Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
Logo Gesundheitsstadt Berlin
Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
 
07.10.2020

Kindheitstraumen irritieren Stoffwechsel noch im Erwachsenenalter

Missbrauch, Misshandlung und Vernachlässigung in der Kindheit haben nicht nur psychische Folgen für die Betroffenen. Sie können sich auch körperlich niederschlagen – als Veränderungen im Zellstoffwechsel. Die gute Nachricht: An Kinder wird dieser physiologische Stress von Müttern offenbar nicht weitervererbt. Das ergab eine Studie der Universität Ulm.
Frau stützt grübeln Kopf in die Hände - unscharf, hinter regennasser Glasscheibe

Belastende Erfahrungen aus der Kindheit können sich nicht nur psychisch, sondern auch körperlich eingravieren.

Die Mitochondrien sind die Energiefabriken unserer Körperzellen. Wissenschaftler der Universität Ulm haben jetzt untersucht, wie sich belastende Kindheitserfahrungen auf den mitochondrialen Energiestoffwechsel der Immunzellen von Müttern auswirken. Außerdem wollten sie wissen, ob es auf dieser biologischer Ebene zu intergenerationalen Übertragungseffekten von Kindheitsbelastungen kommt, sprich: Ob sich solche Veränderungen auch in den Mitochondrien der Kinder von Müttern mit Kindheitstraumen finden lassen und damit möglicherweise weitergegeben werden.

Traurige Kindheit prägt Psyche – aber auch Körperzellen

Die Studie hat zwei Kernaussagen – eine bedauerliche und eine ermutigende: Bei Müttern mit prägenden negativen Kindheitserlebnissen kommt es in der Tat zu einer Veränderung im Organismus. „Wir haben festgestellt, dass in den Immunzellen von Müttern, die angaben, in ihrer Kindheit missbraucht, misshandelt oder vernachlässigt worden zu sein, nicht nur die Aktivität der Mitochondrien, sondern auch deren intrazelluläre Dichte höher war als bei der Vergleichsgruppe ohne Kindheitsbelastungen“, heißt es in einer Erklärung des Ulmer Forscherteams. Die positive Nachricht: „Die biologischen Veränderungen in der zellulären Energieproduktion ließen sich zwar für Mütter mit Missbrauchs- und Misshandlungserfahrungen nachweisen, aber nicht für deren Kinder“, sagt Studienkoordinatorin Iris-Tatjana Kolassa. Die Professorin leitet an der Universität Ulm die Abteilung für Klinische und Biologische Psychologie.

 

„Neugeborene nicht durch die Belastungen der Mutter beeinflusst“

Da im Zuge der Eizellbefruchtung die Mitochondrien überwiegend von der Mutter weitervererbt werden, hatten die Ulmer Wissenschaftler zunächst die Hypothese aufgestellt, dass sich die Veränderung im mitochondrialen Energiestoffwechsel von Müttern auch in Immunzellen der Neugeborenen nachweisen lassen. Doch diese Erwartung bestätigte sich in der Stichprobe mit vorwiegend moderat belasteten Frauen nicht:

„In dieser Hinsicht waren die Ergebnisse beruhigend", sagt Studienkoordinator und Stressforscher Alexander Karabatsiakis. „Die Resultate sprechen dafür, dass die Mitochondrien der Neugeborenen nicht durch die Belastungen der Mutter beeinflusst werden. Möglicherweise greifen hier biologische Resilienzfaktoren, die sich protektiv auf die Mitochondrien in den Immunzellen der Kinder auszuwirken.“ Karabatsioakis‘ aktuelle Spezialgebiete sind die Felder biomolekulare Psychotraumatologie und Stressforschung, also etwa die Frage, wie seelische Verletzungen sich körperlich niederschlagen können in kleinststofflichen Körperfunktionen.

Immunzellen bei 102 Mutter-Kind-Paaren untersucht

In der Ulmer Studie wurden insgesamt 102 Mutter-Kind-Paare untersucht. Analysiert wurden Immunzellen aus dem Blut der Wöchnerinnen sowie Immunzellen der neugeborenen Kinder aus dem Blut der Nabelschnur. Die belastenden Kindheitserfahrungen der Mutter wurden mit dem Fragebogen „Childhood Trauma Questionnaire“ (CTQ) erfasst.

Folgen von Kindheiterlebnissen auf die Beziehung zum eigenen Kind?

Eingebettet ist die Mitochondrien-Studie in das Verbundprojekt „Meine Kindheit – Deine Kindheit“, das nach generationenübergreifenden Risiko- und Resilienzfaktoren sucht und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert wurde. Bei dem Verbundprojekt geht es darum, zu untersuchen welchen Einfluss mütterliche Kindheitserfahrungen auf die Beziehung zum eigenen Kind und dessen Entwicklung haben. Im Fokus stehen dabei nicht zuletzt die biologischen Mechanismen, über die Missbrauchs-, Misshandlungs- und Vernachlässigungserfahrungen an die nächste Generation weitergegeben werden.

Foto: AdobeStock/kishivan

Autor:
Hauptkategorie: Medizin
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Kinder , Trauma , Stoffwechsel
 

Weitere Nachrichten zum Thema Mutter und Kind

26.05.2020

Das mütterliche Verhalten hat offenbar einen direkten Einfluss auf die Entwicklung des Oxytocin-Systems beim Säugling. Eine Studie konnte zeigen, dass eine größere mütterliche Fürsorge mit höheren Spiegeln des „Bindungshormons“ assoziiert ist. Höhere Oxytocin-Spiegel machen wiederum wahrscheinlich emotional stabiler und erleichtern spätere Beziehungen.

24.07.2020

Der Effekt der Schwangerschaft auf das Rauchverhalten von Müttern ist viel größer als bislang angenommen. Das zeigt eine Studie des RWI und der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit. Viele Frauen hören demnach schon beim Entschluss, Kinder zu kriegen, mit dem Rauchen auf. Alarmierend sei allerdings, dass jede siebte Frau noch nach dem vierten Monat raucht – und damit ihr ungeborenes Kind schädigt.

Aktuelle Nachrichten

 
Weitere Nachrichten

Long-Covid stellt Ärzte vor ein Rätsel. Wegen der enormen Krankheitslast –- etwa jeder zehnte Covid-Patient ist betroffen – wird immerhin intensiv daran geforscht. Was Ärzte inzwischen über das komplexe Krankheitsbild wissen, hat Gesundheitsstadt Berlin Experten gefragt. Eine Zusammenfassung der aktuellen Erkenntnisse.

Patienten mit Immunerkrankungen: Bildet ihr Immunsystem nach einer Corona-Impfung überhaupt genügend Antikörper? Und falls nein: Was kann man tun? Diese Fragen haben Wissenschaftler des „Deutschen Zentrums Immuntherapie“ untersucht. Ein überraschendes Ergebnis: Viele Immunkranke vertragen die Impfung offenbar besser als mancher Gesunde.
 
Kliniken
Interviews
Chronische Fatigue gehört zu den häufigen Langzeitfolgen einer Covid-Infektion. Oft bessert sich der zermürbende Erschöpfungszustand nach einigen Wochen oder Monaten von allein. Doch einige Patienten entwickeln das Vollbild einer myalgischen Enzephalopathie/ Chronisches Fatigue Syndrom (ME/CFS). Gesundheitsstadt Berlin hat mit Professor Carmen Scheibenbogen von der Charité über die Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten des schweren Krankheitsbilds gesprochen.


Wegen Corona suchen Patienten mit psychischen Erkrankungen oft erst spät Hilfe. Auch der Wiedereinstieg in den Alltag ist häufig erschwert. Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem Chefarzt der Psychiatrisch-Psychosomatischen Tagesklinik Waldfriede Dr. med. Herald Hopf darüber gesprochen, wie sich die COVID-19-Pandemie auf die Psyche auswirkt und welche Veränderungen im klinischen Alltag zu bemerken sind.
Logo Gesundheitsstadt Berlin