. Interview

Hausärztemangel auf dem Land: „Der Trend geht zur überörtlichen Gemeinschaftspraxis“

Die Hausärzte im Seeheilbad Büsum waren damals alles Männer im oder kurz vorm Rentenalter, ihre Einzelpraxen wollte niemand übernehmen. Um einen Zusammenbruch der medizinischen Versorgung zu verhindern, rang sich die Gemeinde dazu durch, selbst als Trägerin der örtlichen Arztpraxis aufzutreten – als erste bundesweit. In dem kommunalen Eigenbetrieb arbeiten heute fast nur junge Ärztinnen. Wie das ging und welche weiteren Modelle es gibt gegen den Ärztemangel auf dem Land, erzählt Initiator Harald Stender drei Jahre nach Gründung des Pioniermodells.
Harald Stender, Koordinator ambulante Versorgung, Kreis Dithmarschen

Harald Stender, Initiator der bundesweit ersten von einer Gemeinde betriebenen Arztpraxis. Sogar die Bundesregierung schmückt sich auf ihrer Website mit dem innovativen Projekt "Ärztezentrum Büsum gGmbH".

Büsum: Da denkt man an Krabbenfischer und an Ausflugsdampfer, die nach Helgoland ablegen – aber nicht an Pionierleistungen auf dem Gebiet der medizinischen Versorgung. Und doch hat das kleine Seebad an der Nordsee Maßstäbe gesetzt: 2015 eröffnete hier das erste von einer Gemeinde betriebene Ärztezentrum bundesweit. Drei Jahre nach der Gründung zieht Initiator Harald Stender im Interview mit gesundheitsstadt-berlin.de Bilanz. Der frühere Leiter der örtlichen Kreiskrankenhäuser ist heute „Koordinator ambulante Versorgung“ des Kreises Dithmarschen, zu dem Büsum gehört. Im Land Schleswig-Holstein und bundesweit berät er Kommunen dabei, wie sie durch innovative, auch unkonventionelle Modelle die hausärztliche Versorgung retten – und damit auch die Landflucht bekämpfen können.

Ein Drittel der Hausärzte ist 60 und älter, jeder zweite findet keinen Nachfolger. Rund 2600 Hausarztpraxen sind unbesetzt, vor allem auf dem Land (Quelle: Kassenärztliche Bundesvereinigung). Wie sah die Lage in Büsum aus, die Sie zum Handeln getrieben hat?

Bei uns war die Lage noch dramatischer. 2014 gab es in Büsum fünf Allgemeinmediziner, die in Einzelpraxen tätig waren. Vier davon waren 63 Jahre und älter. Alle hatten versucht, Nachfolger zu finden, aber ohne Erfolg. Hätten wir nichts unternommen, würde es heute am Ort nur noch einen einzigen Hausarzt geben: für 5.000 Einwohner – und die rund 20.000 Touristen, die während der Saison am Wochenende als Tagesgäste zu uns kommen.

Mit welcher Strategie oder welchem Modell haben Sie versucht, das Problem zu lösen?

Gerade rechtzeitig für uns hat der Gesetzgeber damals durch den geänderten Paragrafen 95 Sozialgesetzbuch Kommunen die Möglichkeit eröffnet, Eigeneinrichtungen zu etablieren. Als erstes haben wir das Gebäude gekauft, in denen damals schon vier der Hausärzte ihre Praxen hatten, außerdem die vier Arztsitze. Mit den bis dahin selbstständigen Ärzten haben wir Anstellungsverträge geschlossen. Dafür haben wir zum 1. April 2015 ein kommunales Tochterunternehmen gegründet, die „Ärztezentrum Büsum gGmbH“. Diese Rechtsform der gGmbH ist wichtig, weil man nur dann Steuermittel einsetzen darf, um zu investieren und das Projekt, wenn nötig, zu unterstützten. Von den vier Ärzten ist heute noch einer übrig, ein weiterer arbeitet noch in Teilzeit. Uns ist es gelungen, die fehlenden Ärzte durch vier junge Nachwuchsärzte zu ersetzen. Zwei davon sind schon Fachärzte für Allgemeinmedizin, zwei weitere sind dabei, sich zum Facharzt weiterzubilden. Ein weiterer kommt in diesem Jahr noch dazu.

Der klassische Landarzt hatte oder hat einen aufreibenden Immer-erreichbar-Job in 24 Stunden an sieben Tagen. Eigentlich keine große Überraschung, dass junge Ärzte das nicht mehr wollen.

Junge Ärzte wollen deshalb nicht aufs platte Land, weil sie sich nicht als Einzelkämpfer mit schlechter Work-Life-Balance aufreiben wollen. Sie wollen sich nicht für eine Praxis hoch verschulden. Und sie möchten Zeit für die Familie haben. Aber wir konnten mit diesen Argumenten locken. Wenn ich ein Fazit ziehen darf, dann dieses: Es zieht junge Ärzte an – und Ärztinnen, denn die Medizin wird ja immer weiblicher. Von unseren Nachwuchsärzten ist nur ein einziger ein Mann. Und die Frauen, die zum Teil auch schon Kinder haben, finden etwa eine Teilzeitbeschäftigung ohne großes unternehmerisches Risiko außerordentlich gut und haben sich unter anderem deshalb für uns entschieden.

Das klingt fast nach einem Patentrezept. Trotzdem gibt es derzeit nur etwa ein Dutzend vergleichbarer Projekte in Deutschland. Warum scheuen sich denn Kommunen, die Sache in die eigene Hand zu nehmen? Die Not wird doch immer größer.

Das Dilemma ist: Der Ärztemangel betrifft ja am stärksten kleinere Gemeinden, aber Sie brauchen eine bestimmte Größe und Einwohnerzahl, damit sie ein Ärztezentrum – ob als Eigeneinrichtung oder Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) – erfolgreich gründen, finanzieren und betreiben können. Das Beispiel Büsum zeigt, dass das funktionieren kann. Wir sind in der glücklichen Lage, dass unser Ärztezentrum inzwischen schwarze Zahlen schreibt. Die Gemeinde kann ihre Zins- und Tilgungsaufwendungen für ihre Investitionen in Gebäude und Ausstattung aus dem laufenden Betrieb bestreiten, muss die Einrichtung nicht bezuschussen. Das weiß man aber vorher nie. Eine Subventionierung auf Dauer ist sicher eines der Hauptrisiken. Und das andere: Wenn ein Arzt einen Arztsitz kauft, bleibt er dort sein Leben lang. Aber Ärzte gewinnen – und unter Angestelltenbedingungen dauerhaft an einen Standort zu binden: Das kann eine Kunst sein.

Hinterher ist man immer klüger. Was raten Sie anderen Kommunen, die ein Ärztezentrum aufmachen wollen? Welche Fehler sollten sie auf jeden Fall vermeiden?

Es gibt einen entscheidenden Fehler, den man machen kann – auch wenn er uns zum Glück erspart geblieben ist: dass man als Kommune glaubt, man könnte ein Ärztezentrum selber managen. Das Kassenarztrecht ist kompliziert, bei Betrieb und Abrechnung müssen Sie jede Menge Vorschriften beachten. Der Geschäftsführer muss jemand aus der Branche sein. Wir zum Beispiel haben uns die Ärztegenossenschaft Nord, Segeberg, als Managementpartner ins Boot geholt.

Welche anderen Modelle und Projekte gegen den Hausärztemangel auf Land gibt es denn noch?

In Thüringen sind Land und Kassenärztliche Vereinigung (KV) gemeinsam neue Wege gegangen. Sie haben eine Stiftung gegründet, die Hausarztpraxen einrichtet und betreibt, wenn die ambulante ärztliche Versorgung in Gefahr ist. Hier werden insbesondere Berufseinsteiger gefördert und umworben. Ein zweites Modell ist unseres, hier, in Schleswig-Holstein: Die Kommunen investieren, stellen Räume und Ausstattung zu preisgünstigen Mietkonditionen und animieren Ärzte dazu, sich zu größeren, überörtlichen Gemeinschaftspraxen oder MVZs zusammenzuschließen.

Und das Modell Büsum.

Das dritte Modell ist schließlich unser eigenes. Inzwischen haben Kommunen ja sogar zwei Möglichkeiten, ein Ärztezentrum zu gründen: als Eigeneinrichtung wie wir damals – das geht aber nur mit Zustimmung der KV. Oder: als Medizinisches Versorgungszentrum – dafür braucht es diese Zustimmung nicht. Obwohl wir hier in Büsum schwarze Zahlen schreiben, sage ich, wenn ich als Berater unterwegs bin: Ein kommunales Ärztezentrum oder MVZ ist nie das erste Mittel, zu dem ich rate. Es ist die letzte Rettung, wenn es gar nicht mehr anders geht. Auch in unserem Fall war es die Notwehrreaktion einer Gemeinde. Wir sind entschiedene Verfechter von Zusammenschlüssen der Ärzte und Gesundheitsdienstleister, weil wir glauben, dass nur bei Kooperationen von mehreren Ärzten und einer Modernisierung auch des räumlichen Angebots die Nachwuchsgewinnung eine Chance hat.

Versetzen wir uns einmal in die Patienten hinein: Ist die Behandlung in einer Großpraxis nicht ungleich anonymer? Was sind für sie die Vor- und Nachteile?

Wir in Büsum haben zum Beispiel viel breitere Öffnungszeiten: Montag bis Freitag von 7.30 Uhr bis mindestens 17 Uhr. Dass am Mittwoch- oder Freitagnachmittag niemand erreichbar ist wie in den meisten Einzelpraxen, das gibt es bei uns nicht. Wenn ich unbedingt zu meiner Hausärztin Frau Meier will, dann kriege ich vielleicht erst morgen Nachmittag einen Termin. Aber wenn ich jetzt, akut, Rückenschmerzen habe und eine Spritze brauche, dann kann ich sofort kommen. Dafür bedient mich halt Herr Schulze.

Nehmen die Patienten das an?

Das ist sicherlich eine gewisse Umgewöhnung. Aber diese Entwicklung steht allen ländlichen Regionen bevor. Dass jede kleine Kommune ihre Hausarztpraxis hat und der Hausarzt jederzeit erreichbar ist – diese Zeiten sind vorbei. Die hausärztliche Versorgung wird arbeitsteiliger werden. Die Büsumer Bevölkerung jedenfalls hat das mit Gelassenheit aufgenommen. Mein Hauptproblem als Patient ist doch schließlich die schnelle Verfügbarkeit. Ich hatte letzte Woche selber Hexenschuss: Da ist mir doch egal, wer mir die Spritze gibt und weiterhilft. Die Hauptsache ist, es tut jemand – und schnell.

Foto: privat 

Hauptkategorie: Gesundheitspolitik
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