. HKK Gesundheitsreport

Immer mehr Patienten infizieren sich mit multiresistenten Krankenhauskeimen

Infektionen durch multiresistente Keime (MRE) im Krankenhaus sind längst keine Einzelfälle mehr. Laut HKK-Gesundheitsreport hat sich die Zahl der MRE-Infektionen seit 2007 mehr als verdoppelt. Eine bundesweite Hochrechnung geht von 90.000 Fällen pro Jahr aus.
Immer mehr Patienten infizieren sich mit multiresistenten Krankenhauskeimen

Kliniken sollen bis 2016 über 300 Millionen für Hygienemaßnahmen bekommen

Für ihren aktuellen Gesundheitsreport hat die Krankenkasse HKK Daten ihrer Versicherten aus Nordwest Niedersachsen und Bremen auswerten lassen. Demnach ist in den Jahren 2007 bis 2011 die Zahl der HKK-Versicherten, die im Krankenhaus eine Infektion erlitten, von 3,1 auf 6,3 Prozent gestiegen. Betrachtet man nur die Zahl der Infektionen mit multiresistenten Keimen (MRE), so wurden diese im Jahr 2007 in 271 Krankenhausfällen nachgewiesen, während es 2011 bereits 619 Fälle waren. Damit hat sich auch der Anteil der MRE-Infektionen an allen Krankenhausfällen in fünf Jahren mehr als verdoppelt. Zu 65,6 Prozent handelte es sich nach HKK-Angaben dabei um MRSA-Infektionen, die ohne Krankheitssymptome verliefen. Betroffen waren vorwiegend ältere Menschen: 49 Prozent aller MRE-infizierten Krankenhausfälle betrafen Patienten im Alter von 70 bis 89 Jahren.

Fast drei Viertel der MRE-Infektion gehen auf MRSA zurück

„Auch wenn die absolute Zahl nachgewiesener MRE-Fälle vergleichsweise gering ist: Es besteht dringender Handlungsbedarf, um eine deutliche Senkung der MRE- bzw. MRSA-Quoten in Deutschland zu erreichen“, sagt Studienautor Dr. Bernard Braun vom Bremer Institut für Arbeitsschutz (BIAG). Er forderte ein strukturiertes Gesamtkonzept, in das Experten aus der Pflege, der Medizin, der Biologie, den Krankenhäusern und der fleischproduzierenden Landwirtschaft einbezogen werden. Die niederländische MRSA-Strategie sei ein Musterbeispiel für gelungen Infektionsprävention. Ein erster, vergleichsweise bescheidener Schritt wurde auch in Deutschland getan: Das Hygiene-Förderprogramm soll Krankenhäuser mit 350 Millionen Euro für die Jahre 2013 bis 2016 entlasten. Damit sollen die Häuservor allem mehr ärztliches und pflegerisches Hygienepersonal einstellen können und für deren Weiterbildung sorgen, wie es im Hygienegesetz ab 2016 gefordert wird.

Infektionen mit multiresistenten Keimen ziehen erhebliche Folgekosten nach sich, die auf längere Liegezeiten, Personal- und Sachkosten für qualifiziertes Hygienepersonal, Isolier- und Sanierungsmaßnahmen sowie Schutzkleidung zurückgehen. Überraschenderweise sank der Anteil derartiger Komplexbehandlungen an allen MRE-Fällen im Untersuchungszeitraum von 58 auf rund 42 Prozent, beziehungsweise bei MRSA-Infektionen von 73 auf 58 Prozent. „Über die Gründe können wir nur spekulieren", meint Dr. Bernard Braun. „Entweder hat die Schwere der Fälle abgenommen, so dass aufwendige Maßnahmen aus Sicht der Krankenhäuser nicht notwendig sind. Oder viele Krankenhäuser sind weder personell noch baulich und infrastrukturell in der Lage, derartige Leistungen zu erbringen."

Bundesweite Hochrechnung: mehr als 10.000 Tote jährlich durch Krankenhaus-Infektionen

Laut einer Hochrechnung der 2012 veröffentlichten ALERTS-Studie am Sepsis-Forschungs- und Behandlungszentrum der Universität Jena erkranken in Deutschland 4,3 Prozent aller Krankenhauspatienten während ihres Aufenthaltes an einer Infektion. Dies entspricht jährlich zwischen 400.000 und 600.000 Fällen, die bei 10.000 bis 15.000 Patienten zum Tod führen. Davon werden schätzungsweise 15 Prozent durch multiresistente Krankheitserreger (MRE) verursacht. Weitere Studien bestätigen diese Ergebnisse im Wesentlichen. MRE verdanken ihren Namen der Eigenschaft, dass sie gegen zahlreiche Antibiotika immun sind. MRE kommen nicht nur im Krankenhaus, sondern in der gesamten Umwelt vor und stellen für gesunde Menschen meist keine Gefahr dar - ganz im Gegensatz zu Menschen mit einem geschwächten Immunsystem. Unter allen MRE tritt der MRSA-Erreger (Methicillin-Resistenter Staphylococcus Aureus) am häufigsten auf.

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