. Demografiekongress

Experten fordern Lösungen gegen den Fachkräftemangel und das Fehlen von altersgerechtem Wohnraum

Vieles muss sich in den nächsten Jahren ändern, wenn Deutschland die Herausforderungen des demografischen Wandels meistern will. Darin waren sich Teilnehmer und Referenten des Demografiekongresses 2013, der am 4. und 5. September in Berlin stattfand, einig.

Ulf Fink (Mitte) diskutiert mit der Politik: Wie gut sind wir gegen Altersarmut gewappnet?

Vor rund 750 Besuchern und unter der Schirmherrschaft von sechs Bundesministerien erörterten Entscheider aus der Wohnungs-, Sozial- und Gesundheitswirtschaft mit Vertretern der Politik, der Industrie und der Krankenkassen die Chancen und Risiken einer immer älter werdenden Bevölkerung.

Stadtentwicklungssenator Michael Müller erklärte, dass die Veränderungsprozesse durch den demografischen Wandel in Berlin bereits dramatisch spürbar seien. Insbesondere fehle es an altersgerechtem Wohnraum. Umfragen zeigen, dass die meisten älteren Menschen so lange wie möglich zu Hause leben wollen – oft sogar, wenn sie bereits pflegebedürftig sind. Doch die wenigsten Wohnungen sind entsprechend gestaltet. Vor allem die Wohnungsbaugesellschaften sieht Müller in der Pflicht, hier für Abhilfe zu sorgen.

Neben der Frage der Finanzierungsmöglichkeiten von bedarfsgerechtem Wohnraum wurden auch alternative Wohnformen wie Mehrgenerationenhäuser, ambulant betreute Wohngemeinschaften und genossenschaftliches Wohnen erörtert. Der Sozialwissenschaftler Dr. Konrad Hummel betonte die Vorteile des genossenschaftlichen Wohnens, bei dem die nachbarschaftliche Hilfe im Vordergrund steht. Der Beauftragte des Oberbürgermeisters der Stadt Mannheim für die Konversion, der für sein Engagement für genossenschaftliches Wohnen den diesjährigen Preis der Initiative Deutschland – Land des langen Lebens erhalten hat, erklärte, dass es bei der Diskussion über den demografischen Wandel nicht nur um die Frage der Pflegearbeiten und der medizinischen Versorgung gehen dürfe. „Woran es häufig fehlt, ist Zeit und soziale Aufmerksamkeit. Hier setzen die Seniorengenossenschaften an“, so Hummel. Er betonte, dass gerade die kleinen Hilfen im Alltag zu einer erheblichen Erhöhung der Lebensqualität von älteren Menschen beitragen können.

Fachkräftemangel betrifft die Pflege besonders

Ein weiteres wichtiges Thema des Demografiekongresses 2013 war der Fachkräftemangel in Deutschland. Die Experten auf dem Kongress waren sich einig, dass der Fachkräftemangel bereits zu Umsatzeinbußen bei den Unternehmen führt. Allerdings gibt es, wie Malte Ristau-Winkler, Leiter der Abteilung Grundsatzfragen des Sozialstaats und der Sozialen Marktwirtschaft im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, betonte, erhebliche unausgeschöpfte Potenziale, insbesondere bei Frauen und älteren Menschen. Und immerhin, so Ristau-Winkler, gebe es auch schon positive Veränderungen. So sei die Erwerbstätigenquote der Altersgruppe 55 bis 64 seit dem Jahr 2000 von 37 auf 62 Prozent gestiegen. Dies müsse jedoch noch stärker ausgebaut werden.

Die meisten Fachkräfte fehlen in technischen Berufen sowie bei den Pflegekräften. Letzteres ist besonders prekär, da Schätzungen zufolge die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland von heute 2,4 Millionen auf 3,6 Millionen im Jahr 2030 steigen wird. In den nächsten Jahren werden in der Pflege daher ungefähr 400.000 Vollzeitstellen mehr gebraucht, als heute zur Verfügung stehen. Bernd Meurer, Präsident des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste e.V. (bpa), erklärte, dass das Problem des Fachkräftemangels in der Pflege ein doppeltes sei: Während die älteren Pflegekräfte meistens recht früh aus dem Berufsleben ausscheiden, sei es bei den Pflegeberufen sonders schwer, junge Menschen für eine Ausbildung zu begeistern.

Meurer zufolge müssten die Arbeitgeber daher dringend versuchen, mehr Auszubildende zu gewinnen. Gleichzeitig sollte versucht werden, die Berufsverweildauer durch gezielte Gesundheitsförderung, Steigerung der Arbeitszufriedenheit, bessere Qualifizierung und Entlohnung sowie eine verstärkte Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erhöhen. Hier kommt auch dem Betrieblichen Gesundheitsmanagement eine besondere Bedeutung zu. Als dritten Punkt nannte Meurer die Erleichterung der Zuwanderung von Pflegekräften aus dem Ausland, die ebenfalls notwendig sei, um den Bedarf an Pflegekräften in den kommenden Jahren zu decken.

Dienstleistungen in den eigenen vier Wänden immer wichtiger

Wenn pflegebedürftige Menschen zu Hause bleiben wollen, werden ambulante Dienstleistungen und technische Hilfsangebote, die ein selbstbestimmtes Leben im eigenen Haushalt auch im Alter ermöglichen, immer wichtiger. Vertreter aus Industrie und Forschung stellten einige dieser sogenannten „Ambient Assisted Living"-Systeme (AAL), zu denen auch die Hausnotrufsysteme gehören, vor und zeigten, welche Fortschritte es bei telemedizinischen Lösungen und technischen Hilfssystemen, die einen Teil der täglichen Hausarbeit übernehmen, gibt.

Neben der Entwicklung von bedarfsgerechten Wohn- und Pflegekonzepten wurde auch die Bedeutung des Ehrenamtes auf dem Demografiekongress diskutiert. Gerade bei der Betreuung in den eigenen vier Wänden ist die Unterstützung durch Angehörige, Freunde oder Nachbarn von großer Wichtigkeit. Dennoch sind Umfragen zufolge weniger als ein Drittel der Menschen bereit, sich persönlich zu engagieren. Die Kongressredner waren sich weitgehend einig, dass hier noch viel Potenzial vorhanden sei und dass eine Verstärkung der ehrenamtlichen Alltagsunterstützung dazu beitragen würde, die Versorgungs- und Lebensqualität pflegebedürftiger Menschen zu verbessern.

Bedarfsgerechtes Quartiersmanagement für ältere Menschen

Auch die Kommunen stehen in der Verantwortung, Konzepte zur Unterstützung von älteren und pflegebedürftigen Menschen zu entwickeln. Ein bedarfsgerechtes Quartiersmananagement für ältere Menschen sieht Nachbarschaftshilfen, soziale Dienste und generationenübergreifende Angebote vor. Insbesondere im ländlichen Raum sind regionale Netzwerke wichtig. Zudem muss in vielen Fällen die Infrastruktur angepasst werden, um älteren Menschen beispielsweise Mobilität zu ermöglichen. Auch dies wurde auf dem diesjährigen Demografiekongress diskutiert.

Weitere Themen waren unter anderem die medizinische Versorgung im ländlichen Raum, Versorgungskonzepte für Demenzpatienten, die Bedeutung von Rehabilitationsmaßnahmen sowie die Fragen nach den Bedingungen für ein gesundes Altern. Die Vorstellung von drei über Hundertjährigen, die aus ihrem Leben berichteten, bildete den krönenden Abschluss des Kongresses.

DER DEMOGRAFIEKONGRESS 2014

Die Kongressteilnehmer waren sich einig, dass die größten Herausforderungen durch den demografischen Wandel erst in den nächsten Jahren auf uns zukommen werden. Impulse für seine Gestaltung sollen daher auch im nächsten Jahr wieder vom Demografiekongress ausgehen.

Der nächste Demografiekongress wird am 4. und 5. September 2014 in Berlin stattfinden.

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