. RTL-Reportage

Nach Wallraff-TV: Was die Kliniken zu den Vorwürfen sagen

Nach der RTL-Sendung „Team Wallraff – Reporter undercover“ haben sich die drei betroffenen Kliniken zu Wort gemeldet. Einige Vorwürfe werden zugegeben, andere abgestritten. Das Klinikum Harlaching prüft sogar rechtliche Schritte.
RTL-Sendung „Team Wallraff – Reporter undercover“ bringt Kliniken in Bedrängnis. Nun äußern sie sich zu den Vorwürfen

RTL-Sendung „Team Wallraff – Reporter undercover“ bringt Kliniken in Bedrängnis. Nun äußern sie sich zu den Vorwürfen

Die RTL-Sendung „Team Wallraff – Reporter undercover“ am Montagabend hat für ein großes Echo in den Medien und sozialen Netzwerken gesorgt. In der Reportage „Profit statt Gesundheit: Wenn Krankenhäuser für Patienten gefährlich werden“ wurden zahlreiche Missstände in Kliniken aufgedeckt. Gravierende Mängel bei der Hygiene, völlig überlastetes Personal  und ein schroffer und teils unmenschliche Umgang mit den Patienten haben Millionen Zuschauer schockiert. Nun melden sich die drei Kliniken zu Wort, in denen Team Wallraff-Reporterin Pia Osterhaus als Praktikantin getarnt gearbeitet hat.

Das städtische Klinikum München Harlaching hat am Mittwoch eine Stellungnahme veröffentlicht. Danach distanzieren sich die Verantwortlichen von einer verallgemeinernden Kritik. Die vielen pauschal getroffenen Aussagen zu den Themenbereichen Überlastung, Hygiene, technische Mängel sowie Personalschlüssel zeigten keineswegs ein differenziertes Bild des Klinikalltags, heißt es.  „Davon distanzieren wir uns ausdrücklich“, so ein Sprecher. In dem Sendeformat ginge es nicht um eine differenzierte Berichterstattung, sondern werde bewusst mit Zuspitzung gearbeitet. „Unabhängig davon nimmt das Städtische Klinikum München alle gezeigten Situationen sehr ernst und wird diesen nachgehen", heißt es weiter. 

Personelle Konsequenzen gezogen

Die im Film gezeigte Krankenschwester, die einen Patienten mit derben Worten beleidigt hatte, soll nach Klinikangaben bereits im Juni entlassen worden sein. Man dulde keinen respektlosen Umgang mit Patienten, teilt das Klinikum Harlaching mit. Darüber hinaus nehme man die vielen Überlastungsanzeigen der Klinikmitarbeiter sehr ernst und ginge jeder einzelnen Meldung nach, „um eine zeitnahe Lösung herbeizuführen.“ Ansonsten rechtfertigen sich die Münchner mit Allgemeinplätzen wie „die Klinikhygiene habe einen hohen Stellenwert und es gelten die gesetzlichen Vorgaben“ oder „technische Geräte würden regelmäßig geprüft und gewartet, defekte ausgetauscht.“ Damit reagiert das Münchener Klinikum auf die im Film gezeigten Hygienemängel sowie auf zitierte Aussagen von Mitarbeitern, wonach Geräte häufig nicht funktionierten.

 

Harlaching fühlt sich beschmutzt und hintergangen

Der Sender „München TV“ zitiert die Klinikleiterin Sonja Eckert mit den Worten, ihre Mitarbeiter würden sich durch die undercover Reportage beschmutzt und hintergangen fühlen. Die positiven Leistungen des Teams während der kurzen Anwesenheit der vermeintlichen Praktikantin seien vollkommen unter den Tisch gekehrt worden. Dass man sich in München ernsthaft angegriffen fühlt, geht auch aus der schriftlichen Stellungnahme hervor: "Das journalistische Vorgehen im Rahmen der Sendung „Team Wallraff“, sich als Mitarbeiter auszugeben und in sensiblen Patientenbereichen verdeckte Aufnahmen anzufertigen, ist nicht akzeptabel", heißt es wörtlich. "Gegen pauschale Aussagen und Darstellung gegebenenfalls falscher Tatsachen prüft das Klinikum aktuell rechtliche Schritte."

Helios räumt Nachholbedarf bei der Hygiene ein

Dagegen ist bei den Helios-Kliniken von inakzeptablen Recherchemethoden oder gar rechtlichen Schritten keine Rede. Man nehme die Berichterstattung ernst, heißt es aus der Berliner Konzernzentrale. So entschuldigt sich der private Klinikbetreiber quasi damit, dass sich die Horst-Schmidt-Kliniken zum Zeitpunkt der RTL-Recherche im Mai 2015 mitten im Integrationsprozess nach der Übernahme durch Helios befanden. „Das von Wiesbaden gezeigte Filmmaterial der Notaufnahme zeigt tatsächlich Probleme auf, die auch für uns nach der Übernahme erkennbar waren. Mit der Umsetzung notwendiger Veränderungen haben wir im zweiten Halbjahr 2015 begonnen“, teilt der Helios-Konzern mit.

Pia Osterhaus vom Wallraff-Team hatte in Wiesbaden in der Notaufnahme recherchiert und war auf Mitarbeiter getroffen, die ihr erzählten „chronisch überlastet und am Ende zu sein.“ Nach ihren Recherchen soll es außerdem im vergangenen Jahr zu 70 Prozent Laborverwechslungen/Identitätsfehlern gekommen sein. Helios stellt nun richtig, dass es sich um lediglich um 12 Verwechslungen gehandelt habe, das entspreche gerade mal 0,026 Prozent . Gleichzeitig räumt das Klinikum ein, dass es bei der Reinigung klaren Nachholbedarf gebe. Im Film wurden verschmutzte Betten und blutiges Instrumentarium auf Böden gezeigt.

Klinikum Berlin-Buch reagiert

Das HELIOS Klinikum Berlin-Buch hat ebenfalls Stellung zur RTL-Reportage bezogen. Das Wallraff-Team hatte dort verdeckt auf der onkologischen Station gedreht. Dokumentiert wurde zum Beispiel, dass ein mit ESBL-Keimen infizierter Patient ohne Schutzmaßnahmen im Bett transportiert wurde. „Das Pflegepersonal hätte über diesen Erregerstatus des Patienten informiert sein müssen und für den Transport Schutzkleidung tragen müssen“, gibt Helios zu. Kein Fehlverhalten liege jedoch im Fall des im Beitrag gezeigten MRSA-Patienten vor, der sich ohne Mundschutz im Wartebereich der Klinik aufhielt. Dieser Patient sei zu diesem Zeitpunkt nicht mehr infektiös gewesen und habe sich ohne Einschränkungen frei im Wartebereich der Station bewegen dürfen.

Insgesamt lesen sich die beiden Stellungnahmen aus Wiesbaden und Berlin-Buch weitaus souveräner als dies bei den Münchnern der Fall ist. 

Gröhe bleibt stumm

Einer, der eigentlich vom Team Wallraff angesprochen war, nämlich Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe, hat sich indes zur RTL-Reportage bislang nicht öffentlich geäußert. Auf Nachfrage wurden dem Team Wallraff aus terminlichen Gründen abgesagt. Schade, denn der Film zeigt was passiert, wenn Personalnotstand in deutschen Krankenhäusern die Patienten gefährdet. Und da ist auf jeden Fall die Politik gefragt. 

Foto: © sudok1 - Fotolia.com

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