. Interview

Gefühlter Nachholbedarf

Im Gespräch mit Gesundheitsstadt Berlin erklärt der Präsident der Bundesärztekammer Dr. Frank Ulrich Montgomery, warum der Arztberuf an Attraktivität verloren hat und warum die Gesundheitspolitik allein den Ärztemangel auf dem Land nicht lösen kann.
Dr. Frank Ulrich Montgomery

Dr. Frank Ulrich Montgomery

Herr Dr. Montgomery, Sie sind Arzt und vertreten als Präsident der Bundesärztekammer die Interessen von über 400 000 Ärzten. Würden Sie einem jungen Menschen heute raten, Arzt zu werden?

Montgomery:
Wenn Sie nur viel Geld verdienen und dabei wenig arbeiten wollen, dann ist die Medizin ganz sicher die falsche Wahl. Wenn Sie aber einen Beruf erlernen wollen, in dem Sie sehr viel Dankbarkeit von Patienten erfahren und sich von viel Arbeit und widrigen Arbeitsumständen nicht abschrecken lassen, dann ist der Arztberuf einer der schönsten Berufe, die es gibt.

Welche widrigen Umstände meinen Sie?

Montgomery:
Es ist die Bürokratie und die hohe Arbeitsbelastung, die heute viele Kollegen frustriert. Das Verhältnis von Aufwand zu Ertrag stimmt nicht mehr. Ein Soziologe hat das mal als Gratifikationskrise bezeichnet.

Gratifikationskrise?

Montgomery:
Ja, jemand verausgabt sich stark und wird dafür nicht in angemessener Weise entschädigt.

Angeblich sollen die Ärzteeinkommen in den letzten Jahren gestiegen sein.

Montgomery:
Es gibt seriöse Berechnungen, dass in den letzten 40 Jahren der Reallohn der Ärzte fast um die Hälfte gesunken ist. Die Einkommenssteigerungen der letzten zwei bis drei Jahren reichen nicht, um die Reallohnverluste der Jahre zuvor auszugleichen. Deswegen haben viele Ärzte jetzt das Gefühl, einen Nachholbedarf zu haben.

Macht mehr Geld den Arztberuf tatsächlich attraktiver?

Montgomery:
Wir haben eine Umfrage dazu gemacht. Über die Hälfte der befragten Ärzte findet, dass der Arztberuf an Attraktivität verloren hat, aber weniger wegen des Einkommens als viel mehr wegen der schlechten Rahmenbedingungen. An erster Stelle steht deshalb der Wunsch nach weniger Bürokratie. Die Ärzte wollen den ganzen Schreibkram und den Streit um Abrechnungsziffern und Regresse nicht, sie wollen sich auf echte ärztliche Tätigkeiten konzentrieren. Gleich dahinter kommt der Wunsch nach besseren Arbeitszeiten - runter von der 70 bis 80 Stunden Woche, die heute die Regel ist. Erst an dritter Stelle steht die Verbesserung des Einkommens.

Das ist eine klare Ansage. Welche Antworten hat die Politik darauf?

Montgomery:
Mit dem Versorgungsstrukturgesetz haben wir zum ersten Mal einen Ansatz von richtigen Antworten. Das reicht zwar noch nicht, um alle Probleme zu lösen. Ich denke aber, dass sich die Politik im Moment auf einem besseren Weg befindet als in der Vergangenheit.

Das Versorgungsstrukturgesetz will vor allem Ärzte in unterversorgte Regionen locken.

Montgomery:
In dem Gesetz wird eine ganze Reihe von vernünftigen Vorschlägen gemacht. Es sieht zum Beispiel vor, dass die so genannte Abstaffelung in unterversorgten Gebieten entfällt. Das ist richtig und wichtig, denn es kann nicht sein, dass der Arzt aufgrund der Versorgungsengpässe auf dem Land immer mehr Patienten behandeln muss, aber das Honorar auf einer festgelegten Höhe eingefroren wird. Wichtig ist auch, dass der Arzt nicht mehr auf dem Dorf wohnen muss, wo er die Praxis hat. Ich begrüsse diese Ansätze, weil hier Anreize geschaffen werden und keine Sanktionen.

Reichen diese Anreize, damit sich ein junger Berliner Arzt in der Uckermark niederlässt, wo es nachweislich einen Ärztemangel gibt?

Montgomery:
Das Problem der Versorgung auf dem Land kann man nicht allein mit der Gesundheitspolitik lösen. Ärzte wollen auch aus Infrastrukturmängeln nicht aufs Land. Da müssen sich die Kommunalpolitiker mal Gedanken machen, wie das Leben auf dem Land attraktiver werden könnte, so dass zum Beispiel auch der Partner des Landarztes einen Job finden kann und seine Kinder auf eine vernünftige Schule gehen können. Deswegen liegt der wahre Schlüssel nicht in der Gesundheitspolitik, sondern in der Kommunal- und Infrastrukturpolitik.

Die Kehrseite der ländlichen Unterversorgung ist die Überversorgung in Städten. Viele Teile Berlins gelten beispielsweise als überversorgt.

Montgomery:
Wir haben neben einem real existierenden Ärztemangel auch ein Verteilungsproblem. Dass wir in einigen Regionen mehr Ärzte haben als statistisch notwendig, bedeutet aber noch nicht, dass diese Gebiete tatsächlich überversorgt sind.

Sondern?

Montgomery:
Das Problem der Bedarfsplanung ist, dass immer nur die Einwohnerzahl etwa von Berlin oder von Hamburg berücksichtigt wird. Dabei wird vergessen, dass diese Grossstädte auch das Umland mit versorgen. Die Wartezeiten zeigen doch, wie sehr die Ärzte in Städten ausgelastet sind. Von einer Überversorgung kann daher kaum die Rede sein. Deshalb haben die Bundesärztekammer und die Kassenärztliche Bundesvereinigung vorgeschlagen, die Instrumente zur Analyse des Versorgungsbedarfs neu zu justieren.

Damit werden Sie aber keinem Studenten den Arztberuf schmackhaft machen. Was muss getan werden, um den Beruf insgesamt wieder attraktiver zu machen?

Montgomery:
Die Politik muss dafür sorgen, dass die Rahmenbedingungen wieder stimmen. Das heisst, mehr Stellen in den Kliniken, Abbau von Überstunden und Bürokratie und auch mehr Angebote für die Kinderbetreuung in den Krankenhäusern. Heute wollen die Ärzte beim Arbeiten auch leben. Das müssen die Politik wie auch die Krankenhausträger endlich verinnerlichen. Nur so können wir in Zeiten des Ärztemangels wieder mehr junge Medizinabsolventen für die Patientenversorgung begeistern.

Sie haben sich immer gegen Sanktionen und für Anreize ausgesprochen. Jetzt müssen Sie sich der Debatte stellen, dass finanzielle Anreize für Ärzte der Grund für Beitragserhöhungen sein könnten.

Montgomery:
Wenn wir wollen, dass Ärzte dorthin kommen, wo die Menschen sie dringend brauchen, dann kostet das auch Geld. Aber diese finanziellen Anreize sind wahrlich nicht der Grund für Beitragserhöhungen. So lange wir in Deutschland ein uneingeschränktes Leistungsversprechen für alle Menschen zu allen Zeiten haben, und dies nur aus der gesetzlichen Krankenversicherung finanzieren, so lange wird es auch Beitragssatzerhöhungen geben. Deutschland hat wahrscheinlich das beste Gesundheitssystem der Welt - und das hat halt auch seinen Preis.

Hauptkategorie: Gesundheitspolitik

Aktuelle Nachrichten aus der Gesundheit

. Weitere Nachrichten
. Veranstaltungen
loading...
Terminkalender
. Personen Hauptstadtregion
. Interviews
Die Blutvergiftung, fachsprachlich „Sepsis“, ist nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs die dritthäufigste Todesursache in Deutschland. Und sie gilt als die am häufigsten vermeidbare. Gesundheitsstadt Berlin hat anlässlich des Welt-Sepsis-Tags am 13. September mit Prof. Konrad Reinhart von der Universität Jena über das Thema gesprochen. Der Vorsitzende der deutschen Sepsis-Stiftung vertritt die These: Die tatsächliche Zahl der Sepsis-Fälle ist doppelt so hoch wie die der registrierten.
Kinder suchtkranker Eltern sind besonderen Belastungen ausgesetzt und haben ein hohes Risiko, später selbst eine Sucht oder andere psychische Erkrankungen zu entwickeln. Gesundheitsstadt Berlin hat mit der Drogenbeauftragten der Bundesregierung Marlene Mortler über die Situation betroffener Kinder und die Notwendigkeit von Unterstützungsangeboten gesprochen.
Die Berichterstattung über Methadon als Krebsmittel weckt große Hoffnungen. Doch wie sieht eigentlich die rechtliche Seite aus, wenn Ärzte ein Medikament außerhalb des Zulassungsbereichs (Off-Label) verschreiben? Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem Medizinrechtler Prof. Dr. Christian Dierks gesprochen, welche Risiken Ärzte eingehen und ob Patienten einen Anspruch auf einen individuellen Heilversuch mit Methadon haben.