. Task Force Pflege

Neurologen hadern mit Personaluntergrenzen in der Pflege

Ab 2019 werden in Kliniken Personaluntergrenzen in der Pflege eingeführt. Das hört sich auf den ersten Blick vernünftig an. Die Task Force Pflege der Deutschen Gesellschaft für Neurologie äußert aber auch Bedenken.
Personaluntergrenzen, Task Force Pflege

2019 kommen die Personaluntergrenzen in der Pflege. Nicht alle sind happy darüber

Wohin man hinschaut, Personalmangel bestimmt den Klinikalltag. Und natürlich ist auch die besonders pflegeintensive Neurologie davon betroffen. Rund 30 Prozent der neurologischen Kliniken geben an, dass sie überwiegend wegen Pflegekräftemangel ihre Versorgung zeitweise einschränken müssen. Und Studien zeigen, wohin das führt: Wenn ein bestimmtes Mindestmaß an Pflege nicht zur Verfügung steht, steigen die Mortalitätsraten, die Zahl der Pneumonien, Harnwegsinfekte, gastrointestinalen Blutungen und die Länge des Krankenhausaufenthalts. Auch Dekubitus, Sepsis, Schock, Herz-Kreislauf-Stillstand, ZNS-Komplikationen, infizierte OP-Wunden, Lungenversagen und tiefe Beinvenenthrombosen treten häufiger auf.

„Zu wenig Pflegepersonal geht mit vermehrten Komplikationen bei den Patienten einher“, sagt dazu Prof. Armin Grau. Neurologische Krankheitsbilder seien nicht nur pflegeintensiv, sondern auch pflegesensitiv. Der Neurologe ist Mitglied der Task Force Pflege, die die Deutsche Gesellschaft für Neurologie im letzten Jahr zur Bekämpfung des Pflegenotstands in der Neurologie eingesetzt hat. Das Gremium hat sich insbesondere mit dem Thema Personaluntergrenzen beschäftigt, die der Gesetzgeber 2019 verbindlich einführen will.

Nachts darf keine Pflegekraft allein sein

Nun liegt der Abschlussbericht der Task Force Pflege vor. Die Arbeitsgruppe sagt einstimmig: Pflegepersonaluntergrenzen in neurologischen Kliniken können ein gutes und ein wichtiges Instrument sein. Dies gelte aber nur dann, wenn sie sinnvoll eingeführt und ausgestaltet werden. Als potenzielle Personaluntergrenzen empfehlen die Experten auf einer Normalstation folgende Personalschlüssel: In der Früh- und in der Spätschicht eine Pflegekraft für sieben Patienten, während der Nachtschicht ein Verhältnis von 1:14. Nachts darf in keiner Einheit eine Pflegekraft allein sein, auch wenn weniger als 14 Patienten auf der Station liegen. Stroke Units benötigen eine Pflegekraft für drei Patienten und während der Nachtschicht für vier Patienten. Für neurologische Intensivstationen wird durchgehend der Personalschlüssel der DIVI von 1:2 empfohlen.

„Um zu gewährleisten, dass die Personaluntergrenze tatsächlich zu einer besseren Patientenversorgung führt, sprechen wir uns für eine Kombination aus Untergrenzen und einem Personalbemessungsinstrument aus“, sagt Grau. Mit dessen Hilfe sollten Patienten entsprechend ihrem Pflegeaufwand klassifiziert werden. Je nach Patientenmix sollte festgelegt werden, wie viele Pflegekräfte eine Klinik für ihre Patienten benötigt.

 

Was, wenn der Personalschlüssel nicht erfüllt wird?

Diese Kombination sei wichtig, meint Neurologe Grau. Denn eine starre Personaluntergrenze berge auch Gefahren. „Wir wissen, dass falsch eingesetzte Personaluntergrenzen den Kliniken und am Ende den Patienten sehr schaden können“, gibt der Experte zu bedenken. So könnte mancherorts eine vorgeschriebene Personaluntergrenze dazu führen, dass Kliniken oder Abteilungen schließen müssen, weil sie derzeit nicht mit ausreichend Pflegepersonal ausgestattet sind. „Das wäre ein finanzielles Desaster für die betroffenen Kliniken. Patienten würden gar nicht mehr versorgt. Deshalb brauchen wir schützende Übergangsregelungen.“

Nach den Task-Force-Empfehlungen soll zumindest anfangs Hilfspersonal mit angerechnet werden. Außerdem müsse es eine unmittelbare Gegenfinanzierung geben, wenn Kliniken mehr Personal einstellen wollen.

Nach 13 Jahren Pflege ist meist Schluss

Auf dem Chefärztetag in Kassel gab es innerhalb der eigenen Reihen Unterstützung, aber auch Widerspruch zu den Vorschlägen der Task-Force. Die Kritiker bemängelten, dass Pflegepersonaluntergrenzen Kliniken in ein Korsett zwingen. Andere fürchteten finanzielle Abschläge bei Nichterfüllung. Außerdem besteht der Sorge, dass die Pflegekräfte zum Teil gar nicht zur Verfügung stehen und deswegen Stellen offen sind. „Dieser Einwand ist berechtigt“, meint Grau. Hier müsse man aber bedenken, dass in Deutschland Pflegekräfte nach durchschnittlich rund 13 Jahren ihrem Beruf den Rücken kehrten. „Ausgebildete Pflegekräfte gäbe es also wahrscheinlich genug, nur müssen wir den Arbeitsplatz Krankenhaus wieder so attraktiv machen, dass die Pflegekräfte am Bett bleiben oder dahin zurückkehren.“

Foto: Fotolia –spotmatikphoto

Autor: ham
Hauptkategorien: Gesundheitspolitik , Pflege
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