. Neurochirurgie

Epilepsie-Operation verspricht Chance auf Heilung

Wenn Antiepileptika nicht ausreichend wirken, kann eine Operation eine gute Lösung sein. Daten von knapp 10.000 Patienten zeigen, dass viele damit sogar geheilt werden können. Allerdings kommt der Eingriff nur für bestimmte Patienten in Betracht.
Epilepsie-Chirurgie: Je früher desto besser. Doch im Schnitt dauert es 16 Jahre bis Patienten operiert werden

Epilepsie-Chirurgie: Je früher desto besser. Doch im Schnitt dauert es 16 Jahre, bis Patienten operiert werden

In Deutschland leben mehr als 600.000 Patienten mit Epilepsien. Etwas mehr als die Hälfte der Betroffenen spricht gut auf Antiepileptika an. Die anderen profitieren jedoch nicht von den Medikamenten und erleiden weiterhin epileptische Anfälle. Ärzte sprechen dann von einer Pharmakoresistenz.

Dass eine Operation diesen Patienten helfen kann, das zeigen jetzt Daten von knapp 10.000 Patienten aus der European Epilepsy Brain Bank (EEBB). Demnach gelingt es bei sechs von zehn Patienten, eine Epilepsie durch den chirurgischen Eingriff zu heilen, die Patienten werden also dauerhaft anfallsfrei. Dies war bei 58 Prozent der Erwachsenen und bei 65 Prozent der operierten Kinder der Fall. Die Studienergebnisse sind soeben im „The New England Journal of Medicine“ erschienen. „Die Daten belegen, welchen wichtigen Beitrag die Operation zur Behandlung dieses EU-weit relevanten Krankheitsbilds leisten kann“, sagt Professor Peter Vajkoczy, Direktor der Neurochirurgischen Klinik der Charité.

Operation hängt von Epilepsie-Ursache ab

Voraussetzung für die Operation ist allerdings, dass der Ursprung der Anfälle sicher identifiziert werden kann. Zudem muss der Herd operabel sein. Das ist längst nicht bei allen Patienten der Fall. Experten schätzen jedoch, dass in Deutschland mehrere Zehntausend Patienten für die Epilepsie-Chirurgie in Frage kommen. „Allerdings zögern viele Ärzte und Patienten, weil sie einen hirnchirurgischen Eingriff nur als letzten Ausweg betrachten“, erklärt der Ko-Autor der Studie Professor Holger Lerche, Vorstand am Hertie-Institut für Klinische Hirnforschung und Ärztlicher Direktor der Abteilung Neurologie mit Schwerpunkt Epileptologie der Universität Tübingen. Dabei machten moderne Operationstechniken die Epilepsiechirurgie in spezialisierten Zentren zu einem sehr sicheren Verfahren.

 

Ärzte zögern zu lange

Die Studie bestätigt, dass Ärzte mit einer Überweisung an epilepsiechirurgische Zentren sehr lange zögern. Demnach vergehen zwischen dem erstem Anfall und einer Operation im Schnitt 16 Jahre. Das ist wertvolle Lebenszeit. Drei Viertel aller Epilepsien beginnen bereits im Kindesalter. „Für diese Kinder geht viel berufliche und soziale Perspektive verloren, wenn eine Operation erst als letzte Behandlungsoption nach dem Scheitern jeder Arzneimitteltherapie betrachtet wird“, bedauert Lerche.

Wann also sollten Ärzte ihre Patienten an Neurochirurgen überweisen? Nach der Definition der Internationalen Liga gegen Epilepsie (ILAE) gilt ein Patient dann als bereits als pharmakoresistent, wenn Behandlungsversuche mit mindestens zwei Medikamenten in ausreichender Dosierung scheitern. Danach sinken die Chancen erheblich, mit weiteren Medikamenten noch eine Anfallsfreiheit zu erreichen. „An dieser Stelle sollte eine Überweisung an ein Epilepsiezentrum erfolgen, um die Möglichkeit eines epilepsiechirurgischen Eingriffs zu prüfen“, sagt Lerche. Je früher dieser erfolge, desto höher seien die Chancen auf Heilung.

Die European Epilepsy Brain Bank wird von der EU finanziert. Seit 2006 werden dort die Informationen von operierten Patienten aus 36 Epilepsiezentren in 12 Ländern zentral erfasst.

Foto: © Kzenon - Fotolia.com

Autor: ham
Hauptkategorien: Medizin , Gesundheitspolitik
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Epilepsie , Neurochirurgie
 

Weitere Nachrichten zum Thema Epilepsie-Chirurgie

 
 

Aktuelle Nachrichten aus der Gesundheit

. Mehr zum Thema
Interview mit Dr. med. Axel Panzer, Neuropädiater und Leiter des Epilepsie-Zentrums an den DRK Kliniken Berlin I Westend
 
. Weitere Nachrichten
Auch die dritte Staffel der ARD-Serie Charité zieht wieder Millionen Zuschauer in ihren Bann. In der fünften Folge, die am 26. Januar 2021 unter dem Titel „Sepsis“ ausgestrahlt wird, werden drei Fälle von Sepsis – landläufig auch als „Blutvergiftung“ bekannt – gezeigt. Wie realistisch die Darstellung ist und wie weit wir heute in der Sepsisdiagnose und -behandlung sind, erklärt der Vorsitzende der Sepsis-Stiftung Professor Konrad Reinhart.
Schweizer Wissenschaftler haben Abwehrzellen im Immunsystem identifiziert, die Tumorzellen erkennen und angreifen können. Anders als bisherige immunbiologische Therapien müssten T-Zellen vom Typ „MR1“ nicht mehr für jeden Patienten einzeln angepasst werden, sondern könnten wie reguläre Medikamente auf Vorrat produziert werden – für ganz verschiedene Formen von Krebs.
Astra Zeneca wird deutlich weniger COVID-19-Impfstoff an die EU liefern als zugesagt. Die EU fordert bis Ende der Woche Einsicht in alle Dokumente. Derweil ist der Impfstoff des britischen Pharmakonzerns unter Kritik geraten. Medienberichten zufolge soll er bei Menschen über 65 kaum wirksam sein.
 
 
. Interviews
Unter dem Stichwort der „harm reduction“ werden E-Zigaretten vielfach als weniger gefährlich bezeichnet als herkömmliche Zigaretten und sogar zur Raucherentwöhnung empfohlen. Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) widerspricht dieser Darstellung deutlich. Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem Pneumologen Professor Wulf Pankow über die Gefahren durch E-Zigaretten und geeignete Methoden für den Rauchentzug gesprochen.
Der klassische Medikationsprozess im Krankenhaus ist fehleranfällig. Untersuchungen untermauern das. Dabei könnte die Digitalisierung die Arzneimitteltherapie wesentlich sicherer machen. Das Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf (UKE) hat schon vor Jahren auf ein Closed Loop Medication Management umgestellt. Gesundheitsstadt Berlin hat mit UKE-Krankenhausapothekerin PD Dr. Claudia Langebrake über die Vorteile des digitalen Medikationsprozesses gesprochen.
Hitzewellen sind eine reale Gefahr für die Gesundheit und lassen die Mortalitätsrate ansteigen. Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem wissenschaftlichen Leiter des Zentrums für Medizin-Meteorologische Forschung des Deutschen Wetterdienstes (DWD) in Freiburg, Prof. Dr. Andreas Matzarakis, über Hitzewarnsysteme und die Auswirkungen von Hitzewellen auf unsere Gesundheit gesprochen.