. Alte versus moderne Weizenzüchtungen

Glutengehalt in Weizen in den letzten 120 Jahren nicht gestiegen

Glutensensitivität und Glutenunverträglichkeit sind fast zu einer Modeerscheinung geworden. Sind moderne Weizenzüchtungen an den Immunreaktionen schuld? Eine Untersuchung des Leibniz-Instituts für Lebensmittel-Systembiologie deutet nicht darauf hin.
Moderne Weizensorten enthalten nicht mehr Gluten als alte. Trotzdem nehmen Glutenunverträglichkeiten zu

Moderne Weizensorten enthalten nicht mehr Gluten als alte und sogar weniger Gliadine. Trotzdem nehmen Glutenunverträglichkeiten zu

 

Gluten ist ein Klebereiweiß, das in Weizen und anderen Getreidesorten vorkommt. Immer mehr Menschen sind allergisch dagegen. Sie vertragen entweder gar kein Gluten oder reagieren sensibel speziell auf Weizen. So gibt es die Autoimmunerkrankung Zöliakie, eine reine Weizenallergie oder eine Gluten- oder Weizensensitivität. Betroffene reagieren mit Bauchschmerzen, Durchfall, Kopfschmerzen, Schwindel und vielen anderen Symptomen. Bei der Autoimmunerkrankung Zöliakie kommen gefährliche Darmperforationen hinzu.

Immunreaktives Eiweiß unter Verdacht

Die Zunahme dieser Erkrankungen wird oft auf moderne Weizenzüchtungen zurückgeführt. Es wird vermutet, dass neuere Sorten mehr immunreaktives Eiweiß enthalten. Insbesondere die Eiweißgruppe der Gliadine - eine Untergruppe von Gluten - steht im Verdacht, ungewünschte Immunreaktionen hervorzurufen.

Doch war früher wirklich alles besser, sprich alter Weizen besser verträglich als neuer? Forscher des Leibniz-Instituts für Lebensmittel-Systembiologie an der TU München haben nun 60 Weizensorten aus der Zeit zwischen 1891 und 2010 analysiert. Möglich machte dies das Saatgutarchiv des Instituts, wo auch alte Weizensorten lagern.

 

Moderne Weizensorten enthalten weniger kritische Gliadine

Die Analysen sind als Freispruch für die modernen Weizensorten zu werten: Der Glutengehalt blieb nämlich über die letzten 120 Jahre gleich. Jedoch änderte sich die Zusammensetzung des Glutens: Während der Anteil der kritischen Gliadine um rund 18 Prozent sank, stieg im Verhältnis der Gehalt der Glutenine um etwa 25 Prozent an. Insgesamt war in den modernen Weizenzüchtungen weniger Eiweiß enthalten als in den alten. Gluten stellt mit 80 Prozent den höchsten Eiweißanteil im Weizen.

„Zumindest auf Eiweißebene haben wir keine Hinweise darauf gefunden, dass sich das immunreaktive Potential des Weizens durch die züchterischen Maßnahmen verändert hat“, erläutert Katharina Scherf, die heute am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) forscht. Jedoch seien auch noch nicht alle im Weizen enthaltenen Eiweißarten im Hinblick auf ihre physiologischen Effekte untersucht, gibt Scherf zu bedenken. Es bleibt also weiter zu erforschen, warum immer mehr Menschen so empfindlich auf Gluten und Weizen reagieren.

Glutengehalt hängt vom Erntejahr ab

Die Forscher fanden außerdem, dass der Glutengehalt weniger von der Weizensorte als von Umweltbedingungen abhängt. Mehr Regen im Erntejahr erhöht demnach den Glutengehalt. „Überraschenderweise hatten Umweltbedingungen wie die Niederschlagsmenge, sogar einen größeren Einfluss auf die Eiweißzusammensetzung als die züchterischen Veränderungen“.

Foto: © Adobe Stock/Subbotina Anna

 

Autor: ham
Hauptkategorie: Umwelt und Ernährung
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Gluten , Glutenunverträglichkeit (Zöliakie)
 

Weitere Nachrichten zum Thema Glutenunverträglichkeit

 
 

Aktuelle Nachrichten aus der Gesundheit

. Mehr zum Thema
 
. Weitere Nachrichten
Mit Krankheiten kann man sich auf vielerlei Arten anstecken. Was den meisten nicht bewusst ist: Die häufigsten Infektionskrankheiten beim Menschen sind Zoonosen – also Erkrankungen, deren Erreger von Tieren auf Menschen übertragbar sind und umgekehrt. Die Liste beginnt bei „Affenpocken“ und endet beim „West-Nil-Fieber“. Neu auf der Liste: das Coronavirus SARS-CoV-2.
Immer wiederkehrende Mandelentzündungen sind sehr belastend für den Körper. Dennoch warten Ärzte oft lange, bevor sie die Gaumenmandeln endgültig entfernen. Könnte eine Teilentfernung vor allem Kinder besser vor den operativen Komplikationen schützen? Diese Frage soll nun eine Studie klären.
 
 
. Interviews
Hitzewellen sind eine reale Gefahr für die Gesundheit und lassen die Mortalitätsrate ansteigen. Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem wissenschaftlichen Leiter des Zentrums für Medizin-Meteorologische Forschung des Deutschen Wetterdienstes (DWD) in Freiburg, Prof. Dr. Andreas Matzarakis, über Hitzewarnsysteme und die Auswirkungen von Hitzewellen auf unsere Gesundheit gesprochen.
Das Essen in deutschen Krankenhäusern hat keinen besonders guten Ruf. Dabei lässt sich mit wenig Mehraufwand viel erreichen. Der Internist und Ernährungsmediziner Prof. Dr. Christian Löser erklärt die medizinischen und ökomischen Effekte einer gesunden Ernährung im Krankenhaus.
Pflegekräfte sind in der Coronakrise wichtiger denn je und gleichzeitig besonders gefährdet. Das persönliche Engagement ist und bleibt dennoch hoch. Über Wertschätzung, Sicherheitsrisiken und die Gefahr der Selbstausbeutung in Pflegeberufen hat Gesundheitsstadt Berlin mit dem Pflegeexperten Thomas Meißner gesprochen.