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17.06.2021

Mehr Physio- und Ergotherapie für Long-Covid-Patienten

Patienten, die an Long-Covid leiden, könnten ab 1. Juli noch öfter eine Physio- oder Ergotherapie erhalten. Dies wurde als "besonderer Verordnungsbedarf" anerkannt. Das heißt, Ärzte belasten damit nicht ihr Budget.
Manche Long-Covid-Patienten benötigen eine spezielle Atemtherapie

Patienten, die an Long-Covid leiden, könnten ab 1. Juli noch öfter eine Physio- oder Ergotherapie erhalten. Denn dies wurde als „besonderer Verordnungsbedarf“ anerkannt. Die Ärzte belasten damit nicht ihr Budget, weil die Kosten aus dem Verordnungsvolumen des Vertragsarztes herausgerechnet werden. Darauf haben sich die Kassenärztliche Vereinigung und der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen verständigt.

Ist beispielsweise eine Wirbelsäulenerkrankung oder Störung der Atmung auf eine Covid-19-Erkrankung zurückzuführen, zum Beispiel bedingt durch wochenlanges Liegen im Krankenbett, können Ärzte Maßnahmen der Physiotherapie verordnen. Etwa Krankengymnastik, die auch als Atemtherapie möglich ist.

Mehr Physio- und Ergotherapie für Long-Covid-Patienten

Ärzte können eine Behandlungsdauer von bis zu zwölf Wochen kalkulieren. Auch müssen sie nicht die orientierende Behandlungsmenge, die im Heilmittelkatalog des Gemeinsamen Bundesausschusses aufgeführt ist, berücksichtigen. Damit wird voraussichtlich mehr Physio- und Ergotherapie für Long-Covid-Patienten verschrieben werden.

Verordnet werden können bei

  • Störungen der Atmung: Krankengymnastik (Atemtherapie), Inhalation
  • Wirbelsäulenerkrankungen: Krankengymnastik-Gruppe, Manuelle Therapie
  • Erkrankungen der Wirbelsäule, Gelenke und Extremitäten (mit motorisch-funktionellen Schädigungen): Motorisch-funktionelle Behandlung
  • neurotische, Belastungs-, somatoforme und Persönlichkeitsstörungen: Psychisch-funktionelle Behandlung
  • wahnhafte und affektive Störungen/Abhängigkeitserkrankungen: Psychisch-funktionelle Behandlung, Hirnleistungstraining
 

Therapie für traumatisierte Covid-19-Patienten

Ein Viertel der schwer an Covid-19 Erkrankten entwickelt im Durchschnitt drei Monate nach körperlicher Genesung eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Dies ist ein Ergebnis einer großen Studie zu den psychischen Auswirkungen der Corona-Pandemie, die von April 2020 bis März 2021 mehr als 30.000 Menschen untersuchte.

Darüber berichtete Studienleiter Prof. Martin Teufel, Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der LVR-Kliniken Essen, auf dem Deutschen Kongress für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am 16. Juni 2021.

Keine Luft mehr bekommen

Das massiv bedrohliche Erlebnis, keine Luft mehr zu bekommen, löse bei diesen Patienten im Nachgang sogenannte Intrusionen aus. "Die Intrusion äußert sich wie ein Flashback, mit einem plötzlich einschießenden massiven Gefühl der Hilflosigkeit und des Ausgeliefertseins, des Erlebens von Kontrollverlust", beschreibt Teufel die Symptomatik.

Diesen Patienten könne man eine Covid-19-spezifische Traumabehandlung anbieten - etwa in Form einer angeleiteten Schreibtherapie. "Die einschneidende Erfahrung auf der Intensivstation ist ja unstrukturiert als Emotion im Unterbewusstsein abgespeichert", erklärt Teufel. "Durch das Narrativ wird sie ins Bewusstsein geholt, aufgearbeitet und neu strukturiert. So kann der Betroffene wieder die Kontrolle über die Affekte erlangen."

Anhaltende somatische Belastungsstörung

Greifbare körperliche Langzeitfolgen als Folge einer Covid-19-Infektion sind aus Sicht des Psychosomatikers selten. So wurden in einer interdisziplinär durchführten Nachsorgestudie der Universitätsmedizin Essen mehr als 300 Personen nach unterschiedlich schwer ausgeprägten Covid-19-Erkrankungen untersucht. "Die Patienten berichteten über unspezifische Symptome wie Schwindel, Kopfweh, Müdigkeit oder Schwächeempfinden", erläutert Teufel.

"Bei weniger als zehn Prozent der Betroffenen konnten medizinisch fassbare Befunde erhoben werden." Dabei handelte es sich in den meisten Fällen um bisher unentdeckte Erkrankungen, die unabhängig von Covid-19 bestehen. "Die Beschwerden hatten in den seltensten Fällen mit der Virusinfektion zu tun", so Teufel. "Wir sprechen hier von Bodily Distress, einer somatischen Belastungsstörung."

Bei Luftnot sind oft Ängste Ursache

Auch bei Patienten, die typischerweise nach einer mittelschweren Corona-Infektion anhaltend unter Luftnot leiden, konnten die Mediziner keine organische Schädigung als Langzeitfolge der Viruserkrankung feststellen; Untersuchungen bestätigten eine ausreichende Lungenfunktion. "Die Betroffenen leiden unter Ängsten, die Erkrankung nicht mehr loszuwerden, und atmen deshalb zu viel. Sie befinden sich in einer Art Hyperventilationszustand, der auf die noch nicht wiedergefundene Sicherheit zurückzuführen ist", so Teufel.

Zur Therapie von vermeintlichen Long-Covid-Symptomen empfiehlt der Mediziner daher als erste Maßnahme die Edukation, um Ängste auf ein rationales Maß zurückzuführen: "Die Patienten müssen wissen: Covid-19 macht in der Mehrzahl der Fälle nicht körperlich dauerkrank. Das Wahrscheinliche ist die vollständige somatische Genesung."

Foto: Adobe Stock/Photographee.eu

 

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