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04.08.2021

Kaiserschnitt nicht automatisch die bessere Variante

In den vergangenen 30 Jahren hat sich der Anteil der Geburten per Kaiserschnitt in Deutschland fast verdoppelt – auf zuletzt fast 30 Prozent. Der Richtwert der WHO liegt bei 15 Prozent. Geburtsspezialisten der Medizinischen Hochschule Hannover raten jedoch, pro und contra in jedem Einzelfall besonnen gegeneinander abzuwägen. Ein Kaiserschnitt sei „nicht automatisch besser“ und „in vielen Fällen medizinisch nicht notwendig“.
Im Operationssaal wird ein Kaiserschnitt vorbereitet.

Im Operationssaal wird ein Kaiserschnitt vorbereitet. Viele Frauen wollen ihn. Aber manche Geburtsspezialisten sagen, er sei oft medizinisch nicht notwendig und für die Mutter-Kind-Gesundheit nicht sinnvoll.

Zwillinge im Bauch oder Beckenendlage von Föten gegen Ende der Schwangerschaft: Dies sind gängige Motive beziehungsweise Indikationen für eine Geburt per Kaiserschnitt. Bei einem Kaiserschnitt wird der Fötus nicht natürlich geboren, sondern durch einen Einschnitt in Bauchdecke und Gebärmutter operativ aus dem Mutterleib geholt. Risiken dieser künstlich herbeigeführten chirurgischen Entbindung können negative Auswirkungen auf die Atmung und das Immunsystem nach sich ziehen und im späteren Leben des Kindes das Asthma-Risiko erhöhen. Trotzdem hat sich die Kaiserschnittrate in Deutschland seit 1991 fast verdoppelt: auf zuletzt 29,6 Prozent (Zahlen für 2019).

Kaiserschnitt: Nicht grundsätzlich besser für Mutter und Kind

Auch wenn viele Frauen offenbar fest davon überzeugt sind, dass es für sie keine Alternative zum Kaiserschnitt gebe, warnen jetzt Experten der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) davor, diese Geburtsform zu überschätzen. „Selbst wenn eine Schwangere Zwillinge erwartet oder das Ungeborene in der Beckenendlage liegt, heißt das nicht automatisch, dass sie nur durch einen Kaiserschnitt entbinden kann“, heißt es jetzt in einer Patienteninformation der MHH. „Diese Art der Geburt ist in vielen Fällen medizinisch gar nicht unbedingt notwendig.“ Im Gesamtergebnis sei der Kaiserschnitt „nicht mit einer besseren Gesundheit von Mutter und Kind verbunden“.

 

MHH: Spezialsprechstunde für werdende Mütter

„Es gibt Gründe dafür und dagegen“, sagt Rüdiger Klapdor, Oberarzt in der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe der MHH, „und es kommt immer auf den einzelnen Fall an.“ Wie Frauen diese schwierige Entscheidung durch spezialisierte Kliniken erleichtert werden kann, zeigt das Beispiel MHH. Seit dem Frühjahr gibt es für diese Frauen in der Frauenklinik der Hochschule eine Spezialsprechstunde. Ein Team aus Ärzten und Hebammen berät und begleitet die Schwangeren während der letzten Schwangerschaftswochen, damit die werdenden Mütter dann besser entscheiden können, ob ein Kaiserschnitt oder eine natürliche Geburt das Richtige für sie ist.

Schwangere befähigen, ihre persönliche Entscheidung zu treffen

„In der Spezialsprechstunde für Zwillingsgeburten und Beckenendlage sehen wir die schwangeren Frauen mehrmals und können mit ihnen die Entwicklung der Kinder oder des Kindes verfolgen“, erläutert Hebamme Nina Meier. Hebammen und Ärzte nehmen sich Zeit für die werdenden Eltern, informieren sie sachlich und können ihnen vielleicht auch unbegründete Ängste nehmen. Die Fachleute haben reichlich Erfahrung und kennen die Studien und medizinischen Leitlinien. „Unser Ziel ist es, die Schwangeren so gut zu informieren, dass sie schließlich selbst die richtige Entscheidung treffen können“, sagt Oberarzt Klapdor.

MHH: Spezialzentrum für Risiko- und Mehrlingsgeburten

Die MHH in Hannover ist ein sogenanntes Perinatalzentrum Level 1, also eine Einrichtung der Spitzenmedizin, die auf Risikoschwangerschaften spezialisiert ist. Frauen mit Mehrlingsschwangerschaften ab drei Kindern zum Beispiel sollen nur in solchen Level-1-Zentren entbinden. Zur Verfügung stehen dort neben der Entbindungsstation ein Operationssaal und eine Neugeborenen-Intensivstation, mit ständiger Arztbereitschaft und Neugeborenen-Notarzt für die Nachbarabteilungen. Dort werden auch zahlreiche Patientinnen mit Risikoschwangerschaften und Frühgeburten betreut, bei denen ein Kaiserschnitt indiziert ist. Dennoch lag die Kaiserschnittrate hier im Jahr 2019 um ein Sechstel niedriger als der Durchschnitt der deutschen Level 1-Geburtskliniken insgesamt.

Foto: AdobeStock/fotoatelier.hamburg

Autor: zdr
Hauptkategorie: Medizin
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