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22.03.2021

Erreger in Milch und Rindfleisch begünstigen Darmkrebs

Infektiöse Erreger, die sich in Milch und Rindfleisch finden, könnten eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Darmkrebs spielen. Die BMMFs lösen Entzündungen aus, die Mutationen begünstigen.
Milch und Rindfleisch enthalten Erreger, die Darmkrebs fördern könnten

Infektiöse Erreger, die sich in Milch und Rindfleisch finden, könnten eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Darmkrebs spielen. Das zeigt eine Studie des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ), die im Fachmagazin PNAS erschien.

Wissenschaftler um Harald zur Hausen wiesen Bovine Meat and Milk Factors (BMMFs) bei Darmkrebspatienten in unmittelbarer Nähe der Tumoren nach. Die BMMFs können sich in menschlichen Zellen vermehren und bilden dort ein Proteinprodukt, Rep, das sie für ihre Vermehrung benötigen, heißt es weiter in einer Pressemitteilung.

Gewebeproben von Darmkrebs und gesundem Darm

DKFZ-Wissenschaftler aus dem Team um Timo Bund haben nun Gewebeproben von Darmkrebs und vom gesunden Darm untersucht. Zum Nachweis der Erreger nutzten sie Antikörper, die sie gegen das Rep-Protein generiert hatten. Damit wiesen sie BMMFs in 15 von 16 Darmkrebs-Gewebeproben nach.

Bei der Färbung von Gewebeschnitten mithilfe dieser Antikörper stellte sich heraus: Nicht die Krebszellen selbst enthielten das Rep-Protein, sondern die Zellen in der nächsten Umgebung der Tumoren.

 

Entzündungsfördernde Makrophagen nahe der Tumoren

Insbesondere in der Lamina propria, der unter der Darmschleimhaut gelegenen Bindegewebsschicht, und dort vor allem in der Umgebung der Darmkrypten, wies der Antikörper das Rep-Protein nach. Aus diesen Rep-positiven Zellen konnten die Forscher auch BMMF-DNA isolieren, die eng verwandt war mit den bereits aus Milchproben isolierten Erregern.

Die Anwesenheit der BMMFs scheint dabei chronisch-entzündliche Prozesse im Darmgewebe auszulösen. Tatsächlich fanden sich entzündungsfördernde Makrophagen in direkter Umgebung der Tumoren. Dabei waren die Signale für das Rep-Protein und für den Makrophagen-Marker CD68 nahezu deckungsgleich: Rep liegt also unmittelbar um oder in den Makrophagen vor.

Erhöhte Spiegel an reaktiven Sauerstoffverbindungen

Bei Darmkrebsproben wiesen 7,3 Prozent aller Darmzellen in der Tumorumgebung das kombinierte Rep/CD68 Signal auf. Bei den Darmzellen der gesunden Kontrollgruppe waren es mit nur 1,7 Prozent signifikant weniger.

Ein weiterer Hinweis auf entzündliche Prozesse waren die erhöhten Spiegel an reaktiven Sauerstoffverbindungen, die die Forscher in der Umgebung der Rep-positiven Zellen nachweisen konnten. "Solche Sauerstoffradikale begünstigen die Entstehung von Erbgutveränderungen", erklärt Harald zur Hausen.

Darmzellen mutationsförderndem Einfluss ausgesetzt

Die Entzündungen waren insbesondere in der direkten Umgebung der Darmkrypten lokalisiert. In diesen schlauchförmigen Vertiefungen sitzen die Stammzellen des Darms, die für die ständige Regeneration der Darmschleimhaut verantwortlich sind. Darm-Stammzellen produzieren laufend große Mengen an Vorläuferzellen, die sich schnell teilen und dabei diesem mutationsfördernden Einfluss ausgesetzt sind.

Je mehr Mutationen zusammenkommen, desto höher das Risiko, dass auch Gene getroffen werden, deren Defekt das Zellwachstum außer Kontrolle geraten lässt. Chronische Entzündungen sind als Krebstreiber bekannt, ein bekanntes Beispiel ist die Entstehung von Leberkrebs als Folge einer chronischen Infektion mit dem Hepatitis C Virus.

Erreger in Milch und Rindfleisch begünstigen Darmkrebs

"Wir betrachten die BMMFs daher als indirekte Krebserreger, die teilweise wahrscheinlich über Jahrzehnte hinweg auf die sich teilenden Zellen der Darmschleimhaut einwirken", so zur Hausen. Er geht davon aus, dass die Infektion mit den BMMFs etwa zum Zeitpunkt des Abstillens erfolgt.

Die Ergebnisse unterstützten die Hypothese, dass der Konsum von Milch und Rindfleisch die Entstehung von Darmkrebs begünstigt und eröffneten gleichzeitig Möglichkeiten zum präventiven Eingreifen, erklärt zur Hausen. So könnte ein frühzeitiger Nachweis der BMMFs besonders gefährdete Personen identifizieren, die dann rechtzeitig die Darmkrebsvorsorge in Anspruch nehmen sollten.

Foto: Adobe Stock/kai

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