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Experten: Künstliche Beatmung oft überflüssig

Viele Patienten, die langfristig künstlich beatmet werden, könnten darauf verzichten, wenn sie eine qualifizierte Entwöhnung von der invasiven Beatmung erhalten würden. Darauf weist die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) hin.
Weaning: künstliche Beatmung entwöhnen

Immer mehr Patienten werden invasiv beatmet.

Die DGP schätzt, dass rund 30.000 Patienten nach Eingriffen im Krankenhaus längerfristig invasiv über eine Kanüle in der Luftröhre beatmet werden. Die Zahl der Patienten, bei denen diese invasive Beatmung angewendet wird, ist den Angaben zufolge in den letzten zehn Jahren extrem gestiegen. Die Beatmungsmediziner führen das unter anderem auf das steigende Alter der Patienten zurück.

Künstliche Beatmung wird zum Beispiel bei Operationen am Herzen oder an der Lunge nötig, oft auch bei anderen schweren Eingriffen. Die Patienten bleiben danach auf der Intensivstation. Dort wird versucht, sie von der invasiven Beatmung zu entwöhnen und sie umzustellen auf eine Atemmaske, die sie selbst auf- und absetzen können. Doch nicht bei allen Patienten gelingt diese Entwöhnung auf Anhieb und reibungslos.

Experten: Viele Beatmungs-Patienten werden zu schnell entlassen

Professor Martin Hetzel von der pneumologischen  Klinik des Roten Kreuz Krankenhauses Bad Cannstatt Stuttgart geht davon aus, dass bei vielen Patienten die Entwöhnung vom invasiven Beatmungsgerät auf der Intensivstation zu schnell aufgegeben wird. „In der Intensivmedizin ist die Neigung, Bettenkapazitäten dadurch zu schaffen, dass man Patienten in die außerklinische Beatmung schickt, groß“, sagte Hetzel bei einer Pressekonferenz in Berlin. Der Lungenarzt meint, dass bei zirka 50 Prozent der Patienten das Beatmungsentwöhnungspotenzial nicht ausgeschöpft werde.

Patienten, die mit invasiver Beatmung aus der Klinik entlassen werden, müssen meist in sogenannten Invensivpflege-Wohngruppen betreut werden. Die Kosten dafür beziffert Hetzel auf zwei bis vier Milliarden Euro pro Jahr. „Würde das Beatmungsentwöhnungspotenzial ausgeschöpft, könnte die Hälfte der zwei bis vier Milliarden Euro eingespart werden und – noch viel wichtiger – die Lebensqualität der Patienten steigen“, sagte Hetzel. Sie hätten mit einer Maskenbeatmung mehr Autonomie, weniger Pflegebedarf und ein deutlich geringeres Komplikationsrisiko.

 

DGP: Qualifizierte Beatmungsentwöhnung steigert Qualität und senkt Kosten

Deshalb hat die DGP schon 2009 das sogenannte WeanNet ins Leben gerufen. Die Initiative zielt darauf ab, dass mehr Beatmungspatienten eine qualifizierte, mitunter mehr als einen Monat dauernde Beatmungsentwöhnung erhalten. Dazu gehören Elemente aus der Bewegungstherapie, Physiotherapie, Ernährungsmedizin und Arzneimitteltherapie.

Das WeanNet fordert, dass Patienten nur dann in ambulante Beatmungs-Wohngruppen aufgenommen werden sollen, wenn vorher eine qualifizierte Beatmungsentwöhnung versucht wurde. Wenn das auf der Intensivstation des Krankenhauses nicht gelingt, stehen dafür bundesweit 43 sogenannte Weaningzentren zur Verfügung. Hetzel kritisiert außerdem, dass es in der außerklinischen Beatmung „nahezu keine Qualitätssicherung“ gebe.

„Qualität und Wirtschaftlichkeit müssen kein Gegensatz sein“, sagt Hetzel. Es gebe in der Medizin auch Beispiele, die zeigen, dass mehr Qualität Kosten einspare, so Hetzel weiter. Ein solches Beispiel ist Hetzel zufolge die Beatmungsentwöhnung.

Foto: Wolfgang Cibura - fotolila.com

Autor: Angela Mißlbeck
Hauptkategorie: Gesundheitspolitik
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