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14.11.2016

Hormonspritze für den Mann: Studie aus Sicherheitsgründen abgebrochen

Die Hormonspritze für den Mann zur Verhütung erwies sich in einer Phase-II-Studie als wirksam. Dennoch musste die Studie vorzeitig abgebrochen werden, da es in einigen Fällen zu schwerwiegenden Nebenwirkungen kam.
Verhütung

Forscher suchen nach wir vor nach einer sicheren Methode zur hormonellen Verhütung für den Mann

Verhütung ist heute immer noch meistens Frauensache. Denn ein sicheres hormonelles Kontrazeptivum für den Mann gibt es nach wie vor nicht. Hoffnung schien eine Kombination aus Progesteron und Testosteron zu machen, die alle acht Wochen intramuskulär injiziert werden sollte. In einer Phase-II-Studie konnte dadurch die Spermien­produktion deutlich reduziert und eine zufriedenstellende kontrazeptive Wirkung erzielt werden. Doch einige Probanden wiesen offenbar starke Nebenwirkungen auf, und so führten Sicherheitsbedenken zum vorzeitigen Abbruch der Studie - ein Rückschritt bei der Suche nach einem hormonellen Verhütungmittel für den Mann. Die Gründe für den vorzeitigen Studienabbruch wurden jetzt im Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism dargelegt.

Hormonspritze konnte Fruchtbarkeit deutlich reduzieren

Bereits 1990 konnte in einer Studie gezeigt werden, dass eine Testosteron­behandlung die Spermienproduktion zuverlässig unterdrückt – allerdings nur in extrem hohen Dosieren. Um die Testosterondosis zu senken, wurden dann verschiedene Kombinationen mit einem Gestagen erprobt. Als vielversprechend erwies sich eine Injektion von Testosteron undecanoat (TU) mit Norethisteron enantat (NET-EN). Beide Hormone haben eine Langzeitwirkung, so dass Behandlungsintervalle von mehreren Wochen möglich sind. Nun wurden die Ergebnisse einer bereits im Jahr 2008 durchgeführen Phase-II-Studie mit dieser Kombination veröffentlicht. Warum sie erst so spät publiziert wurden, ist unklar - doch möglicherweise lag es daran, dass die Resultate nicht leicht zu interpretieren waren.

320 gesunde, in einer festen Beziehung lebende Männer im Alter von 18 bis 45 Jahren hatten an der Studie teilgenommen. Sie erhielten alle acht Wochen als intramuskuläre Injektion 200 mg Norethisteron enanthat plus 1000 mg Testosteron undecanoat. Die Studie sah zunächst eine Suppressionsphase vor, in der die Spermienkonzentration im Ejakulat auf unter eine Million pro Milliliter gesenkt werden sollte. Diese Menge reicht in der Regel für eine Befruchtung nicht aus. Das Ziel wurde bei 95,9 Prozent der Männer erreicht, die alle Injektionen erhielten.

Innerhalb von einem Jahr kam es insgesamt zu vier Schwangerschaften, was einem Pearl-Index von 2,18 Schwangerschaften pro 100 Personen-Jahre entspricht. Zum Vergleich: Die Antibabypille hat einen Pearl-Index von unter Eins. Dennoch wären die Resultate der Hormonspritze für den Mann gut genug gewesen, um sie kommerziell weiterzuentwickeln – wenn keine Zweifel an der Verträglichkeit der Kombination aufgetreten wären.

 

Erhöhte Gefahr für Depressionen führte zum Studienabbruch

Auch wenn eindeutige kausale Zusammenhänge aufgrund der fehlenden Kontrollgruppe zum Teil schwer festzustellen waren, konnten einige Nebenwirkungen doch der Hormontherapie zugeordnet werden. So kam es bei fast der Hälfte der Probanden zum Auftreten von Akne, häufig gab es lokale Reaktionen an der Injektionsstelle und es kam häufig zu einem Anstieg der Libido. Auch Gemütsstörungen traten auf. Die meisten Nebenwirkungen waren jedoch nach Einschätzung der Studienautoren nicht sehr ausgeprägt und die meisten Männer (91,9 Prozent) und ihre Partnerinnen (79,6 Prozent) waren mit der Empfängnisverhütung zufrieden oder sehr zufrieden. Nur 20 Probanden brachen die Studie vorzeitig ab.

Allerdings kam es bei einigen Männern offenbar zu schweren Nebenwirkungen, die ein übergeordnetes Komitee der WHO im März 2011 veranlasste, die Studie vorzeitig abzubrechen, während die studieninterne Prüfkommission noch kurz zuvor keine Einwände gegen eine Fortsetzung der Studie hatte. So entwickelte ein Teilnehmer eine schwere Depression, die wahrscheinlich auf die Hormone zurückzuführen war, und ein weiterer Mann nahm sich das Leben, wofür jedoch persönliche Gründe verantwortlich gemacht wurden. Zudem gab es eine Paracetamol-Überdosierung, die möglicherweise mit der Hormoneinnahme in Verbindung stand, sowie eine Tachykardie infolge eines paroxysmalen Vorhofflimmerns mit möglichem Zusammenhang zu den Hormonspritzen. Die Entwicklung der Hormonspritze für den Mann gilt damit zunächst als gescheitert. An anderen, sichereren Methoden wird jedoch geforscht.

Foto: © detailblick-foto - Fotolia.com

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Hauptkategorie: Medizin
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