. Institut für HIV-Forschung

„Eine HIV-Impfung wäre die beste Lösung“

Prof. Hendrik Streeck leitet Deutschlands erstes Institut für HIV-Forschung am Universitätsklinikum Duisburg-Essen. Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem US-Rückkehrer über sein größtes Ziel gesprochen: eine präventive Impfung gegen HIV.
HIV-Forscher Hendrik Streeck: Forschen mit Hochdruck an einer Impfung gegen HIV

HIV-Forscher Hendrik Streeck: Forschen mit Hochdruck an einer Impfung gegen HIV

Herr Professor Streeck, Sie haben einen HIV-Impfstoff „Made in Germany“ angekündigt. Beißen sich Forscher nicht schon seit drei Jahrzehnten die Zähne an einem präventiven Impfstoff aus?

Streeck: Das ist richtig. Damals wusste man halt noch nicht, wie kompliziert das Humane Immundefizienz-Virus ist. Heute haben wir umfassendere Erkenntnisse, und zwar nicht nur aus der Infektiologie, sondern auch aus der Immunologie. Wenn wir die jetzt richtig zusammenbringen, dann wird das klappen mit der HIV-Impfung. Da bin ich ziemlich optimistisch.

Ganz bei Null fangen Sie in Ihrem Essener Labor also nicht an?

Streeck: Ganz und gar nicht. Was wir hier am Institut für HIV-Forschung in Essen machen, basiert auf internationalen Entwicklungen, insbesondere aus den USA. Ich habe selbst am US Military HIV Research Program (MHRP) gearbeitet und hatte das Glück, in die Auswertung der Thai-Studie involviert zu sein. Sie erinnern sich vielleicht an diese Studie aus dem Jahr 2009: Damals hatte erstmals eine HIV-Impfung eine 30-prozentige Effektivität gezeigt. Zur Zulassung hat das zwar nicht gereicht, aber wir haben gesehen, dass wir einen Impfschutz aufbauen können - eine Impfung also möglich ist. Das war schon so etwas wie ein Durchbruch, zumal wir bei anschließenden Analysen herausgefunden haben, dass der Impfschutz anfangs sogar doppelt so hoch war. Sechs Monate nach der Impfung waren immerhin 60 Prozent der Teilnehmer vor einer HIV-Infektion geschützt. Bloß dass der Impfschutz eben nicht aufrechtgehalten werden konnte und nach 12 Monaten auf 44 Prozent und nach 18 Monaten schließlich auf 30 Prozent sank.

Warum nahm der Impfschutz so rapide ab?

Streeck: Das hat etwas mit der nachlassenden Immunantwort zu tun. Spannenderweise sank die synchron zum Impfschutz ebenfalls von 60 auf 44 Prozent und war nach einem Jahr fast nicht mehr nachweisbar. Ich glaube aber, dass wir die Immunantwort verlängern können. Und da sind wir augenblicklich dabei.

Ihr Impfstoff „Made in Germany“ hat demnach ausländische Wurzeln?

Streeck: HIV-Forschung kann man nicht alleine machen. Das geht nur in globalen Netzwerken. Auch die immunologischen Konzepte, die wir jetzt basierend auf den ALVAC/AIDSVAX_BE Impfstoff anwenden, stammen nicht aus Deutschland, aber wir sind froh beteiligt zu sein.

Sie leiten das Institut für HIV-Forschung jetzt seit einem Jahr und greifen dabei auf das Know-how einer riesigen Forschungsgemeinde zurück. Wie lange werden Sie unter diesen Vorzeichen für die Impfstoffentwicklung noch brauchen?

Streeck: Unsere präklinischen Studien laufen auf Hochtouren und werden Ende übernächsten Jahres abgeschlossen sein. Spätestens Anfang 2019 wollen wir verschiedene Impfstoffkandidaten in einer ersten klinischen Studie testen. Eine klinische Phase III Studie mit dem besten Kandidaten soll Ende 2022 beginnen. Wir hoffen natürlich, dass dieser Versuch eine höhere Effektivität zeigen wird.

Es wäre der weltweit erste zugelassene HIV-Impfstoff.

Streeck: Derzeit wird in Südafrika ein neuer Impfstoff im HVTN702 trial getestet. Daher ist es schwer zu sagen, was in fünf Jahren sein wird. Aber das hat keinen Einfluss auf unseren Plan.

Wird die Phase III Studie denn überhaupt in Deutschland durchgeführt?

Streeck: Das werden wir jetzt in der Impfstoffmachbarkeitsstudie „Brahms“ klären. Im Februar soll es mit der Rekrutierung losgehen. Die Teilnehmer werden dann alle drei Monate befragt und klinisch untersucht. Von den Ergebnissen erhoffen wir uns ganz neue Erkenntnisse zu den Übertragungswegen von HIV und anderen sexuell übertragbaren Erkrankungen in Deutschland. Auch welche Schutzmaßnahmen am besten greifen oder wie häufig andere sexuell-übertragbare Erkrankungen gleichzeitig auftreten.  Hierüber wissen wir bislang wenig und ich kann mir vorstellen, dass aus den Daten ganz neue Strategien entstehen.

Und was passiert, wenn dabei herauskommt, dass eine Impfstoffstudie in Deutschland gar nicht machbar ist?

Streeck: Das wäre zwar schade, aber dann wird die Phase III Studie in anderen Ländern durchgeführt. Mit Sicherheit in Thailand und in einem afrikanischen Land.

Gestatten Sie eine letzte Frage: Die Impfstoffentwicklung verschlingt Unsummen. Lohnt so viel Aufwand eigentlich, wo es doch heute eine zugelassene HIV-Prophylaxe mit Tabletten gibt?

Streeck: Die Frage ist berechtigt. Es gibt positive Hinweise aus anderen Ländern wie den USA, Großbritannien und Australien, dass PrEP in der Lage ist, die Zahl der HIV-Neuinfektionen drastisch zu senken. Seit Oktober untersuchen wir das Phänomen auch für Deutschland und ich kann Ihnen sagen, wir sind sehr, sehr gespannt. Und doch halte ich die PrEP für ungeeignet, die HIV-Epidemie global dauerhaft einzudämmen. HIV ist nämlich insbesondere ein Problem der ärmeren Länder. Und dort hat eine teure Therapie, die von Gesunden täglich zuverlässig eingenommen werden muss, wenig Chancen. Wenn wir HIV wirklich besiegen wollen, dann brauchen wir einen Impfstoff, der auch die Menschen in Osteuropa, Russland, Afrika und anderswo erreicht. Global gesehen ist eine Impfung darum nach wie vor die allerbeste Lösung. 

Hauptkategorien: Gesundheitspolitik , Medizin
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