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Neue Waffen gegen Bauchfellkrebs

Wie kann man die Überlebenschancen bei Bauchfellkrebs verbessern? Die Expertin Professor Beate Rau, Leiterin des Peritonealkarzinosezentrums der Charité, berichtet über eine neue Kombinationstherapie gegen Bauchfellkrebs und wie Patienten davon profitieren können.
Neue Waffen gegen Bauchfellkrebs

Prof. Dr. Beate Rau

Frau Professor Rau, es gibt Chirurgen, die sagen, Bauchfellkrebs könne man nicht operieren. Als gestandene Viszeralchirurgin und Gründerin des Kompetenzzentrums Bauchfellkrebs der Charité sehen Sie das sicher etwa anders?

Rau: Noch vor etwa fünfzehn Jahren konnten Sie in Deutschland niemanden finden, der eine Peritonealkarzinose operiert hätte. Erfreulicherweise hat sich das geändert. Wir operieren heute auch einen ausgedehnten Krebsbefall des Bauchfells.

Wie einzigartig ist das, was Sie in Berlin machen?

Rau: Als wir vor gut zehn Jahren – damals noch am Standort Buch unter Professor Schlag – mit den Operationen begonnen haben, waren wir unter den Ersten, die sich an diesen komplizierten Eingriff wagten. Inzwischen gibt es in Deutschland sieben spezialisierte Zentren für Bauchfellkrebs. Außerdem bieten immer mehr Kliniken eine chirurgische Behandlung bei Bauchfellkrebs an. Der Eingriff setzt allerdings sehr viel Erfahrung des Operateurs und seines Teams voraus.

Erfahrung findet man wahrscheinlich eher an den Zentren?

Rau: Ich kann Patienten nur raten, sich an ein spezialisiertes Zentrum zu wenden. An der Charité haben wir bereits mehr als 200 Fälle operiert. Das ist für diesen vergleichsweise seltenen Eingriff sehr, sehr viel. Außerdem halten wir eine eigene interdisziplinäre Tumorkonferenz zur Peritonealkarzinose ab, ich glaube das ist in Deutschland wirklich einzigartig.

Ein Krebsbefall des Bauchfells, des sogenannten Peritoneums, weist immer auf ein fortgeschrittenes Krebsstadium hin. Wie verkraften die schwer kranken Patienten eine so große Operation?

Rau: Das erste, was ich immer sage, ist: Das ist keine Option für jedermann. Schließlich ist die Operation ein massiver Eingriff in die Gesundheit und bringt die Patienten erst einmal auf die Intensivstation.

Welche Patienten können Sie dennoch operieren?

Rau: Wir stellen uns natürlich bei jedem Patienten die Frage, ob der Eingriff in Anbetracht der begrenzten Lebenserwartung zumutbar ist. Wenn der Patient aber in einem guten Allgemeinzustand ist und die Tumorlast nicht allzu groß ist, können wir eine Operation in Betracht ziehen. In jedem Fall schauen wir uns vorher den Bauch genau an, in der Regel im Rahmen einer Bauchspiegelung. Letztendlich kommt etwa ein Drittel der Patienten für den Eingriff in Frage.

An der Charité setzen Sie noch eins drauf und kombinieren die Operation mit einer lokalen Chemotherapie. Funktioniert das Verfahren?

Rau: Wir haben die Hypertherme Intraperitoneale Chemotherapie – kurz HIPEC – aus den USA übernommen und seit etwa zehn Jahren sehr gute Erfahrungen damit gemacht. Sowohl was die Heilungschancen als auch die Lebensqualität der Patienten betrifft.

Haben Sie Zahlen zum verbesserten Überleben?

Rau: Ein Befall des Bauchfells geht ja meist von einem Tumor des Magen-Darm-Trakts aus. Nehmen Sie jetzt einen Patienten mit Darmkrebs, dessen Tumor bereits das Bauchfell befallen hat: Dieser Patient hat unter Standardtherapie eine Lebenserwartung von plus minus einem halben Jahr. Mit der Kombination aus Chirurgie und HIPEC können wir immerhin bis zu fünf Jahre herausholen. Das ist ein tolles Ergebnis.

Bei der OP spülen Sie den Bauchraum 60 Minuten lang mit einer erwärmten Chemotherapie. Wo ist der Vorteil gegenüber der klassischen Chemotherapie?

Rau: Die Bauchhöhle ist mit weniger Blutgefäßen versorgt als andere Organe. Folglich ist die Konzentration der Zytostatika dort viel zu gering und das Mittel kann nicht so gut wirken. Mit der lokalen Verabreichung bringe ich dagegen die Chemikalien genau dort hin, wo ich sie haben möchte, und zwar in einer deutlich höheren Konzentration, als dies durch systemische Chemotherapie erreicht werden könnte. Dass wir die Chemotherapie dabei auf 40 bis 42 Grad erhitzen, verstärkt die Wirkung. Denn durch die Hitze werden die molekularen Mechanismen der Krebszellen empfindlich gestört.

Ist der Patient anschließend tumorfrei?

Rau: Er hat zumindest keine nachweisbaren Tumorzellen mehr. Voraussetzung ist aber, dass alles sichtbare Tumorgewebe chirurgisch restlos entfernt werden konnte. Die lokale Chemotherapie hilft, die fürs Auge unsichtbaren Krebszellen zu zerstören. Das Risiko eines Tumor-Rückfalls wird so reduziert bzw. lange hinausgezögert.

Gibt es auch Nachteile des Kombinations-Verfahrens?

Rau: Wie schon gesagt, es ist ein großer Eingriff, den man sehr genau abwägen muss. Da wir die Patienten aber sehr gut vorselektieren, profitieren die allermeisten Patienten davon. Das einzige Manko, das ich augenblicklich sehe, ist, dass wir noch zu wenig aussagekräftige Studien haben.

Das wollen Sie als Charité-Kompetenzzentrum doch sicher ändern?

Rau: Gerade ist auf unsere Initiative hin die erste multizentrische Studie in Deutschland angelaufen. Eingeschlossen werden Patienten mit fortgeschrittenem Magenkarzinom plus Krebsbefall des Bauchfells. Im Rahmen der Studie erhalten sämtliche Patienten zunächst eine Chemotherapie und werden anschließend am Bauchfell operiert. Eine Gruppe erhält zusätzlich eine Hypertherme Intraperitoneale Chemotherapie. Diese Studie ist extrem wichtig, um die Wirksamkeit von HIPEC zu untersuchen. Bislang können wir nämlich gar nicht definitiv sagen, ob HIPEC überhaupt Vorteile gegenüber der Operation alleine bringt.

Prof. Dr. Beate Rau leitet das Peritonealkarzinosezentrums der Charité am Campus Mitte. Das Zentrum wurde im Mai 2012 von der Deutschen Krebsgesellschaft und im April 2013 von der Deutschen Gesellschaft der Allgemein- und Viszeralchirurgie (DGAV) zertifiziert. Derzeit ist es das einzige Kompetenzzentrum für die chirurgische Behandlung von bösartigen Erkrankungen des Bauchfells in den neuen Bundesländern.

Hauptkategorie: Medizin

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