. Krebsforschung

Neue Immuntherapie setzt HIV-Medikament gegen metastasierten Darmkrebs ein

Patienten mit metastasiertem Darmkrebs steht möglicherweise bald ein neuer immuntherapeutischer Ansatz zur Verfügung: Wissenschaftler konnten das Immunsystem mit einem HIV-Medikament überlisten und so einzelne Metastasen zerstören.
Das HIV-Medikament Maraviroc blockiert das Oberflächeneiweiß CCR5. Dadurch werden die Makrophagen in der Leber aktiviert die Metastasen zu bekämpfen. Die Metastasen in der Leber (li) verschwanden nach Behandlung (re)

Das HIV-Medikament Maraviroc blockiert das Oberflächeneiweiß CCR5. Dadurch werden die Makrophagen in der Leber aktiviert die Metastasen zu bekämpfen. Die Metastasen in der Leber (li) verschwanden nach Behandlung (re)

Noch ist das Ganze nichts spruchreif. Aber es klingt vielversprechend, was Wissenschaftler aus Heidelberg und Hannover jetzt in der Fachzeitschrift „Cancer Cell“ schreiben. Demnach kann ein HIV-Medikament auch Patienten mit metastasiertem Darmkrebs helfen. In präklinischen Laborversuchen und einer anschließenden Studie mit 14 Patienten gelang es, einzelne Metastasen mit Hilfe eines CCR5-Blockers zu zerstören. Weiterführende klinische Studien sind nun in Planung.

Bei dem neuen Behandlungsansatz handelt es sich um eine Immuntherapie. Anders als bei aktuellen Immuntherapien wird hierbei nicht die erworbene Immunabwehr gestärkt, sondern der angeborene Teil Immunsystems aktiviert. In Voruntersuchungen hatten die Wissenschaftler herausgefunden, dass bestimmte Immunzellen, die Makrophagen, das Wachstum der Lebermetastasen sogar fördern, statt es zu bekämpfen. Und dass an diesem unheilvollen Zusammenspiel das Signalprotein CCL5 maßgeblich beteiligt ist, weil es Immunzellen in das Gewebe hineinzieht und so aus Krebs-und Immunzelle Komplizen macht. Auch in der Nähe der Lebermetastasen fanden die Wissenschaftler T-Zellen, die CCL5 in größeren Mengen produzieren.

HIV-Medikament hilft bei der Zerstörung von Darmkrebs Metastasen

Ein Medikament, das CCL5 hemmt, wird bereits bei HIV-Infizierten therapeutisch eingesetzt. Denn das HI-Virus bindet an CCR5 und dringt so in die Zellen ein. Der Hemmstoff namens Maraviroc kann dies verhindern. Dass dieser Blocker nun auch das Immunsystem bei metastasiertem Darmkrebs überlisten kann, zeigten zunächst Experimente mit Krebszellen im Labor. Laut Bericht wandelte die Blockade von CCR5 die Makrophagen im umliegenden Gewebe der Metastase von tumorfördernd zu tumorbekämpfend um.  Die so "umprogrammierten" Fresszellen hätten nun die Krebszellen zerstören können, so die Forscher, und gleichzeitig das umliegende gesunde Lebergewebe schonen können. 

Dieser Erfolg bestätigte sich dem Bericht nach auch in einer anschließenden klinischen Phase I-Studie, in der 14 Patienten mit metastasiertem Darmkrebs mit dem HIV-Medikament behandelt wurden. „Wir konnten den Rückgang einzelner Metastasen beobachten“, berichtet Prof. Dirk Jäger, Ärztlicher Direktor am Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen (NCT) und Sprecher des Forschungsschwerpunkts Tumorimmunologie am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg. Darüber hinaus sei das HIV-Medikament gut vertragen worden. „Aber auch das Ansprechen in Kombination mit einer Chemotherapie ist vielversprechend", so Jäger.

Neue Immuntherapie wird an anderen Tumorerkrankungen erforscht

Die neue Immuntherapie, die das angeborene Immunsystem nutzt, soll nun weiterentwickelt werden, und zwar nicht nur für Patienten mit metastasiertem Darmkrebs: „Mit dieser Forschungsarbeit ist es zum ersten Mal gelungen, Makrophagen durch CCR5-Blockade gegen den Tumor zu reaktivieren“, sagt Dr. Niels Halama, Arzt und Wissenschaftler in der Abteilung Medizinische Onkologie am NCT. „In Kürze beginnen wir, weiterführende klinische Studien, um das Potenzial dieser neuen Therapieoption auch bei anderen Tumorerkrankungen besser zu verstehen.“

An der Studie waren Wissenschaftler des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen (NCT) und des Universitätsklinikums Heidelberg in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) sowie Wissenschaftler von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) beteiligt.

Foto: ©NCT Heidelberg

Autor: ham
Hauptkategorie: Medizin
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