Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
Logo Gesundheitsstadt Berlin
Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
 

Keine neuen Hirnzellen im Langzeitgedächtnis

Freitag, 9. März 2018 – Autor:
Erwachsene können offenbar doch keine neuen Hirnzellen im Hippocampus bilden. Das behauptet ein amerikanischer Forscher - und wirft damit bisherige Annahmen über den Haufen.
Werden im Hippocampus neue Nervenzellen gebildet? Eine neue Studie weckt Zweifel

Werden im Hippocampus neue Nervenzellen gebildet? Eine neue Studie weckt Zweifel

Der Hippocampus ist jener Teil des Gehirns, wo das Langzeitgedächtnis verortet ist. Bislang gehen Hirnforscher davon aus, dass auch Erwachsene in diesem wichtigen Areal neue Hirnzellen bilden können. Jetzt kommen Zweifel an dieser Hypothese auf. Das Team um Arturo Alvarez-Buylla von der Universität von Kalifornien in San Francisco hatte Gewebeproben von 59 Patienten untersucht und dabei keine Hinweise auf eine Neurogenese, also Neubildung von Nervenzellen, bei Erwachsenen gefunden. Die Forscher schließen, dass diese Fähigkeit kurz bereits kurz nach der Geburt abgeschlossen ist. Die Ergebnisse der Studie sind jetzt im Fachblatt „Nature“ erschienen, aber nicht unumstritten.

Hippocampus speichert Erinnerungen

So zitiert das Ärzteblatt den Neurowissenschaftler Gerd Kempermann vom Deutschen Forschungszentrum für neurodegenerative Erkrankungen in Dresden, der methodische Einwände äußerte. Die Tatsache, dass keine neu gebildeten Neuronen gefunden würden, bedeute noch lange nicht, dass keine vorhanden seien, sagte er. Kritik kommt außerdem, weil die untersuchten Gewebeproben zum Teil von Epilepsie-Patienten stammten. Folglich könnte das Gehirn ja durch die Erkrankung geschädigt sein und deswegen keine neuen Nervenzellen mehr bilden, wird ein anderer Neurowissenschaftler im Ärzteblatt zitiert.

Die Frage, ob das Gehirn neue Nervenzellen bilden kann, beschäftigt die Wissenschaft schon seit langem. 2014 wurde bereits die Hypothese einer Neurogenese im Neokortex widerlegt. In diesem Hirnareal sind höhere Funktionen wie Sprechen, Verstehen und Entscheidungszentren angelegt.

 

Schlaganfallstudie sorgte 2014 für Aufsehen

Experten hatten gehofft, die Neurogenese in diesem Bereich würde die Rehabilitation der Patienten nach einem ischämischen Schlaganfall unterstützen. Doch die Studienergebnisse waren negativ . „Die Wiederherstellung von verlorenen Gehirnfunktionen nach einem ischämischen Schlaganfall im Kortex muss auf andere Ursachen, wie Plastizitätseffekte, zurückgehen“, sagte damals PD Dr. Hagen B. Huttner, Oberarzt der Neurologie am Universitätsklinikum Erlangen. Allerdings könnten geschädigte Nervenzellen ihr Erbgut reparieren und so überleben.

Der Neurologe hatte zusammen mit einem internationalen Forscherteam 20 Schlaganfallpatienten posthum untersucht, die an nichtneurologischen Ursachen verstorben waren. Mithilfe der Radiokarbonmethode wie sie Archäologen nutzen konnten die Wissenschaftler das Alter der Nervenzellen in gesunden wie auch vom Schlaganfall betroffenen Gewebeproben des Kortex bestimmen. Dabei stellten sie fest, dass die Neuronen genauso alt waren wie die Patienten selbst, jüngere Zellen gab es nicht. Diesen Befund bestätigen auch immunhistochemische Analysen und Untersuchungen zur Neukombination der Erbsubstanz: Beide Methoden erbrachten keine Hinweise auf eine nennenswerte Neubildung von Nervenzellen.

Hauptkategorie: Medizin
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Gehirn
 

Weitere Nachrichten zum Thema Hirnforschung

 

Aktuelle Nachrichten

 
Weitere Nachrichten
Der Ukraine-Krieg führt uns vor Augen, dass auch Mitteleuropa verwundbar ist. Wie real ist die Gefahr durch militärisch oder terroristisch missbrauchte Krankheitserreger? Und wer könnte sie einsetzen? Der Chef-Virologe der Bundeswehr zeichnet im Interview mit uns ein Lagebild.


 
Interviews
Affenpocken verlaufen in der Regel harmlos. Doch nicht immer. Dr. Hartmut Stocker, Chefarzt der Klinik für Infektiologie am St. Joseph Krankenhaus in Berlin Tempelhof, über die häufigsten Komplikationen, die Schutzwirkung der Impfung und den Nutzen von Kondomen.

Zöliakie kann in jedem Lebensalter auftreten und ein buntes Bild an Beschwerden machen. Bislang ist das wirksamste Gegenmittel eine glutenfreie Ernährung. Gesundheitsstadt Berlin hat mit PD Dr. Michael Schumann über die Auslöser und Folgen der Autoimmunerkrankung gesprochen. Der Gastroenterologe von der Charité hat an der aktuellen S2K-Leitinie „Zöliakie“ mitgewirkt und weiß, wodurch sich die Zöliakie von anderen Glutenunverträglichkeiten unterscheidet.

Aducanumab ist das erste in den USA zugelassene Medikament, das die Alzheimer typischen Amyloid-Plaques zum Verschwinden bringt. Aber kann der neue monoklonale Antikörper mit dem Handelsnamen Aduhelm auch den Gedächtnisverlust stoppen? Und warum ist die Notfallzulassung in den USA durch die US-Food and Drug Administration (FDA) so umstritten? Darüber hat Gesundheitsstadt Berlin mit dem Neurologen und Alzheimer-Experten Prof. Johannes Levin vom LMU Klinikum München gesprochen.
Logo Gesundheitsstadt Berlin