  Wir arbeiten gerade an einem Projekt, bei dem Depressionspatienten mit Hilfe ihres Smartphones Daten beispielsweise über ihr Schlafmuster, Herzrate oder Stimmung sammeln können, mit denen dann frühzeitig auf Veränderungen im Krankheitsverlauf aufmerksam gemacht werden kann. Patienten können dadurch im Lauf der Zeit ein besseres Gefühl für Veränderungen und deren Ursachen entwickeln. Natürlich können solche Programme immer nur ein zusätzliches Angebot zu anderen Therapieformen darstellen. Zudem ist es wichtig, dass die Daten geschützt sind und dass der Patient Herr seiner Daten ist und stets selbst darüber bestimmt, was mit diesen Informationen passiert. 

Prof. Dr. Ulrich Hegerl ist Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Leipzig und Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Informationen zum iFightDepression Tool, das von der Deutschen Depressionshilfe angeboten wird, sind unter http://ifightdepression.com/de/ erhältlich.

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Hauptkategorien: Gesundheitspolitik , Medizin
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