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28.05.2020

Feinstaub in Wohnungen meistens hausgemacht

Rund 60.000 Menschen sterben jedes Jahr in Deutschland vorzeitig aufgrund hoher Feinstaubbelastung der Luft. Gegen die Luftverschmutzung auf der Straße kann der Einzelne wenig ausrichten. Gegen Ultrafeinstaub in der Wohnung aber offensichtlich schon. Nach einer Studie des Leibniz-Instituts sind die Luftschadstoffe zu Hause vor allem eines: hausgemacht.
Toaster raucht in der Küche, Frau im Hintergrund

Zwei Drittel ihrer Zeit verbringen Menschen in Industrienationen in Innenräumen, vor allem in der eigenen Wohnung – und tragen dort selbst zur Luftverschmutzung bei.

Einwohner deutscher Großstädte haben es in hohem Maße selbst in der Hand, wie hoch die Konzentrationen ultrafeiner Aerosolpartikel in ihren Wohnungen sind: Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Leibniz-Instituts für Troposphärenforschung (TROPOS) Leipzig im Auftrag des Umweltbundesamts (UBA). Die Schadstoffbelastung in der Wohnung hänge zwar auch von der Luftqualität in der Außenluft ab. Maßgeblich bestimmt sei sie jedoch von den persönlichen Aktivitäten innerhalb der eigenen vier Wände wie Kochen oder Heizen. Und davon, wie oft die Wohnung gelüftet wird.

Feinstaub: Gefährlichster Faktor der Luftverschmutzung

Nach Einschätzung der Europäischen Umweltagentur (EEA) Kopenhagen geht unter allen Faktoren der Luftverschmutzung vom Feinstaub die größte Gefahr für die menschliche Gesundheit aus. Allein in den 28 Staaten der Europäischen Union wird er für knapp 374.000 vorzeitige Todesfälle verantwortlich gemacht. In Deutschland sind es 59.600.

Feine und ultrafeine Aerosolpartikel sind vor allem deshalb von Relevanz für die öffentliche Gesundheit, weil sie mit Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Problemen lebensgefährliche Erkrankungen hervorrufen können. Wie viel davon über die Lunge in den Körper gelangen kann, hängt unter anderem von der Größe der Partikel ab. Zu den wichtigsten Quellen für die ultrafeinen Partikel, die kleiner als 100 Nanometer sind und deshalb tief in den Körper vordringen können, gehören laut Leibniz-Institut folgende vier:

 

Quellen für Feinstaub in der Außenluft

  • Verbrennungsmotoren im Straßen- und Luftverkehr
  • Kleinfeuerungsanlagen (wie Heizungen oder offene Kamine)
  • Kraftwerke
  • Waldbrände

Auch das kollektive Silvesterfeuerwerk gehört zu diesen Quellen. Nach einer Luftdatenauswertung des Umweltbundesamts ist die Luftbelastung mit gesundheitsgefährdendem Feinstaub am Tag danach vielerorts so hoch wie sonst im ganzen Jahr nicht. Durch den Feuerwerks-Feinstaub werden vor allem die Lungen geschädigt.

Industrieländer: Zwei Drittel der Zeit in Innenräumen

Auf die Luftverschmutzung unter freiem Himmel haben viele Industriestaaten mittlerweile reagiert und umfangreiche Maßnahmen auf den Weg gebracht, um Feinstaub in der Außenluft zu reduzieren. Das Problem ist nur: Laut Schätzungen verbringen in den hochzivilisierten Ländern Menschen mehr als zwei Drittel ihrer Lebenszeit innerhalb von Gebäuden – die meiste Zeit davon in der eigenen Wohnung. Dort sind sie einer Mischung an Schadstoffen ausgesetzt, die aus der Außenluft stammen können – aber vor allem auch von Aktivitäten der Bewohner selbst.

Langzeitstudie in 40 Nichtraucherwohnungen in Berlin und Leipzig

Um herauszufinden, welchen feinen und ultrafeinen Aerosolpartikeln Menschen in ihren eigenen Wohnungen ausgesetzt sind, hat das Tropos-Institut in einer Langzeitstudie 40 Nichtraucher-Wohnungen in Leipzig und Berlin auf Fein- und Ultrafeinstaub und ihre Quellen untersucht – in 10.000 Messstunden an 500 Tagen. Durch diese vielen Messungen über einen Zeitraum von zwei Jahren erhielten die Wissenschaftler nach eigenen Angaben ein repräsentatives tages- und jahreszeitliches Schwankungsmuster der Feinstaub-Exposition.

Parallel zu den Messungen in der Wohnung erfolgten identische Messungen auf Balkon, Terrasse oder im Garten. Um Auswirkungen des Straßenverkehrs beurteilen zu können, befand sich etwa die Hälfte der Wohnungen innerhalb von 150 Metern zu einer verkehrsreichen Straße. „Die Messungen zeigten, dass 90 Prozent der Anzahl der Partikel in den Wohnungen ultrafein und somit kleiner als 100 Nanometer waren“, heißt es in der Studie des Leibniz-Instituts. „Überraschend deutlich ließ sich auf Aktivitäten in der Wohnung schließen.“ Überraschenderweise ist ein Großteil dieser Aktivitäten an sich völlig harmlos:

Quellen für Feinstaub in der Wohnung

  • Abbrennen von Kerzen
  • Kochen
  • Backen
  • Toasten

Innerhalb der Tagesverlaufs war die Anzahl der ultrafeinen Partikel in der Nacht am geringsten, erreichte aber am Morgen und am Abend Spitzenwerte. Die größte Konzentration ultrafeiner Partikel wurde sowohl im Sommer als auch im Winter am Abend gegen 20 Uhr beobachtet. Besonders im Winter, wenn weniger gelüftet wird, zeigte sich ein sehr deutliches Tagesprofil: „Die Partikelanzahlkonzentration in den Innenräumen weist starke Spitzenwerte um 8, 12 und 19 Uhr auf, was typische Zeiten für Frühstück, Mittagessen und Abendessen sind“, erklärt Jiangyue Zhao, die die Daten im Rahmen ihrer Doktorarbeit ausgewertet hat. Im Sommer waren die Spitzen ultrafeiner Partikel dagegen weniger deutlich ausgeprägt, weil durch offene Fenster mehr aktiv gelüftet wurde.

„Menschliche Aktivitäten sind die Hauptursache“

„Die Konzentrationen von ultrafeinen Partikeln konnten mit den Aktivitäten der Bewohner in Verbindung gebracht werden und zeigten signifikant höhere Konzentrationen und eine größere Variabilität als die Partikelkonzentrationen im Freien auf“, so das Fazit von Prof. Alfred Wiedensohler vom Tropos-Institut. „Dies deutet darauf hinweist, dass menschliche Aktivitäten die Hauptursache für Konzentration ultrafeine Partikel in Innenräumen sind.“

Testpersonen führten Tagebuch über Kochen, Lüften, Staubsaugen

Da die Forscher von vornherein annahmen, dass die Aktivitäten der Bewohnerinnen und Bewohner großen Einfluss auf die Luftqualität in der Wohnung haben könnten, wurden die Teilnehmer der Studie gebeten, ein digitales Logbuch zu führen, in dem Aktivitäten wie Lüften, Kochen, Kerzen brennen lassen oder Staubsaugen notiert wurden.

Foto: AdobeStock/Andrey Popov

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Hauptkategorie: Umwelt und Ernährung
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