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Kampf gegen Tabakrauch: Deutschland europaweit Schlusslicht

Tabakrauch ist der häufigste Krebsauslöser in Deutschland. Trotzdem greife die Politik nicht wirklich durch, kritisiert die Deutsche Krebshilfe. Deutschland ist das letzte EU-Land, in dem Tabakwerbung erlaubt ist. Und 20 Zigaretten kosten nur halb so viel wie in Großbritannien, das europaweit im Kampf gegen die Gesundheitsschädlichkeit des Rauchens den Spitzenplatz belegt. Sogar einstige Raucherparadiese wie Griechenland ziehen inzwischen an Deutschland vorbei.
Zigarettenschachtel Verpackung schwarz-rot-gold

Raucherparadies Deutschland: Bei politischen Maßnahmen zum Nichtraucherschutz und zum Rauchstopp ist die Bundesrepublik in Europa Schlusslicht.

Bis 2050 will Deutschland klimaneutral werden: vor allem, indem Fabriken, Gebäudeheizungen, Lastwagen, Pkw, Schiffe oder Flugzeuge durch immer weniger Emissionen die Luft immer weniger verpesten. Das ist ein offizielles umweltpolitisches Ziel. Das Aktionsbündnis Nichtrauchen (ABNR) hat parallel dazu ein weiteres gesellschaftspolitisches Ziel ausgerufen: Bis 2040 soll Deutschland auch frei sein von Tabakrauch. „Von dieser Vision ist die Bundesrepublik jedoch noch weit entfernt“, kritisieren die im Aktionsbündnis zusammengeschlossenen Gesundheitsorganisationen. Zu ihnen zählen unter anderen die Deutsche Krebshilfe, die Bundesärzte- und -zahnärztekammer, die Deutsche Herzstiftung und die Deutsche Hauptstelle für Suchtgefahren.

Im europäischen Vergleich der Maßnahmen zur Eindämmung des Tabakkonsums belegt Deutschland den letzten Platz. Erfolgreiche Einflussnahmen der Tabaklobby und nicht genügend Entschlossenheit seitens der Politik gelten als die Hauptursachen dafür. Und dies, obwohl Tabakrauchen als der größte vermeidbare Krebsrisikofaktor gilt.

Tabaksteuer: Wenn‘s im Geldbeutel wehtut, denken die Leute nach

Die sogenannte Tabakkontrollskala ist eine Rangliste von 36 europäischen Ländern und misst deren Aktivitäten und Maßnahmen, die sie seit 2016 zur Verringerung des Rauchens in der Bevölkerung umgesetzt haben. Alle drei Jahre werden darin sechs Maßnahmen mit einem Punktesystem bewertet, die im Kampf gegen Tabakkonsum als wirksam eingestuft werden und daher im Rahmen einer umfassenden Tabakpräventionsstrategie eingeführt werden sollten. Hierzu zählen Aufklärungskampagnen, ein umfassendes Tabakwerbeverbot, Warnhinweise auf Tabakverpackungen, Rauchverbote und die Unterstützung von Ausstiegswilligen beim Rauchstopp. Als besonders wirksam gilt eine höhere Tabaksteuer, die voll auf den Preis durchschlägt.

An der Spitze der Tabakkontrollskala 2019 steht Großbritannien, gefolgt von Frankreich und Irland. Frankreich beispielsweise hat als drittes Land weltweit Einheitsverpackungen für Zigaretten eingeführt. Auffällig verbessert haben sich Slowenien (von Platz 28 auf 8), das als Raucherparadies geltende Griechenland (von 31 auf 13) sowie Österreich (von 35 auf 20). Hier wurden Werbe- und Rauchverbote durchgesetzt oder verschärft. „All diese Länder zeigen uns, dass durch politische Maßnahmen viel für die Gesundheit der Bevölkerung erreicht werden kann. Sie haben damit eine Vorbildfunktion für jene Staaten, die sich bislang kaum für das Nichtrauchen einsetzen", sagt Sakari Karjalainen, Präsident des Gesamtverbands der europäischen Krebs-Ligen (ECL). Ausgerechnet die drei besonders wohlhabenden mitteleuropäischen Nachbarstaaten Luxemburg (Platz 34), Schweiz (35) und Deutschland (36) belegen die letzten Plätze.

 

Europa-Länder-Ranking: Die Top Sieben im Kampf gegen Tabakrauch

  1. Großbritannien
  2. Frankreich
  3. Irland
  4. Island
  5. Norwegen
  6. Finnland
  7. Israel

Mächtige Zigarettenlobby – politisches Schneckentempo

„Deutschland bildet aktuell das Schlusslicht der Skala“, berichtet Luk Joossens, Initiator der Messskala und Aktivist im Gesamtverband der europäischen Krebs-Liegen (ECL). „Dieses Ergebnis ist erschreckend und tut weh", sagt Martina Pötschke-Langer, die Vorsitzende des Aktionsbündnisses Nichtrauchen. „Er ist das Resultat jahrelanger politischer Untätigkeit. Damit muss jetzt endlich Schluss sein - denn schließlich geht es um Menschenleben!“ ABNR und Deutsche Krebshilfe fordern deshalb insbesondere eine Vereinheitlichung des Nichtraucherschutzes in allen öffentlichen Räumen und Arbeitsstätten und spürbare Steuererhöhungen bei Tabakprodukten. Empfindliche Preiserhöhungen gelten als das vielleicht wirksamste Mittel zur Reduzierung des Tabakkonsums.

Darüber hinaus dringt das ABNR auf ein umfassendes Werbeverbot für Tabakprodukte, aber auch für E-Zigaretten. Jugendliche rauchen inzwischen weniger - aber dampfen mehr. „Deutschland ist das einzige Land in der EU, das immer noch uneingeschränkt Außenwerbung für Tabakprodukte erlaubt", konstatierte Pötschke-Langer. Die CDU/CSU-Fraktion hat zwar Ende 2019 nach jahrelanger Blockade endlich ein Eckpunktepapier verabschiedet, das eine Ausweitung der Werbeverbote für Tabakprodukte und E-Zigaretten vorsieht. Einen entsprechenden mit dem Koalitionspartner abgestimmten Gesetzentwurf gibt es jedoch immer noch nicht. Das ABNR fordert nun eine schnelle Einbringung und parlamentarische Beratung sowie kürzere Übergangsfristen und weniger Ausnahmen als im Gesetzentwurf der Union vorgesehen.

Europa-Ranking 2019: Warum Deutschland Schlusslicht ist

  1. Zigaretten sind zu billig. In Deutschland kostete 2018 die Schachtel mit 20 Zigaretten gemittelt 5,64 Euro. In Frankreich zum Beispiel kostet sie ab März 2020 mit 10 Euro fast doppelt so viel.
  2. Deutschland ist das einzige Land in Europa, das Plakat- und Kinowerbung noch zulässt (punktuelle Werbung gestatten die Schweiz und Israel)
  3. Öffentliche Rauchverbote werden nicht konsequent durchgesetzt und sanktioniert.
    (Quelle: Association of European Cancer Leagues, ECL)

Zahlen zum Tabakkonsum in Deutschland

  • 121.000 Menschen sterben jedes Jahr an Erkrankungen mit Rauchen als Ursache (Lunge, Herz-Kreislauf, zahlreiche Krebsarten)
  • Ein Drittel aller Krebserkrankungen ist auf Tabakrauch zurückzuführen
  • Rund 90 Prozent aller Krebserkrankungen der vom Rauch unmittelbar betroffenen Atemwege (Mundhöhle, Kehlkopf, Lunge) kommen vom Tabakrauch
  • Ein Viertel der Erwachsenen und sieben Prozent der Minderjährigen konsumieren Tabakprodukte

(Quelle: ABNR/Deutsche Krebshilfe)

Foto: AdobeStock/Rawf8

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Hauptkategorie: Gesundheitspolitik
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