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„In der Digitalisierung des Gesundheitswesens hinkt Deutschland hinterher“

Mit der Digitalisierung des Gesundheitswesens sind viele Chancen verbunden. Bei manchen Bürgern löst das Thema aber auch Ängste und Sorgen aus. Gesundheitsstadt Berlin hat mit Prof. Dr. Erwin Böttinger, einem der weltweit führenden Forscher im Bereich Digital Health, über die elektronische Patientenakte und andere digitale Lösungen gesprochen.
Prof. Erwin Böttinger

Ewing Böttinger

Professor Böttinger, der Begriff E-Health umfasst ganz unterschiedliche Dinge: Gesundheitsapps, Videosprechstunde, die elektronische Patientenakte und vieles mehr. Wo sehen Sie zurzeit den dringendsten Entwicklungsbedarf bzw. die größten Chancen für eine Verbesserung der Gesundheitsversorgung in Deutschland?

Böttinger: Auf diese Frage habe ich eine ganz eindeutige Antwort: Einer der wesentlichsten Bausteine für den Ausbau der digitalen Infrastruktur im Gesundheitswesen ist die elektronische Erfassung von Informationen. Bisher liegen die Daten eines einzelnen Patienten verteilt in den Krankenhäusern und bei den niedergelassenen Ärzten. Es ist von großer Bedeutung, diese Daten vernetzbar zu machen. Damit lassen sich beispielsweise überflüssige Doppeluntersuchungen und gefährliche Medikamentenkombinationen verhindern. Vor allem aber ermöglicht die Vernetzung neue Erkenntnisse und kann die Qualität der Gesundheitsversorgung verbessern. Das nützt letztlich jedem Patienten.

Besonders rege diskutiert wird in diesem Zusammenhang die elektronische Patientenakte. Welchen Stellenwert ordnen Sie ihr zu?

Böttinger: Natürlich ist die elektronische Patienten- oder Gesundheitsakte wichtig, aber das ist ja erst der zweite Schritt, um die Daten Ärzten und Patienten verfügbar zu machen. Zunächst geht es vor allem darum, in den Krankenhäusern und Arztpraxen zeitgemäße digitale Systeme zu etablieren, um überhaupt Daten zwischen den verschiedenen Sektoren austauschen zu können. Von wettbewerbsfähigen Lösungen sind wir hier jedoch noch weit entfernt.

Gehen wir trotzdem davon aus, dass die elektronische Gesundheitsakte – wie es der Bundesgesundheitsminister plant – bis 2021 Realität wird: Was ist mit den Patienten, die nicht wollen, dass ihre Daten gesammelt werden und einsehbar sind?

Böttinger: Nun, hier ist die rechtliche Lage eigentlich klar. Ob jemand dieses Angebot nutzt und in welcher Form, ist jedem selbst freigestellt. Der Patient muss immer die Verwaltungshoheit über seine Daten haben.

Begegnen Ihnen bei diesem Thema denn viele Ängste, insbesondere bezüglich der Datensicherheit, oder sind die Menschen eher aufgeschlossen?

Böttinger: Natürlich gibt es – wie bei allen Themen – auch hier Gruppen, die neuen Entwicklungen eher skeptisch gegenüberstehen. Studien zeigen jedoch, dass sich die Mehrheit der Bevölkerung eine elektronische Patientenakte wünscht und die Vorteile erkennt. Dennoch bleibt es dabei: Jeder hat das Recht, das Angebot nicht anzunehmen. Aber weil eine Minderheit Sorgen hat oder keinen Nutzen darin sieht, kann das nicht bedeuten, dass wir ein solches Angebot nicht bereitstellen. Zu bedenken ist auch, dass solche Systeme in vielen unserer Nachbarländer, wie in Österreich, der Schweiz, England oder Skandinavien, schon längst etabliert sind und die Menschen damit sehr zufrieden sind. Deutschland hinkt in der Entwicklung absolut hinterher. 

Woher kommt das Ihrer Meinung nach?

Böttinger: Möglicherweise sind wir hier tatsächlich kritischer in Bezug auf Themen wie Datensicherheit. Aber auch die Rahmenbedingungen des Gesundheitswesens wie beispielsweise die Selbstverwaltung machen es hierzulande nicht einfacher, neue Lösungen, zu etablieren. Denn bei uns regeln nicht staatliche Behörden das Gesundheitssystem, sondern Versicherte und Leistungserbringer sind in Verbänden organisiert, die wiederum die Verantwortung für die medizinische Versorgung der Bevölkerung übernehmen. Und diese Strukturen sind nicht immer zukunftsfreundlich.

Verstehen Sie dennoch, wenn beispielsweise ältere Menschen Sorgen haben, mit den neuen Entwicklungen nicht mithalten zu können?

Böttinger: Natürlich. Es wird sicher auch so sein, dass manche Menschen aufgrund ihres Alters oder aus anderen Gründen nicht in der Lage sind, die neuen digitalen Angebote selbständig zu nutzen. Da müssen wir uns natürlich Gedanken machen, wie wir sie darin unterstützen können oder welche Alternativen es sonst gibt.  

Mit der Gesundheitscloud wird derzeit in Potsdam ein eigenes System entwickelt, mit dem Gesundheitsdaten zentral gespeichert werden sollen.

Böttinger: Ja, die von der Hasso Plattner Stiftung unterstützte gemeinnützige gGmbH Gesundheitscloud hat das Ziel, die für die Bürger bestmögliche Lösung zu finden. Die Health Cloud ermöglicht die Speicherung, die Nutzung und den Zugriff auf Gesundheitsdaten von jedem Ort aus. Und natürlich sind die Daten vor jeder Form von Missbrauch geschützt.

Worin unterscheidet sich die Health Cloud von anderen Systemen?

Böttinger: Nun, zunächst einmal vertreten wir keine Interessen von Stakeholdern. Zudem gibt es in der Health Cloud einige Funktionalitäten, die beispielsweise bei den Angeboten der Krankenkassen nicht vorhanden sind, wie z.B. Echtzeitanalysen. Die Cloud kann auch als übergeordnetes System genutzt werden und mit den Lösungen anderer Akteure interagieren.

Wird die Cloud auch vom Smartphone aus steuerbar sein?

Böttinger: Ja, das sollte heute selbstverständlich sein. Eine elektronische Patientenakte muss auch über das Smartphone abrufbar und zu verwalten sein.

Was halten Sie von der im vergangenen Jahr beschlossenen Zusammenarbeit der Krankenkassen mit der gematik, der Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte?

Böttinger: Die gematik ist ja nicht gerade als Vorreiter in patienten-zentrierten, digitalen Lösungen bekannt. Dass sie ausgerechnet zusammen mit den Krankenkassen nun ein zukunftsfähiges technisches System für die elektronische Patientenakte entwickeln soll, ist natürlich eine schwierige Entscheidung. Ich bin ja grundsätzlich für den Wettbewerb. Alle Anbieter sollen ihre Lösungen auf den Markt bringen und dann werden wir sehen, was sich durchsetzt und wo die Bürger den größten Mehrwert sehen. Allerdings wurde ein echter Wettbewerb durch diese Entscheidung erschwert.

Was wird uns, abgesehen von der elektronischen Patientenakte, in der nächsten Zeit noch an digitalen Neuerungen erwarten?

Böttinger: Natürlich hört die Digitalisierung nicht mit der Einführung der elektronischen Gesundheitsakte auf. Weitere wichtige Entwicklungen werden unter anderem Wearables sein, die z.B. Echtzeitanalysen erlauben. So wird es bei Risikopatienten möglich sein, den Blutdruck kontinuierlich während alltäglicher Aktivitäten zu messen, und dazu braucht es nur noch kleine, beispielsweise am Handgelenk tragbare Geräte, die überhaupt nicht weiter stören. Die gewonnenen Daten können dann direkt an ein medizinisches Zentrum weitergeleitet werden. So wird es möglich sein, problematische Ereignisse vorherzusagen und im besten Fall zu verhindern. Die Digitalisierung soll dazu beitragen, dass wir Erkrankungen nicht nur besser behandeln können, sondern vor allem auch die Prävention stärken, so dass manche Krankheiten gar nicht erst entstehen.

Prof. Dr. Erwin Böttinger ist Leiter des Digital Health Center des Hasso-Plattner-Instituts der Universität Potsdam und einer der führenden Forscher für Digital Health, Big Data und künstliche Intelligenz.

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Hauptkategorie: Gesundheitspolitik
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