. Coronavirus SARS-COV-2

Durchfall bei COVID-19: Ärzte vermuten Entzündungen im Darm

Etwa 2 von 10 COVID-19-Patienten klagen über Durchfall und Übelkeit. Tatsächlich kann Corona auch die Darmflora massiv verändern. Ärzte haben bereits Entzündungsmarker in Stuhlproben von Infizierten gefunden.
Entzündungsreaktion in der Darmwand könnte erklären, warum immerhin jeder fünfte bsi zehnte COVID-19 Patient an Bauchschmerzen und Durchfall leidet

Entzündungsreaktion in der Darmwand könnte erklären, warum immerhin jeder fünfte bsi zehnte COVID-19 Patient an Bauchschmerzen und Durchfall leidet

Durchfall, Übelkeit, Erbrechen sind bei einer COVID-19 Erkrankung keine Seltenheit. Bis zu 20 Prozent der Infizierten berichten über derartige Symptome, insbesondere in der Anfangsphase. Woher sie kommen, darauf will der Gastroenterologe Herbert Tilg, Direktor der Medizinischen Universitätsklinik Innsbruck, eine Antwort gefunden haben: ein entzündliches Geschehen im Darm. Ob das Coronavirus auch zu langfristigen Schäden im Verdauungstrakt führen kann, ist dem Mediziner zufolge noch ungewisse. Momentan sehe es jedoch eher nicht danach aus.

Was passiert nach einer Sars-CoV-2 Infektion im Darm, Herr Prof. Tilg?

Wir sehen bei unseren Patientinnen und Patienten, dass der Verdauungstrakt entzündlich mitbeteiligt ist. So konnten wir beispielsweise nachweisen, dass im Stuhl das Entzündungseiweiß Calprotectin deutlich erhöht ist. Dabei handelt es sich um einen Biomarker für eine Darmentzündung. Wir wissen also, dass Covid-19 nicht nur eine Entzündung in der Lunge verursacht, sondern wahrscheinlich auch im Dünn- und Dickdarm.

 

Was haben Sie von Ihren Covid-19 PatientInnen in den ersten Monaten gelernt?

Wir haben gelernt, dass diese Erkrankung ein sehr breites klinisches Bild zeigt. Das heißt, es können verschiedene Organe beteiligt sein. Es gibt keine andere Virusinfektion, die in einem so großem Ausmaß Entzündungen im Körper verursacht. Covid-19 ist also eine entzündliche Erkrankung, die den Organismus „überfährt“. Die Behandlung mit Cortison ist zu einer wirklichen Therapie geworden. Früher galt es als absurd, eine Infektion so zu behandeln. Jetzt ist es bei schweren Verläufen ein Standardverfahren. Da haben wir in der Medizin schon viel gelernt.

Durchfall kann ein Symptom für eine Covid-19 Erkrankung sein. Sollen Betroffene jetzt besser zu Hause bleiben, ähnlich wie das bei Erkältungskrankheiten geraten wird?

Jetzt, da das Virus so häufig ist: ja. Mit Fieber und Magen-Darm-Beschwerden sollte ich allerdings primär zu Hause bleiben, denn es könnte ja auch eine andere Viruserkrankung vorliegen. Eine weitere Verbreitung sollte jedenfalls vermieden werden, unabhängig davon, um welchen Erreger es sich handelt. Im Moment sehen wir beispielsweise kaum Fälle von Norovirusinfektionen – die intensiven Hygienemaßnahmen dürften hier einen günstigen Einfluss haben. Aktuell können Symptome wie Durchfall oder Erbrechen daher jedenfalls Anzeichen für eine Covid-19 Erkrankung sein. Gerade in der Frühphase sind es manchmal die einzigen Symptome. Später kommen meist weitere hinzu. Nur in Einzelfällen dominiert die Infektion der Verdauungsorgane das Geschehen.

Sie haben verschiedene wissenschaftliche Artikel zu Covid-19 publiziert. Was sind neue Erkenntnisse?

Wir haben zum Beispiel gezeigt, dass sehr viele der Betroffenen, fast 50 Prozent, krankhaft erhöhte Leberwerte haben. Das Ausmaß der Leberwerte korreliert mit der Entzündung im Körper. Die Leber ist damit ein weiteres Organ, das von den entzündlichen Prozessen einer Covid-19 Erkrankung betroffen ist. Darüber hinaus haben die Patientinnen und Patienten einen erhöhten Neopterinspiegel im Stuhl. Dieser Marker zur Erfassung der Immunaktivität wurde in den 1980iger Jahren an der damaligen Medizinischen Fakultät in Innsbruck entdeckt. Damit haben wir einen weiteren Baustein zum Verständnis der Erkrankung geliefert. Voraussichtlich kommt es zu einer Entzündungsreaktion in der Darmwand.

Welche Rolle spielt die „Keimwelt im Darm“, die Mikrobiota?

Covid-19 führt zu einer massiven Veränderung der Keimwelt. Die tausenden von Bakterienfamilien in der Mikrobiota ändern sich total. Es gibt erste Hinweise, dass diese Verschiebung etwas mit dem Schweregrad der Erkrankung zu tun hat. Die Keimwelt wird durch die Infektion verändert und trägt letztlich auch zur Ausbreitung der Entzündung im Körper bei. Das hat natürlich einen nachhaltigen Effekt auf das Krankheitsgeschehen und die Mikrobiota ist damit auch ein mögliches Target für die Behandlung.

Was wissen Sie über die Langzeitfolgen im Verdauungstrakt?

Hierzu laufen natürlich noch Forschungsarbeiten, aber wir wissen, dass sich im Schnitt die Symptomatik der Verdauungsorgane bei Covid-19-PatientInnen nach Tagen oder Wochen wieder legt. Auch die Entzündungen der Leber, die wir in der Akutphase sehen, legen sich wieder. Bei schweren Verläufen einer Covid-19 Erkrankung kommt es zu der bereits häufig beschriebenen totalen Überreaktion des Immunsystems. Dieser Zytokinsturm fährt in alle Organe hinein. Zum Glück sehen wir auch in der Leber aktuell keine chronischen Schädigungen, aber hier wird von uns weiterhin genau hingeschaut.

Herausforderung Vorsorge: Kommen noch genügend Personen zur Darmkrebsvorsorge?

Das ist ein wichtiger Punkt. Wir haben gelernt, dass unsere Patientinnen und Patienten nicht nur während des Lock-Downs, sondern auch danach oft nicht zu wichtigen Vorsorgeuntersuchungen kommen. Es gibt bereits Hochrechnungen, die besagen, dass wir rund zehn Prozent der Darmkrebserkrankungen später und in einem fortgeschrittenerem Stadium diagnostizieren werden. Das bedeutet einen grundlegenden Nachteil für die Betroffenen. Also ich appelliere daher ganz deutlich: Bitte gehen Sie weiterhin zur Vorsorge!

Das Gespräch wurde von der Pressestelle des Universitätsklinikums Innsbruck aufgezeichnet.

Foto: © Adobe Stock/PORNCHAI SODA

Autor: ham
Hauptkategorien: Corona , Medizin
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Coronavirus
 

Weitere Nachrichten zum Thema COVID-19

 
 

Aktuelle Nachrichten aus der Gesundheit

. Mehr zum Thema
Die Behandlung von COVID-19 stellt die Medizin vor riesige Herausforderungen. Der Lungenarzt und Infektiologe Prof. Dr. Norbert Suttorp von der Charité erklärt, was COVID-19 von anderen Lungenentzündungen unterscheidet und welche Therapieansätze Hoffnung machen. Eine Zusammenfassung unseres Podcasts.
 
. Weitere Nachrichten
Viele Menschen mit Inkontinenz scheuen sich vor sportlichen Betätigungen. Dabei sind Sportarten mit ruhigen und möglichst gleichmäßigen Bewegungen durchaus für sie geeignet. Durch eine Stärkung des Beckenbodens können sie das Problem sogar vermindern helfen.
Ein Medikament gegen COVID-19 mit durchschlagender Wirkung gibt es nach wie vor nicht. Seit Beginn der Pandemie richteten sich Hoffnungen auf verfügbare antivirale Medikamente wie gegen HIV oder Malaria. Auch der Ebola-Wirkstoff Remdesivir ist darunter. Obwohl der Hersteller dessen Wirksamkeit auch gegen Corona beteuert, entthront jetzt eine MPI-Studie ein weiteres Mal das Präparat.
 
 
. Kliniken
. Interviews
Unter dem Stichwort der „harm reduction“ werden E-Zigaretten vielfach als weniger gefährlich bezeichnet als herkömmliche Zigaretten und sogar zur Raucherentwöhnung empfohlen. Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) widerspricht dieser Darstellung deutlich. Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem Pneumologen Professor Wulf Pankow über die Gefahren durch E-Zigaretten und geeignete Methoden für den Rauchentzug gesprochen.
Der klassische Medikationsprozess im Krankenhaus ist fehleranfällig. Untersuchungen untermauern das. Dabei könnte die Digitalisierung die Arzneimitteltherapie wesentlich sicherer machen. Das Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf (UKE) hat schon vor Jahren auf ein Closed Loop Medication Management umgestellt. Gesundheitsstadt Berlin hat mit UKE-Krankenhausapothekerin PD Dr. Claudia Langebrake über die Vorteile des digitalen Medikationsprozesses gesprochen.
Hitzewellen sind eine reale Gefahr für die Gesundheit und lassen die Mortalitätsrate ansteigen. Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem wissenschaftlichen Leiter des Zentrums für Medizin-Meteorologische Forschung des Deutschen Wetterdienstes (DWD) in Freiburg, Prof. Dr. Andreas Matzarakis, über Hitzewarnsysteme und die Auswirkungen von Hitzewellen auf unsere Gesundheit gesprochen.